Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1899-01-30 · Heft 9 (30.1.1899) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 9 (30.1.1899)
Date
1899-01-30
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2448953-2448963--47622-2497983
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

WWWWWWMWWWMMWMM!tzM^M 167 der Polizei zu übergeben. Gestatte also, daß ich Dein Fasten theile." „Das nicht," erwiederte Rabbi Jesaja „Du weißt: En Schliach lidbar Awera. Für jede sündhafte Handlung ist ausschließlich Derjenige, der sie begeht, verantwortlich. Ich werde fasten, und Du wirst in der ganzen Zeit mit gesteigerter Hingebung die Armen bedenken, die unser Haus aufsuchen. Beide wollen wir aber mit der ganzen Innigkeit unseres Herzens zu Gott beten, daß er Alles zum Guten lenken möge. Wisse, daß das Gebet einer Frau, welche Armen Speise und Trank reicht, leichter Erhörung findet, als das des Mannes, der nur mit Geld den Armen unterstützt, das der Arme erst weggeben muß, um die Befriedigung seiner Bedürfnisse zu ermöglichen." „Ich werde Deine Weisung genau befolgen, und mit Dir diese schwere Sorge Gott anheimstellen, aber nun ruhe wenigstens einige Stunden. Wenn Du nicht durch Speise und Trank Deinen Körper stärken willst, so thue es durch einen erquickenden Schlaf. Ich werde bis zum Abend Niemanden zu Dir lassen." Rabbi Jesaja fühlte das Bedürfniß nach Ruhe, aber er konnte sie nicht finden. Was konnte Proßnitzer bewogen haben, eine solche That zu begehen? Warum hat er das Silber wieder zurückgebracht? Und wenn er an den Galgen käme? Wie könnte ich dem letzten Bettler meiner Gemeinde, je wieder unter die Augen treten? Und wenn selbst Menschen mir verziehen, wie könnte ich das Geschehene je vor Gott verantworten? Diese und ähnliche selbstquälerischen Fragen ließen ihn nicht zur Ruhe kommen, und als die Natur ihr Recht gebieterisch geltend machte, und er in einen leisen Halbschlummer verfiel, verfolgten ihn noch schreckliche Traumbilder, so daß er mit lautem Aufschrei aus seiner Ruhe emporfuhr. So vergingen drei qualvolle Tage. Am vierten Tage kurz nach dem Morgengebet trat ein Gerichtsbote ein und überreichte ein versiegeltes Schreiben des Oberrichters. Mit zitternder Hand öffnete es Rabbi Jesaja und las es in Gemeinschaft mit seiner Gattin. Der Oberrichter theilte darin mit, daß Proßnitzer die That eingestanden habe. Als Motiv für dieselbe habe er angegeben, sein Vater, der angeblich ein reicher Kaufmann in Böhmen sei, habe ihm geschrieben, wenn er bis zu einem gewissen Zeitpunkte nicht 2000 Gulden auftreiben könne, so sei er geschäftlich ruinirt. Es sei aber sicher, daß er die Summe 14 Tage später wieder zurückzahlen könne. Statt sich für diese Summe bei Frankfurter Geldleuten zu verwenden, hat der Sohn das Silber des Rabbiners gestohlen, habe 2000 Gulden daraus geliehen, welches Geld er seinem Vater geschickt haben will. Er habe ganz kurze Zeit darauf das Geld von seinem Vater zurückerhalten, das gestohlene Silber damit ausgelöst und es wieder an seinen Platz zurückgestellt. Der Richter habe die mildesten Umstände walten lassen, so daß der Dieb nicht an seinem Leben gestraft worden fei. Es wurde ihm in vergangener Nacht das linke Ohr abgeschnitten und dann erfolgte die Ausweisung aus dem ganzen Frankfurter Gebiet unter Androhung des Todes durch den Strang, falls er sich je wieder hier blicken läßt. X. Mit einem lauten Aufschrei sank Rabbi Jesaja auf seinen Stuhl nieder, als er diese Botschaft zu Ende gelesen hatte. Er barg sein Gesicht in beide Hände und weinte bitterlich. Umsonst versuchte ihm die edle Gattin Trost zuzusprechen. „Das Schlimmste," sagte sie „wie wir es gefürchtet hatten, ist, Gott sei es gedankt, denn doch nicht eingetroffen. Da er bei Nacht und Nebel über die Grenze geschafft wurde, wird auch hier Niemand in der Judengasse etwas von der entsetzlichen Strafe erfahren, die ihn betroffen hat. Du hattest ja bei allem, was Du in der Sache gethan hast, die reinsten Motive und edelsten Absichten. Jeder andere, der ebenso gehandelt hätte, würde sich aus dieser Handlungsweise keinen Vorwurf machen, er würde noch etwas Verdienstliches darin erblicken und nicht mit Unrecht. Was nun geschehen ist, ist geschehen und ist durch unseren Schmerz nicht zu ändern. Ich bitte Dich daher, jetzt Speise und Trank zu Dir zu nehmen und Dein theueres Leben nicht länger zu gefährden." „Ich werde Deinem Wunsche entsprechen, da nun das Urtheil erfolgt ist, und ich nur bis dahin zu fasten gelobt habe. Diese Zurückhaltung von Speise und Trank gefährdet mein Leben nicht; Du weißt, ich habe schon länger gefastet. Aber was dem armen Proßnitzer durch uns widerfahren ist, das schmerzt mich unsäglich; den Schmerz über dieses Unrecht werde ich nicht verlieren, bis es gesühnt ist. Unterschätze nicht den harten Fall; denn er ist schrecklich, nach allen Seiten hin betrachtet. Wenn man ihn auch nicht aufgeknüpft hat, das Leben haben sie ihm doch genommen. Mikzas Nefesch kechol Hanesesch, lehren die Weisen, ihr Andenken sei zum Segen. Ein Theil des Lebens ist wie das ganze Leben. Ihm ist sein Leben, sein heiteres, glückliches, geachtetes Leben für die ganze Zeit seines irdischen Daseins genommen. Er trägt das unverlöschliche Brandmal der Diebe und Räuber an sich und wird sich in Folge dessen nie eine achtbare Stellung unter den Menschen ermöglichen können. Dabei hat er im Grunde genommen ein.edles Werk uttb tzen Mter vor Schmach und Schande retten wollen. Freilich hat er unrechl, hat er leichtsinnig gehandelt, daß er uns die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.