Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 12-13 (9.2.1899)
- Date
- 1899-02-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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müssen wir suchen, in Verbindung mit der übrigen Welt Höherezu erstreben, Bedeutendes oder doch Dauerhafteres zu vollbringen, dar größeren Werth hat. Die Nothwendigkeit des Zusammenwirkens und die Unzulänglichkeit der eigenen Kraft führt zumeist die Menschen dahin, einen Theil ihrer Menschen-, pflichten zu erfüllen. In Hunderten von Fällen erbringt uns das Leben den zwingendsten Beweis, daß wir nur durch Mitwirkung Anderer Schutz und Sicherheit uns verschaffen können und so, wie diese uns helfen, wir ihnen beistehen müssen- Wo es aber unser eigenstes Wesen betrifft, da ist diese Nothwendigkeit für uns nicht so zwingender Natur. Der halbe Schekel, heißt es, soll snpn ‘»prs, nach dem heili gen Schekel, gegeben werden. Es ist ein großer Unterschied, wie man sein sein Bischen Können anwendet, wie man Kraft und Fähigkeit verwerthet, wie man seinen halben Schekel spendet, ob zu rein persönlichem Zweck, oder zu einem höheren. Dadurch kann dem halben Schekel ein höherer oder geringerer Werth verliehen werden. Wenn ich einen halben Schekel zur Verfügung habe und kaufe mir dafür etwa» Überflüssiges, Nutzloses, so wird das für den halben Schekel Eingetauschte fast werthlo». Verschenke ich aber denselben, unterstütze damit einen Bedürftigen, helfe ihm aus einer augenblicklichen Noth: dann habe ich ihm nicht blos einen halben Schekel geschenkt, nein, dieser halbe Schekel erhält den Werth eines großen Geschenkes. Und derselbe große Unterschied ist es auch, ob ich für mich, für rein persönliche Bedürfnisse meine Geistes mben verwerthe, oder zu meiner geistigen Ausbildung, zur sittlichen Vervollkommnung. Und diese Seite unserer Pflicht tritt in den Vordergrund, muß vorherrschend sein. Unsere Vernunft muß vorwiegend dem geistigen, sittlichen Menschen gewidmet sein, sonst sinkt der Werth unseres Lebens tief herab. Während andererseits der Werth unserer geringen Kraft an Bedeutung gewinnt, viel höher angeschlagen werden muß, als sie sonst es etgenllich verdient. Wie bedeutsam dieser hohe Werth ist, das wird uns klar durch die weitere Bemerkung bpvn nxmz bw ab b-.m fot »b iwi, daß „der Reiche nicht mehr und der Arme nicht weniger, als einen halben Schekel" geben soll. Während der halbe Schekel eines Armen als Spende viel mehr Werth hat, als der eines reichen Mannes, so ist beim ttmpn bpv, wenn der Reiche und der Arme ihrer höheren Menschenaufgabe ihre Kraft leihen, wenn sich Beide bemühen, echte, edle Menschen zu sein, ihr halber Schekel gleichwerthig. Es wirft sich uns die Frage auf, warum die heilige Schrift dieses Gleichniß vom Reichen und Armen noch anführt, da doch schon gesagt ist, daß Alle, vom 20. Jahr an, also reich wie arm, einen halben Schekel geben sollen. Es gibt einen Reichthum, der in Wahrheit etwas Werthvolles ist, es gibt eine Armuth, die eine Schande ist. Wer nach des Lebens höchstem Gute strebt und in Verbindung mit der Gesammtmenschheit dahin wirkt, daß dieses Gute allen Menschen gemeinsam sei, der ist in der Thal reich, auch wenn er an irdischen Gütern keinen Ueberfluß hat. Und wer nur nach sinnlichem Genuß strebt, seinen Leib pflegt, nur an sich, denkt, nur für sich sorgt, allein genießen will, der mag Millionen besitzen, er ist doch ärmer, als der ärmste Taglöhner. Der Unterschied zwischen reich und arm, welche Bezeichnung durch einen größeren oder geringeren Besitz äußerer Güter erworben wird, verschwindet, sobald man sich in der Darbringung des gemeinsamen halben heiligen Schekel begegnet. Der hochbegabte Mensch mit seinem höheren Streben, er ist nicht mehr werth, als der Minderbegabte, der seine schwache Kraft derselben besseren Menschenaufgabe leiht. Der reiche Mann, der mit seinen reichen Mitteln Größeres erzielen kann, hat doch kein größeres Verdienst, als der Arme, der mit seinen geringen Mitteln auch das Gute zu fördern sucht. Es liegt in diesem Streben, etwas Gutes und Edle» zu wollen, ja der G e d a n k e, es nicht für sich allein, sondern für alle Menschen zu wollen und sich als Theil der Menschheit das allgemeine Wohl zu fördern als verpflichtet erachtet. Auch darauf weist uns die Venwendung des halben Schekel hin. „Du sollst ihn verwenden zum Dienste im StiftSzelte, und er fei für die Kinder Israel eine Erinnerung vor Gott, zu sühnen auf ihre Personen." Zum Dienst im StiftSzelte, des gemeinsamen mit gemeinsamen Mitteln errichteten HeiligthumeS unseres Volke», um darin den Gedanken an Gott zu pflegen, wach zu halten, damit dann auch Gott unser gedenke, also als Ausgleich, als versöhnendes Moment diente der gemeinsam dargebrachte halbe Schekel. Wo man sich im Leben so begegnet, wo man sich als zusammengehörig fühlt und weiß, wo man zusammengeht in gleichem Streben, beseelt und angefeuert durch edles Thun: Da werden wir in uns befriedigt sein, werden den Frieden auch mit der Außenwelt finden, ja die gleiche friedliche Gesinnung wird uns entgegengebracht, werden. Scheinbar ist das, was wir heute für den Dienst unserer heiligen Sache darbringen können nur etwas Halbes, nur ein kleiner Theil. Doch, wenn alle Diejenigen, die ihren halben Schekel empn in diesen gemeinsamen Gedanken sich begegnen, dann wird dieser halbe Schekel die volle, von Gott verlangte Spende sein, wird genügen, um das gemeinsame Heiligthum zu errichten, zu erhalten; wird diesegemeinsame höhere Streben hinreichen, den echt jüdischen Gedanken stets aufs Neue zu be-