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Der Israelit · 1899-01-23 · Heft 7 (23.1.1899) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 7 (23.1.1899)
Date
1899-01-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
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125 nur auf dem Boden der Religion gestanden habe. Die Juden in Deutschland hätten sich während dieser Zeitperiode vollständig als Deutsche gefühlt, ihre Namen seien echt germanisch, einzelne sogar aus der germanischen Mythologie genommen, ihre Sprache nur deutsch gewesen. Der jüdisch-deutsche Jargon sei erst im 17. Jahrhundert aufgetaucht. Während noch im Zeitalter der Minnesänger, die Ritter weder schreiben noch lesen konnten, habe es bei den Juden in Deutschland fast gar keine Analphabeten gegeben. Schulen hätten in allen Gemeinden bestanden und seien entweder aus dem Gemeindebudget oder von eigens zu diesen Zwecken gegründeten Vereinen erhalten worden. Mit einer besonderen Feierlichkeit, die gewöhnlich im Gotteshause ftattfand, wurden die Knaben meist schon im 5. Lebensjahre in den Unterricht eingeführt. Der Lehrer nahm eine Tafel, auf der die vier ersten und die vier letzten Buchstaben des Alphabets sowie verschiedene Bibelsprüche verzeichnet waren, und machte dem Knaben jeden einzelnen Buchstaben namhaft, worauf dieser ihn nachsprach. Die Tafel selbst war mit Honig bestrichen und das Kind durfte davon kosten, um gleichsam die Süßigkeit der Lehre zu empfinden. Mit dieser Feier nahm der 5jährige Knabe Abschied von Spiel und Ungebundenheit, und es fing die Zeit des Ernster und der geistigen Arbeit an. Als größte Schmach galt es, ein ungebildeter Mensch zu heißen. Ferien gab es zu damaliger Zeit noch nicht, die Schulzeit wurde nur durch die gesetzlichen Feiertage unterbrochen. Zuweilen gab es aber Ferien aus Gründen der Sparsamkeit. In einer nordfranzösischen Schulordnung aus dem 13. Jahrhundert heißt es u. a.: „Die Lehrer sollen die Knaben in den Winternächten, das heißt von October bis März, nur während eines Viertels der Nacht unterrichten, denn die Wintertage sind kurz und — die Beleuchtung ist zu theuer". — Redner spricht nun eingehend über die Beschaffenheit des Unterrichts in damaliger Zeit. Den Anfang machte der hebräische Leseunterricht, dann ging der Lehrer zur Bibel und den Gebeten über. Der hebräische Text der Bibel wurde in die Landessprache übersetzt, wie denn auch bei häuslichen Andachten die Gebete stets durch Uebersetzungen verständlich gemacht wurden, wenn nicht überhaupt die des Hebräischeu Unkundigen in der Landessprache beteten. Mit der zunehmenden geistigen und körperlichen Reife des Schülers ward er in die rabbinische Literatur und den Talmud eingeführt. Ein Hauptaugenmerk hatte der Lehrer auf die Bildung des Urtheils zu richten; Scharfsinn nd Dialektik sollten geübt werden, und sie durften oft sogar in Spitzfindigkeiten und Rabulistik ausarten. Auch die Schulentlassung wurde in der Regel mit einer besonderen Feierlichkeit begangen. Nach Beendigung der Schulzeit beschäftigte man sich noch vielfach mit dem Studium, wie au» den vers schiedenen Werken der damaligen Zeit hervorgeht. So waren Bildung nnd Gelehrsamkeit vorherrschend bei den deutschen Juden. Alles dieses änderte sich jedoch mit einem Schlage nach den Kreuzzügen. Den Juden wurde der Welthandel aus der Hand genommen, und an seine Stelle trat der Kleinhandel, der Schacher, der kleinlich nnd knechtisch macht. Die interessanten Ausführungen des Redners fanden lebhafte Zustimmung bei den Hörern. Buchsweiler i. E., 19. Jan. Seit einigen Tagen findet hier unter Leitung unseres erst kurze Zeit hier wirkenden Herrn Rabbiner Dr. E. Weilt für die Schüler des Gymnasiums und der Realschule jeden Sabbat Frühgottesdienst statt. Nachmittags wird alsdann der betreffende Wochenabschnitt vorgelesen und von den Schülern wöchentlich abwechselnd, die Hafthora gesagt. Noch einen anderen Erfolg, hat Herr Rabb. Dr. Weill hier aufzuweisen: Die Gymnasialschüler von dem eine Stunde von hier entferten Stäbchen Ingweiler gingen früher fast regelmäßig nach beendigtem Unterricht Samstags nach Hause, d. h. zu Fuß nach Ingweiler. Der Herr Rabbiner hat es in seinem unermüdlichen Religionseifer durchgesetzt, daß von nun an die Schüler zum größten Theil bi» Nacht hierbleiben können, in folgedessen auch dem von Herrn Rabbiner unentgeltlich ertheilten Raschi-Unterricht beiwohnen. Wahrlich, das ist Samen, der gewiß edle Früchte tragen wird; dies um so mehr, da die Jugend, wie es sein soll, in ihrem Rabbiner einen treuen Leiter und Rathgeber erblickt und seinen au» tiefstem Herzen kommenden Ermahnungen und Lehren stets ein offenes Ohr schenkt. Aus Bayern, 19. Jan. Die bauernbündlerische „Bundeszeitung" in Pfarrkirchen (Niederbayern) ist vom Schöffengericht wegen Beleidigung des Großwaarenhauses Tietz zu 100 Mk. Geldstrafe verurtheilt worden. Sie hatte dem Münchner antisemitischen „Deutschen Volksblatt" einen Artikel nachgedruckt, in dem behauptet wurde, im Tietz'schen Geschäft würden die Ladnerinnen schlecht bezahlt und auf Nebenerwerb (Prostitution) verwiesen, wenn sie sagten, sie könnten von ihrem Salair nicht leben. Wegen dieser Behauptung war die Redaktion des „Deutschen Volksbl." bereits zweimal, einmal zu 14 Tagen und einmal zu zwei Monaten Gefängniß verurtheilt worden. In den Urtheilsgründen des Pfarrkirchener Amtsgericht heißt eS, es stehe aktenmäßig fest, daß in dem Tietz'schen Geschäfte bessere Löhne als in anderen Geschäften bezahlt würden, daß den Ladnerinnen Zumuthungen, wie die erwähnte, nicht gemacht worden seien, daß die Inhaber des Tietz'schen Geschäftes vielmehr eine sittlich anständige Führung

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