Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 11 (6.2.1899)
- Date
- 1899-02-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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205 wenn wir an dieser Wahrheit festhalten. Hieran mögen wir auch wieder erinnert worden sein, als wir die erhabenen Sinai-Worte in unseren Gotteshäusern verlesen hörten, psr rr ppx. Zeitungsnachrichten und Correfpondenzen Deutschland. Berlin. Ein traur ges Symptom der Zeitläufte, welches man am liebsten nicht berücksichtigen möchte, das aber von der objektiv urtheilenden Presse vermerkt werden muß, ist die Thatsache, daß es seit einiger Zeit einer Unterströmung im Centrum recht zu behagen scheint, für die Antisemiten Geschäfte zu besorgen. Bei jeder angängigen Gelegenheit versetzt man dann dem israelitischen Elemente einen Eselstritt und thut darauf ganz entrüstet, wenn auf ein solch unwürdiges Gebühren hingewiesen wird. So konnte in der Budgetcommission des Reichstages den Postetat betreffend Abgeordneter Dr. Lingens es nicht unterlaßen, sich für ein Verbot der lärmenden Packetbeförderung (!) am Sonntag auszusprechen. Weiter regte derselbe Abgeordnete an, am Sonntag für die Beförderung der Telegramme höhere Gebühren zu erheben, da „am Sonntag die Telegraphie namentlich durch die zahlreichen jüdischen Hochzeiten in Anspruch genommen wird." Man muß diese köstliche Begründung wirklich zweimal lesen, bis man dieselbe glauben kann. Ein Schritt weiter und wir kommen zu dem katholischen und jüdischen Telegraphendraht. Erinnert man sich dann der Mätzchen, welche Centrumsabgeordneter Gerstenberger in der Reichstagsdebatte über die Fleischnot sich gegen die Juden erlauben konnte, so wird man diese Ausfälle seitens Vertreter einer Partei, welche die Parität mit Fug und Recht unermüdlich betont, lebhaft bedauern müssen. (Die im „Israelit" von bedeutenden Männern in Vorschlag gebrachte Ablösung der Hochzeitstelegramme durch Spenden für das heilige Land soll bei dieser Gelegenheit wieder in Erinnerung gebracht werden. Red.)? Berlin. Wenn jemand noch glauben sollte, daß zwischen den Konservativen und den Antisemiten in Bezug auf ihre Judenfeindschaft ein wesentlicher Unterschied besteht, so möge er nur in der Nummer 2 der deutschen Reform Nachlesen, auf welche Bedingungen sich der konservative Abgeordnete für Kolberg, Cöslin, Zimmermeister Firzlaff verpflichtet hat, um die Stimmen der Antisemiten von Bublitz zu gewinnen. Mir schweigen davon, daß er versprechen mußte im Reichstag für Schächtverbot, konfessionellen Eid Uiid Elüwanderungtzverbot gegen ausländische Juden zu stimmen. Was aber neu ist, und was einen Ruhmestitel und eine Originalleistung der Bublitzer Antisemiten vorstellt, das ist ihre Forderung, daß der konservative Abgeordnete für ein Auswanderungsgesetz wirken soll, welches alle Juden in Deutschland zur Auswanderung zwingt. Und dieser würdige Vertreter des deutschen Volkes Herr Zimmermeifter Firzlaff hat es für angemessen erachtet, um mit Hilfe einiger 100 antisemitischer Stiminen in den Reichstag gewählt zu werden, sich den ihm gestellten Bedingungen zu fügen. Mehr als eine halbe Million deutscher Staatsbürger sollen also gezwungen werden ihr Vaterland aufzugeben, um sich eine neue Heimath in der Fremde zu suchen. Der Mann aber, der dies im Reichstag verlangen wird, ist nicht Ahlwardt, sondern ein Mitglied der konservativen Fraktion. Es ist gut, daß solche Zwischenfälle von Zeit zu Zeit die wahre Gesinnung der konservativen Fraktion enthüllen, denn es gibt nur allzu viele Optimisten unter uns, welche mit dem Rückgang der antisemitischen Partei den Antisemitismus beseitigt glaubten. Diese Optimisten werden jetzt wenigstens darüber aufgeklärt sein, daß unter den Konservativen ebenso schlimme Judenfeinde sind, wie die reinen Antisemiten. Posen, 31. Jan. Wir erhalten folgende Zuschrift : Wir machen Sie darauf aufmerksam, daß der Vorstand des hiesigen H a ndwerkerv e r ein s, über den Sie in einer der jüngsten Nummern des „Israelit", einen so eingehenden Bericht gebracht haben, nicht nur die Sabbatheiligung der von ihm untergebrachten jungen Leute nicht berücksichtigt, sondern diese geradezu veranlaßt, solche Stellen anzunehmen, in welchen sie am Sabbat arbeiten müssen oder, wie der Vorsitzende einmal in einer Generalversammlung sagte, sich Mühe gibt, daß die jungen Handwerker den Werth der Sabbatarbeit schätzen lernen. Der Rabbiner der Synagogengemeinde, Herr Dr. W. Feilchenf e ld hat wiederholentlich in Predigten davor gewarnt, sich dieses Vereins zur Stellenvermittlung zu bedienen, und ist andauernd bemüht, den stellesuchenden Knaben und Jünglingen Gelegenheit zur Sabbatheiligung zu verschaffen. Metz, 29. Jan. Aus dem Jahresbericht der hiesigen Handelskammer entnehmen wir: „Ein Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens zu Berlin hat geglaubt, die Kammer darauf aufmerksam machen zu müssen, daß gewisse antisemitische Blätter angebliche Auszüge aus ihrem Jahresbericht veröffentlicht haben, in denen die stets zunehmenden Erwerbungen von lothringischen Landgütern durch Israeliten bitter beklagt wurden. Die Kammer erwiederte, daß der Verein, da er seinem Schreiben nach ihren Jahresbericht zur Hand habe, sich selbst von der Grund-! losigkeit dieser Beschuldigung überzeugen könne. Sie