Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 7 (23.1.1899)
- Date
- 1899-01-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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127 Feuilleton. Späte Sühne. Von Robert Häuleiu. v) Nachdruck verboten. „Aber, Herr Stadthauptmann," entgegnete Rabbi Jesaja, „wenn die Dinge so liegen, wie konntet Ew. Exzellenz so offenbar gegen unsere vor wenigen Stunden getroffenen Abmachungen verstoßen? Hatten wir nicht verabredet, daß keine Seele von der Sache etwas erfahren soll, bis wir uns noch einmal vorher gesprochen haben? Haben Ew. Exzellenz nicht selber dielen Wunsch geäußert?" „Ich weiß nicht, wie Ihr mir vorkommt," erwiederte gereizt der Stadthauptmann. „Statt, daß Ihr Euch für den geleisteten Dienst bedankt, erhebt Ihr Vorwürfe gegen mich, weil ich meine Pflicht so gut und prompt besorgt habe, wie ich es mir selber nicht hätte träumen lasten. Damit der Spitzbube keine Lunte riecht, hielt ich es für gerathen, kein Wort darüber zu verlieren; aber das schließt doch nicht aus, nach ihm zu fahnden und jede Rücksicht fallen zu lasten, jetzt, wo wir ihn haben." Rabbi Jesaja fühlte ohne großen Scharfsinn heraus, daß auf diesem Wege nichts zu Gunsten des gefänglich Eingezogenen zu erreichen sei. Dem Stadthauptmann that es jedenfalls wohl, einen so handgreiflichen Beweis seiner Findigkeit richtig auszuschlachten. Lag das Schicksal des Verhafteten wirklich lediglich in Händen des Gerichts, so mußte der Stadtrichter für eine schonende Behandlung des Falles gewonnen werden. Dazu konnte Herr von Dingeldein jedenfalls viel beitragen. „Des großen Dankes, den ich Ew. Exzellenz schulde, bin ich mir wohl bewußt," lenkte Rabbi Jesaja ein. „Mehr als ich ihn bereits ausgesprochen habe, ruht er unvergeßlich bei mir und ich hoffe, daß sich mir einmal Gelegenheit bieten möge, diesen Dank durch eine That besiegeln zu können. Sie haben mit großer Umsicht und mit sicherem Scharfsinn und jedenfalls mit viel besserem Resultate nach dem Thäter geforscht, als dies irgend einem anderen und am wenigsten mir selber möglich gewesen wäre. Wäre ich davon nicht von vornherein überzeugt gewesen, so hätte ich ja gewiß nicht Ew. Exzellenz mit der Angelegenheit zu b-helligen mir gestattet, und hätte mich, den gewöhnlichen Jnstanzengang einhaltend, zunächst an die zuständigen unteren Polizei-Organe gewandt. Aber ich hatte, wie Ew. Exzellenz noch erinnerlich sein wird, noch eine andere Bitte, die mich bestimmte, direct um Hochdero Bemühung zu bitten und das war der Wunsch, daß der Thäter nicht der Strenge des Gesetzes verfalle. Diese Bitte liegt mir heute noch mehr am Herzen, als zuvor. Die Beweise, die gegen Proßnitzer vorliegen, mögen noch so erschwerend sein, ich glaube nicht an seine Schuld, wenn er sie nicht selber bekennt." „Aber lieber Herr," entgegnete unwillig der Stadthauptmann, „Ihr seht doch hier seine Unterschrift mit eigenen Augen." „Wäre es das erste mal, daß eine derartige Unterschrift gefälscht ist? Könnte nicht Jemand den ehrlichen Namen Wolf Proßnitzer mißbraucht haben, um einen so ahnsehnlichen Silberschatz unauffällig einem Trödler zu übergeben?" „Aber Ihr sagtet doch selber, daß der Diebstahl nur von Jemanden begangen sein könne, der mit der Häuslichkeit vollkommen vertraut ist. Dieser Vertrauensmißbrauch wird bei der Bemessung der Strafe wesentlich ins Gewicht fallen und ich sollte mich nicht wundern, wenn der geriebene Erzschelm in acht Tagen am Galgen baumelt; was ihm auch von Gottes- und Rechtswegen gehört." „Der unschuldig Verdächtigte wird aber um Himmelswillen doch wenigstens erst verhört werden, bevor man ihn aufknüpft?" Die Erregung des Rabbiners und seine fortwährende Behauptung, daß der durch die Findigkeit des Stadthauptmanns so rasch dingfest gemachte Dieb unschuldig sein solle, reizten den Stadthauptmann derart, daß er unwirsch seinen Helm in die Hand nahm und sich brüsk mit den Worten verabschiedete : „Ihr werdet Euch hoffentlich bald überzeugen, wer von uns beiden im Recht ist. Bis dahin wollen wir der Sache ihren Lauf lassen, sie liegt beim Stadtgericht in guten Händen. Wenn Ihr warten wollt, bis der Einbrecher seine Schuld selber eingesteht, so könnt Ihr allerdings lange warten. Das Gericht wartet nicht so lange, und damit Gott befohlen." Mit diesen Worten schritt der Stadthauptmann klirrenden Schritts der Thüre zu, öffnete und schloß dieselbe so heftig, daß Rabbi Jesaja über die Ungnade, in der er bei Herrn von Dingeldein gefallen war, nicht im Zweifel sein konnte. Einen Augenblick machte sich Rabbi Jesaja Vorwürfe über seine Art und Weise, wie er dem Stadthauptmann entgegen getreten war. Aber er sagte sich füglich, daß es nicht in seiner Macht lag, .dem Mann die Beute zu entreißen, die er seinem Pvlizeigenie zuschrieb und daß jede andere Art der Behandlung ebenfalls zu keinem anderen Resultate geführt haben würde. Der eine Fehler, daß er die Polizei ins Vertrauen gezogen hatte, zog alles andere mit unerbittlicher Consequenz nach sich; daran