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Der Israelit · 1899-02-15 · Heft 14 (15.2.1899) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 14 (15.2.1899)
Date
1899-02-15
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XL Jahrgang. Erste BrUage M M14 -es „Israelit". Leitender Artikel. Nnttdünz oon Kitzn!» mm SWe in ütr Klvel, foroif dkl oltrn nnb mobecnen framatiiteni. In einem Vortrage über obiges Thema, welchen Herr Landrabbiner Dr. Prager—Kassel am 20. Dezember im Literatur-Verein in München hielt, wies der genannte Redner darauf hin, daß der göttliche Ausspruch: „Ich ahnde die Sünde der Väter bis ins vierte Geschlecht rc." von den Schriftstellern und Dramatikern benützt wurde als Stützpunkt dafür, in dem Gott Israels einen unnachsichtigen und unversöhnlichen Gott zu erblicken. Der Gedanke, daß keine Schuld auf Erden ungefühnt bleibt, findet feinen Ausdruck in Wort und Schrift, in Erzählung und Volkssage bei den ältesten Völkern und weiter durch die Jahrhunderte hin bis in die modernen Zeilen. Das Gericht der 40 Tobten bei den alten Egyptern, die Sage vom Tantalus und Sisyphus bei den Griechen, Hölle und Fegfeuer bei den späteren Völkern sind lauter Einkleidungen für den Gedanken: ,M gibt eine Vergeltung." Im Wesen der menschlichen Natur liegt es begründet, immer darüber grübeln und rechten zu wollen, warum diesen Menschen ein glückliches Schicksal gegönnt, während über Andere Unfälle und Heimsuchungen verhängt werden. Wie oft scheint es, als ob die Unschuldigen unverdient harte Strafen erleiden, während Frevler ungestört in Glück und Wohlstand schwelgen können. Schon unser Führer Moscheh stellte — einem Midrasch zufolge — eine solche Frage, als er von der Höhe des Berges Sinai mit ansah, wie unten ein Wanderer von Wegelagerern beraubt und ermordet wurde, wie die Mörder sich der gewonnenen Beute freuend, unbehelligt von dannen zogen, während der herbeieilende Sohn des Erschlagenen — da er weit und breit sonst Niemanden erblickt — einen gebeugten, unter Der Last des Alters fast zusammenbrechenden Greis des Mordes bezichtigt, die Waffe gegen denselben zückt und ihn todt zu Boden streckt. „Warum lastest du, o Gott des Erbarmens und der Gerechtigkeit zu, daß der Schuldlose dahingemordet wird, während die Frevler ungestraft von dannen ziehen," so fragte Moses. Die göttliche Weisheit belehrte ihn, daß der ermordete Greis zwar an der von Moses mitangesehenen Blutthat schuldlos sei, daß aber an seinen Händen dar Blut Unschuldiger haste und an ihm jetzt die große Zahl der im Leben verübten Verbrechen geahndet worden sei; auch die Mörder des Wanderers würden, wenn sie auch für den Augenblick entfliehen konnten, ihrer verdienten Strafe nicht entrinnen. Gleichzeitig wird Moses von der Gottheit verwarnt, in Zukunft solche Fragen zu stellen, denn keinem Erdensohne sei der Einblick in das Walten der göttlichen Gerechtigkeit gestattet. Auch der erste Stammvater erlaubte sich, als das Verderben über Sodom beschlossen wurde, die Frage an den himmlischen Lenker, ob der Gerechte gleich dem Gottlosen gerichtet werden solle. Hiobs beispiellose Leiden und Schicksalsschläge treffen scheinbar einen Gottesfürchtigen unv Gerechten, und wenn ein moderner Dichter singt: „Warum schleppet unter Thränen seine Kreuzlaft der Gerechte, während schwelgend in dem Glücke sich oft freuen kann, der Schlechte," so begegnen wir damit demselben Gedanken, dem die Menschheit schon seit Jahrtausenden in allen Ländern und unter allen Himmelsstrichen Ausdruck verleiht, indem ihre Kurzsichtigkeit immer hier zu viel unverdientes Glück, dort zu viel unverdiente Heimsuchungen und Züchtigungen erblicken will. In dem Suchen nach einer Erklärung für unverdientes Mißgeschick glaubten und glauben nun Biele, daß es die von den Vorfahren ererbte Schuld sei, die sich an den Nachkommen räche. Bei den alten Völkern waren es die Erynien, die Nemesis, der Zorn der Götter, welche da» Unheil hereinbrechen ließen, während die wahre Religion das sittliche Walten der über allen Menschenverstand erhabenen Gottheit in der gerechten Vergeltung erblickt. Bei dem Standpunkt, der in der Schicksalstragödie der Alten, sowie auch in manchem modernen Drama eingenommen wird, blieb unbeachtet, daß der Mensch kraft der ihm verliehenen freien Willensbestimmung die Wahl hat, das Gute zu üben und das Böse zu lasten. Nach den solchem Werken zu Grunde gelegten Begriffen schleicht sich die Sünde — dem Menschen unbewußt tückisch und verderbenbringend bei ihm ein und zwingt ihn widerstandslos auf die Bahn des Lasters. In der neueren Zeit haben die tief in Realistik getauchten Werke von Gerhart Hauplmann und Henrik Ibsen großes Aussehen gemacht, weil sie den Ausgleich von Schuld und Sühne behandeln; ein solches Beginnen kann an und für sich der Zustimmung des Menschenherzens freilich immer sicher sem. Man hat es besonders Ibsen hochangerechnet, daß seine Gestalten nicht erfunden und erdichtet seien, sondern daß er aus dem thatsächlichen Leben, aus der greifbaren Wirklichkeit geschöpft habe, und daß er die Menschen gleichsam in den ihnen vom Sitten-

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