Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 12-13 (9.2.1899)
- Date
- 1899-02-09
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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2Z6 welche Achtung und Werthschätzung auf dessen Schwiegersohn Reb Herschel übertragen wurde. Dieser erhielt auch eine schöne Nedan 12), Die sein Schwiegervater zu dessen Nutzen in seinem Geschäft verwerthete. Unser Reb Herschel hatte also nichts anderes zu thun, als fleißig zu lernen, Morgens und Abends in die Schul1S) zu gehen, und zwischen Mincha ") und Marin, i3) den Schiur*3) des zu damaliger Zeit Vortragenden berühmten Rofch Beth Dins n) im Beth- Hamidraschl8) zu besuchen, wo er sich an den scharfsinnigen Pschattlech^) des Vortragenden ergötzte und sich oft an dem sich hierüber entfponnenen Pilpul20) betheiligte. So vergingen Jahre und Tage und unser Reb Herschel erfreute sich auch seine« vollen ehelichen Glückes, indem seine Gattin ihn mit drei Kindern, nämlich mit zwei Knaben und einem Mädchen beschenkt halte. Er halte also allen Grund dein Allmächtigen für das Glück, das Er ihm, dem gewesenen armen Bochur zu Theil werden ließ, daß es ihm gegönnt war, ohne jedwede Sorge für Parnoso 2l) sein ganzes Leben al hathoro weal Hoawovo *2) verbringen zu können, seinen Dank emporzusenden. Doch ist es eine bekannte Schwäche des Menschensohnes, daß er nie zufrieden, wie der Talmud es im Satze hojoh lo Meo rozeh Mofajim23) trefflich ausdrückt. So war es auch bei unserem Reb Herschel. Er fing an im Laufe der Zeit des fortwährenoen Lernens, des ewigen Stubenhockens und des sich Erhaltenlassens seitens seines Schwiegervaters überdrüssig zu werden. Er dachte wohl nicht daran, das „Lernen" gänzlich über Bord zu werfen, doch wollte er, wie er sagte, nach dem Ausspruche unserer Talmudweisen Jose Talmud Thora im Derech-Erez24), das Weltliche mit dem Göttlichen vereinigen, und eines schönen Tages überraschte er seinen Schwiegervater mit der Eröffnung, daß er des fortwährenden Zimmersitzens und Lernens müde sei, und er, wie viele Bne Thora 2°) in der Khillo26), die auch Kaufleute wären, auch ein Socher2?) werden und sich selbstständig machen wolle. Sein Schwiegervater Reb Scheftel war Anfangs bei dieser plötzlichen Miltheilung ganz perplex und versuchte es, ihm den Stuß,28) plötzlich ein Socher werden zu wollen, unter Gelächter auszureden und zwar mit folgenden Worten: 12) Mitgift. 13) Synagoge. 14) Nachmittaggebet. 15) Abendgebet. 16) Talmudvortrag. 17) Vorsitzender des Rabbinals - Collegiums. 18) Lern- und Vortragssaal. 19) Geistreiche Auslegung schwieriger Talmudstellen. 20) Disputation. 21) Lebensunterhalt. 22) Beim Studium der Thora und an Gottesdienst. 23) Hat er Hundert, so will er Zweihundert. 24) Schön ist da« Thorastudium mit dem welttichen Wissen zu vereinigen. 25) Thoragelehrte. 26) Gemeinde. 27) Kaufmann. 28) Narrheit. „Was fällt Dir ein, auf einmal ein Socher werden zu wollen? Du hast doch keine Ahnung von einem Geschäft und ein Gelehrter fällt nicht vom Himmel." Doch alle ihm entgegengehaltenen Gründe für die Unsinnigkeit seines Begehrens wies Reb Herschel mit den Worten zurück: „Es gehört mehrSechel22) dazu, einen herben *>) Rambam zu entfern,31) als ein Geschäft zu machen, wo man nur billig einzukaufen und theuer zu verka ufen brauche." Als nun alle ihm vorgebrachten Vernunftgründe nichts fruchteten, ging Reb Scheftel scheinbar auf das Verlangen feines Schwiegersohnes, Socher zu werden, ein, und sagte eines Tages zu diesem: „Damit Du sehen sollst, daß ich, womöglich Deinem Wunsche entsprechen will, will ich nun mit Dir zuerst eine Probe machen. Da hast Du Tausend Gulden, übermorgen ist der Haupttag der Leipziger Messe, fahre nach Leipzig und kaufe dort Sechore32) ein, da werde ich gleich sehen, was Du kannst, und ob Du zum Socher taugst." Mit Freude ging Reb Herschel auf den Vorschlag ein, nahm das Geld und reiste mit dem nächsten Zug nach Leipzig zur Messe. Nach mehr als eintägiger Reise in Leipzig angelangt, suchte er ein Hotel auf, und ermüdet von der weiten Reise, erfreuete er sich eines guten Schlafes, von welchem er erst spät morgens erwachte. Bis er sich anqekleidet, Nekijoth gehalten, gewaschen und gedawent,33) seinen gewohnten Nebenschiur") einen Simon Mögen Abraham3^) gelernt, war es schon nahezu Mittag geworden. Bis er dann in der ihm fremden Stadt sich zurecht gefunden und zur Straße anlangte, wo die Messe abgehalten wurde, hatten die meisten Budenbesitzer bereits ihre Waarenlager eingeräumt, bis auf zwei Buden, deren Inhaber auch ihre Vorbereitungen zum Einräumen ihrer Waarenlager machten. Mit eiligen Schritten und fast ohne Athem, näherte sich unser Reb Herschel der ersten Verkaufsbude, um zu sehen, was in derselben feilgeboten wurde. Es waren Schuhleisten, bekanntlich ein Artikel, deren Absatzfähigst eine äußerst minimale ist und der nur von den Schuhmachern gebraucht wird, aber von diesen auch nur selten, da, wenn diese einmal angeschafft, ewig dauern, und nicht ruinirt werden. Mit feinem Kennerblicke hatte der Verkäufer gleich herausgefunden, daß er es mit keinem Geschäftsmanne, sondern mit einem Schlemiel38) zu thun habe. Er begann daher sogleich unseren Reb Herschel zum Kaufe einzuladen und seine Schuhleisten 29) Verstand. 30) Eine schwierige Stelle des Werkes des Maimonides. 31) Zu erklären. 32) Waaren. 33) Gebetet. 34) Einen Abschnitt aus dem Schulchan-Aruch, der gewöhnlich nach dem Morgengebete gelernt wird. 35) Commentar zum Orach-Chajim. 36) Ungeschickter und unerfahrener Mensch.