Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 8 (26.1.1899)
- Date
- 1899-01-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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l WWW 143 Die Anwesenden blieben noch eine zeitlang bei ge'i'üthlicher Unterhaltung beisammen, wv unser geschätztes — aber leider nur passives Mitglied, Herr Rnbinsteiu, Beamter der diesigen Farbwerke, interessante Mittheilungeu über das Wesen und Wollen des Zionismus entwickelte und beson ders seine Erlebnisse und Eindrücke vom Baseler Zionisten tage in lebendigen Farben schilderte. Dieses Thema wurde allseitig mit großer Aufmerksamkeit verfolgt, erregte aber eine lebhafte Debatte, in die verschiedene Mitglieder em griffen. In vorgerückter Stunde trennte man sich mit dem Bewußtsein, einen genußreichen Abend verlebt zu haben. Zweibriieken, 22. Jan. In Berichtigung der aus Zweibrückcn in Nr. 0 des „Joraclit" gebrachten Notiz sei bemerkt, daß Herr Rabbiner Dr. Eugen Meyer aus Ingenheim von den vereinigten Vorständen deö Rabbinats bezirkes Zweibrücken mit Genehmigung hoher königl. Negierung auf Lebenszeit zum Bezirksrabbincr einstimmig angestellt wurde. Gaaz 18. Jan. Der antisemitische Redacteur Eduard Pommer, welcher nach einer vier monatlichen Kerkerhaft in Brür entlassen worden ist und nach unserer Stadt zurück kehren wollte, wurde aus dem Königreiche Böhmen anege wiesen. Llnnieb, 2i>. Jan. Der Antrag auf Verbot des Schächtens in hiesiger Stadt, ist vom Stadtrath cinstiminig abgelehnt worden. Feuilleton. Späte Sühne. Von Robert Hänleirr. io) ^iachdrrick verboten. Als die Rabbinerin das Zimmer ihres Gatten verlassen hatte, verschloß dieser es wieder von Neuem. Er konnte sich nicht verhehlen, daß die von dem Stadthauptmann vorgebrachten Verdachtsmomente für Proßnitzer sehr belastend waren und dessen sofortige Verhaftung vollkommen rechtfertigten. Er hatte zu ihrer Entkräftigung nichts als die gute Meinung über seinen Hausbachur. Einen Augenblick dachte er daran, selber zu dem Trödler Franchetti zu gehen und sich das Signalement desjenigen angeben zu lassen, von dem die „Wolf Proßnitzer" Unterzeichnete Schrift herrührte. Aber abgesehen davon, daß die große Mehrzahl dieser Trödler Hehler und Mithelfer an den Diebstählen waren, die sie in ihren Gewölben zum Verkauf ausboten, so wollte er einen Schritt fürs erste vermeiden, welcher dem Sensationsbedürfniß der Judengasse neue Nahrung gegeben hätte. Da zuckte ihm plötzlich ein erleuchtender Gedanke durch den Kopf! Er hatte ja ein unfehlbares Mittel in Händen, die Unschuld Proßnitzers unzweifelhaft nachzuweisen: die Handspur im Staube des obersten Schrankbrettes. Behutsam holte er das Brett herunter; die Umrisse waren noch so scharf kenntlich, als vor vier Wochen. Aus einem anderen Schranke holte er das Brett, auf welchem sich die Handabdrücke Proßnitzers und die seiner Genossen befanden. Beide Bretter hielt der Rabbi ans Fenster, um sie zu vergleichen. Sein treues Gedächtniß kannte noch die Hand eines jeden einzelnen Schülers. Ein flüchtiger, vergleichender Blick und die Breiter fingen an in den Händen des Meisters zu zittern. Das war der Abdruck von Proßnitzers Hand, so treu, so über allen Zweifel erhaben, daß die erschütternde Gewißheit die Hände des Meisters lähnrte und die Bretter polternd zur Erde fielen. Als fürchtete er, die Bretter könnten zu Verräthern werden, fuhr er eifrigst mit einem Tuch darüber und verlöschte jede Spur. Er bedurfte ihrer nicht mehr; jetzt kannte er den Dieb und konnte für seine Unschuld nicht mehr in die Schranken treten. IX. Eine Stunde mochte etwa seit den im vorigen Kapitel geschilderten Vorgängen verflossen sein, Rabbi Jesaja hatte sich sofort auf den Weg nach der Gerichtskanzlei im Rathhause gemacht, um den Untersuchungs-Richter Herrn Martin Schaab aufzusuchen. Es war ein harter Gang. In der Judengaffe standen zahlreiche eifrig diseutirende Gruppen beisammen, die auseinanderstoben, sobald der Rabbiner in ihre Nähe kam. Er war der Gegenstand der Unterhaltung; das wußte er, auch wenn er kein Wort der Unterhaltung verstand. Er meinte, die ganze Gasse, Hoch und Nieder, alle müßten mit Finger auf ihn deuten und sich zischelnd in die Ohren sagen: das ist der Mann, der wegen falschen Verdachts eines Diebstahls seinen Hausbochur der Polizei ausliefert und ihn an den Galgen bringt! Jetzt läuft er noch gar zum Richter selber, als ob ihm die Allarmirung der Polizei nicht genügte! Als er eben in das weite Hofthor des Rathhauses eintreten wollte, kam ihm der Stadthauptmann entgegen. Herr von Dingeldein konnte ein höhnisches Lächeln nicht unterdrücken, als er kalt und gemessen den Gruß Rabbi Jesajas erwiederte. Letzterer wußte nun, daß ihm Herr von Dingeldein zuvorgekommen war, und daß er somit für sein Anliegen auf kein geneigtes Ohr rechnen dürfe. Er ließ sich nichts destoweniger durch den Gerichtsdiener anmelden und wurde erst nach langem Warten vorgelassen. Der Frankfurter Oberrichter Martin Schaab, gehörte einer bekannten Frankfurter Patricierfamilie an. Er war noch jung. Seine kalten, aristokratischen Züge, seine goldene Brille, aus der zwei graue, stechende Augen sich auf den Eintretenden hefteten, seine buschischen Augenbrauen und seine finster gerunzelte Stirne, alles das ließ Rabbi Jesaja nichts Gutes erwarten.