Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 14 (15.2.1899)
- Date
- 1899-02-15
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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252 richter vorgehaltenen Spiegel blicken läßt. Viele wollen deßhalb in Ibsen den Begründer einer neuen Epoche, einer bisher noch ungekannten Richtung auf dem Gebiete dramatischen Schaffens erblicken. Der denkende Forscher kann jedoch finden, daß Ibsen- Richtung weder so wahr, noch so neu sei, als geglaubt würde. Das Drama Ibsen'- schließt sich eng an die Schicksalstragödie der Alten an. Auch die griechischen Dramatiker schöpfen aus dem Leben. Bei ihnen wird ein Atträus, ein Oedipus durch den Fluch der Götter zu Schandthaten getrieben. In den Werken der Alten, besonders bei Sophokles findet sich der Gedanke, daß auf Kinder vererbte böse Neigungen und Triebe bei diesen wiederum die Sünde herbeiführen, und daß dann der böse Sinn oft Dimensionen annimmt, die beängstigend wirken. Deßhalb müffe die Gesammtheit gegen das einzelne Individuum oftmals grausam sein, damit das öffentliche Wohl und das Schicksal der Allgemeinheit nicht dauernd durch die Gemeingefährlichkeit Einzelner Schaden leide. In gewissem Sinne denken auch wir ja so. Wenn ein Mörder verurtheilt wird, so werden wir ihm — so lange lediglich das Herz spricht — unser Mitleid dafür schenken, daß er so entsetzlich irren und so tief sinken konnte. Da» kann uns aber nicht hindern, wenn die Exeeution an dem Mörder vollzogen wird, darüber Genugthuung zu empfinden, daß ein Verbrechen seine Sühne findet, und daß die menschliche Gesellschaft von einem gemeingefährlichen Feinde befreit wird. Vom Standpunkte der Religion aus müssen wir e» nur gutheißen, wenn ein Individuum, das gegen Gott und Menschen in empörender Weise gefrevelt, von der strafenden Gerechtigkeit ereilt wird. Sowohl antike Dramatiker, wie moderne Schriftsteller wollen — wie wir gesehen — aus der Bibel die Vererbung von Schuld und Sühne von Vätern auf Kinder herleiten und stellen es dar, als müsse nach der Bibel der Sohn die ererbten Sünden weiter begehen, ohne daß ihm die Möglichkeit geboten sei, durch Besserung und Anstreben guten Wandels sich der Sünde und ihrer bösen Folgen zu erwehren. Solche Schlüffe und Folgerungen aus der Bibel zu ziehen, ist nur dadurch möglich, daß so Viele, die sich auf die Bibel berufen, dieselbe entweder gar nicht oder nur höchst mangelhaft kennen. Vom Sündenfall Adams ausgehend findet sich nirgends eine Stelle in der Bibel, welche die Annahme rechtfertigen könnte, die Schuld der Väter, die Vererbung der Sünde werde gleichsam als unabweisliches Verhängniß auf spätere Geschlechter übertragen. Wenn es in der Bibel heißt: „Gott ahndet die Sünden der Väter bis ins vierte Geschlecht" so wird jeder, der sehen will und kann, dies dahin verstehen müssen: Nicht jede Unthat und jedes Vergehen findet auf dieser Erde sofort ihre Ahndung; eS können oft drei und vier Geschlechter vergehen, ehe das Strafgericht hereinbricht. Aber die Sünden der Väter werden nur geahndet „an denen die mich hassen". Wie viele Beispiele finden sich in der jüdischen Geschichte zum Beweise dafür, daß durch Büßfertigkeit und Umkehr von der Sünde die schon beschlossene Strafe abgewendet werden kann. Das Haus Achab's wird auf göttlichen Befehl durch Elijahu dem Untergang geweiht. Da Achab in sich geht und Demuth übt, spricht Gott: Weil Achab sich vor mir gedemüthigt hat, soll das verhängte Unheil nicht mehr in seinen Tagen kommen. Die frommen Könige ChiZkijahu und Joschijahu sind die Nachkommen sündhafter Vorfahren. Weit entfernt, daß sie für die Schuld ihrer Ahnen zu büßen hatten, wird es ihnen hoch zum Verdienst angerechnet, daß sie nicht auf den sündhaften Wegen der Väter, sondern auf den Bahnen der Rechtlichkeit und Frömmigkeit wandeln. Die große Stadt Niniveh entgeht der vom Propheten Jonah bereits ausgerufenen Zerstörung, weil ihre Bewohner, Hoch und Nieder, Klein .und Groß, Jung und Alt sämmtlich Buße thun und die bösen Pfade verlassen. Nur wo die Sünden und bösen Triebe der Väter von den Nachkommen nicht bekämpft, sondern weiter gepflegt werden, findet auch die Schuld der Väter an späteren Geschlechtern noch ihre Ahndung. Das Reich der Griechen, dastolze weltgebietende Rom, wie das jüdische Reich gingen nicht an ererbten Sünden, sondern an fortgesetzter Lasterhaftigkeit und Sittenfäulniß zu Grunde. Den schädlichen Folgen, welche ererbte Sünden zeitigen, kann ein wirksamer Damm durch entsprechende Erziehung entgegengesetzt werden. Man kann oft von einem jugendlichen Verbrecher im Gefängniß hören: „Ich wäre nicht hier, wenn mir ein besserer Weg gezeigt worden wäre." Zwangserziehung, Fürsorge für verwahrloste Kinder sind Mittel, die schon in früheren Jahren als Repressalien angewandt wurden und die beweisen, wie sehr die Furcht vor Forterbung von Schuld und Sühne in den Völkern wurzelt. Den besten Schutzwall gegen die unheilvollen Früchte ererbter Sünden bieten das göttliche Wort, die Religion, die sittliche Einw rkung auf Herz und Gemüth. Ibsen will in seinem Drama „Gespenster" an seinem Oswald, dem Sohn eines lasterhaften Vaters zeigen, daß der Sohn eines Sünders nothgedrungen wieder zum Sünder werden müsse, daß es kein Entrinnen aus den Netzen der bösen Begierden gebe. Oswald's Mutter bemüht sich durch gutes Beispiel, das sie durch hingebende Fürsorge, durch Menschenliebe und werkt hätige Mildherzigkeit gibt, sowie durch Entfernung des SohneS aus der verderblichen Nähe des moralisch anrüchigen Vaters, den Sohn dem Pfade der Sünde fern zu halten, alles umsonst. Oswalt kehrt inelterliche