Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 10 (2.2.1899)
- Date
- 1899-02-02
- Page
- – (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448953-2448964--47664-2498026- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Jerusalem, den 10. November 1898.*) Eine Erinnerung an den 31. Oetober 1898. Die seltenen Kaisertage in Jerusalem sind zu Ende. Die festtägliche Gestalt, welche die heilige Stadt während des Aufenthaltes des deutschen Kaiserpaars angenommen, hat sich wieder in ihr altes, werktägiges Aussehen verwandelt. Die Strassen sind so menschenleer wie ehedem; die Nächte, wenn nicht Mondschein über die Erde sich ergiesst, sind nicht mehr erhellt, seitdem die grossartigen Illuminationen, wie sie Jerusalem schon lange nicht gesehen, vermisst werden. Alles ist zur alten Gewohnheit zurückgekehrt; der Bauer steht wieder am Pfluge, der Handwerker formt sein Gebilde. Keine Spur mehr von all’ dem Pompe, welchen die sonst bescheidene Tempelstadt zu Ehren der hohen Gäste entfaltet hat. Das seltene Schauspiel ist vorüber. Eines ist jedoch den Jerusalemern zurückgeblieben: die stolze Erinnerung, dass der Beherrscher des mächtigen deutschen Kaiserreiches sechs Tage lang innerhalb ihrer Mauern geweilt hat. Es ist doch ein erhebendes Bewusstsein für den Jerusalemer, den Boden sein zu wissen, der, trotz seiner Sehlichtheit, die Edelsten auf Erden anzuziehen vermag. In wenigen Decennien hat sich Palästina des Besuches zweier Kaiser, zweier Kronprinzen und auch noch anderer Fürsten erfreut! Die Anwesenheit des deutschen Kaiserpaars hat Jerusalem auch andere Gäste zugeführt. Von denselben sei besonders die deutsch-jüdische Reisegesellschaft, unter Führung des Herrn Dr. H. Loewe, eines der besten Palästinakenners und bewährten Mitarbeiters dieser Blätter, erwähnt. Dieselbe traf hier schon am 27. October ein. Gleich Tags darauf beehrte sie mit ihrem Besuche unser Waisenhaus. Schon das stattliche Gebäude an sich, das dazu noch beflaggt und mit Guirlanden buntgefärbter Lampions in verschiedener Grösse reich verziert war, machte einen mächtigen Eindruck auf die Beschauer. Das deutsch - jüdische Waisenhaus hatte bis vor Kurzem kaum Platz für 26 Zöglinge. Dasselbe bestand aus einem Erdgeschoss und einer Etage, aber bloss über der einen Hälfte des Hauses. Jetzt ist dasselbe, Dank den rastlosen Bemühungen unseres Comites und der *) Unlieb verspätet. bewährten Menschenliebe der hochherzigen Baronin Hirsch, ganz ausgebaut, so dass wir nunmehr in den Stand gesetzt sind, die Zahl unserer Zöglinge auf 5 0 zu erweitern. An die Stelle des kleinen, schlichten, unansehnlichen Hauses ist jetzt ein imposanter, weithin ausschauender Bau getreten. Wer das Waisenhaus früher gesehen, aber den Platz sich nicht gemerkt hat, auf dem es stand, der erkennt es nicht wieder. Es ist wie ausgetauscht. Sein Ansehen wird noch durch die schöne Gartenanlage nach der Jaffer Strasse hin wesentlich gehoben. Der blosse Anblick also übte schon einen gewaltigen Eindruck auf unsere Gäste. Wie erfreut aber waren sie erst, als wir ihnen die Zöglinge, lauter gesunde, muntere und heitere Gestalten, vorstellten. Von den nützlichen Leistungen der Anstalt überzeugt, übergaben mir für dieselbe: Herr und Frau Isidor Rohr—Langguhle 100 M., Hr. Emil Wassermann—Bamberg 20Frcs., Hr. Baer—Haiberstadt 10 fl., Hr. Simon Katz—Hannover 20 Frcs. Am 31. Oetober Mittags, also zu einer Stunde, wo sämmtliche Zöglinge zu Hause sind, besichtigten die Herrschaften abermals das Waisenhaus. Ein junger Mann, mit vielen Packeten schwer beladen, kam hinter ihnen her. Ich wurde gebeten, die Kinder anstellen zu lassen. Nachdem dies geschehen war, fingen sich die Packete zu leeren an. Es erhielt jeder Knabe: Eine Schachtel Chocolade, ein Taschenmesser, ein Notizbuch mit Bleistift, ein Portemonnaie und einen halben Franc Geld. Das Geld lag im Portemonnaie darinn. Hierauf hielt Herr Wassermann eine Ansprache an die Kinder, sie zu Gehorsam und Dankbarkeit gegen ihre Erzieher und Lehrer ermahnend, ihren Wohlthätern Freude zu machen, indem sie gute Jehudim und nützliche Menschen werden. Mit einem einhelligen „Amen!“ fielen die Kinder ein, als Herr Wassermann seine Rede geschlossen hatte. Die Freude, welche unter den Zöglingen herrschte, ist unbeschreiblich. Wie den Jerusalemern die Kaisertage, so bleibt ihnen die erste Palästina - Reisegesellschaft unvergesslich. Hoffentlich erinnern sich die Herren auch daheim 1 ihrer! Jerusalem, 25. Marcheschwan 5 659. Dr. Ij. «^rlinhnt, Director des deutsch-jüdischen Waisenhauses in Jerusalem.