Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 7 (23.1.1899)
- Date
- 1899-01-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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122 naturgemäß vollenden, was im Leben der Schule begonnen worden war. Das alles hat jetzt einen jähen, verhängnißvollen Wechsel erfahren. Seit oem Dreifußhandel wird der Verkehr in der Schule den jüdischen Kindern in nichtjüdischen Lehranstalten so erschwert und verleidet, daß er sich in vielen Fällen zur Unerträglichkeit gesteigert hat. So bricht sich allgemein die Ueberzeugung von der Nothwendigkeit eigener jüdischen Schulen von Tag zu Tag mehr Bahn. Das Gros unserer Emancipations- und Assimilationsschwärmer hofft zwar immer noch auf eine Aenderung der judenfeindlichen Gesinnung und auf die Möglichkeit es dann bei der bisherigen Weise lasten zu können. Aber wir fürchten, daß sich diese Sanguiniker einer großen Täuschung hingeben. Wenn der Dceifußhandel auch den gewünschten günstigen Ausgang nehmen wird, die nun einmal entfesselte Feindseligkeit gegen die Juden wird dadurch kaum beeinflußt werden. Der Gedanke der Gründung einer höheren Lehranstalt, in welcher jüdische und allgemeine Bildung paritätisch gehandhabt wird, ist daher bereits angeregt worden. Ec hat noch nicht den Beifall unserer kaute kuauee, aber er hat bereits den moralischen Erfolg, daß Herr Grand-Rabbin Zadok Kahn dem Projekt sympathisch gegenübersteht. Dieser hat einem der Entrepreneure gelegentlich eines Interview erklärt, er sei vor 10 Jahren noch Gegner eines solchen Unternehmens gewesen, heute aber sei er selber dafür. Merkwürdig ist es nun, daß dieselbe Bewegung sich fast gleichzeitig auch in anderen Großgemeinden außerhalb Frankreichs geltend macht. In Berlin haben die Zurücksetzung der jüdischen Lehrerinnen und die Vorgänge an den dortigen Töchterschulen ebenfalls die Idee gereift, eigene jüdische Schulen einzurichten; zunächst Töchterschulen. Wenn man in Berlin, dieser Hochburg der Reform, einen solchen Gedanken bereits auch nur ventilirt, so bedeutet dies einen so entschiedenen Bruch mit der bisherigen Gepflogenheit, daß man den vollzogenen Umschwung kaum verkennen kann. In Wien ist die kränkende Zurücksetzung und Verhöhnung jüdischer Schulkinder so an der Tagesordnung, daß man auch dort der nächsten daraus resultirenden Conseguenz sich füglich nicht wird entziehen können. In A m st e r b a in machen sich ähnliche Erscheinungen geltend, wie der dieser Tage veröffentliche Briefwechsel zwischen Herrn Oberrabbiner Dr. Dünner uns den Amsterdamer Behörden zur Genüge konstatirt. Der gemeinsame Zug aller dieser Bestrebungen enthalt eine'.gewiffe' Garantie dafür, daß sie nicht resultatlos im Sande verlaufen würden. Der tiefer Blickende aber gewahrt in dieser merkwürdigen, nach einem Ziele hinstrebenden Gemeinsamkeit die Spuren der göttlichen Wnnderwaltung über unserem Geschick. Was wir von den Freunden unseres Volkes nicht hinnehmen wollten, dazu drängen unsere Feinde. Der Vorgang zeigt so recht die Fürsorge Gottes, welche aus unseren Schlägen den Balsam zieht, der allein unsere Wunden zu heilen vermag. Vor hundert Jahren saßen jüdische und nichtjüdische Kinder nicht auf einer Schulbank, und doch hat das in diesen Schulen erzogene Geschlecht die Emancipation erhalten. Seit fast hundert Jahren vereinigt eine und dieselbe Schule jüdische und nichtjüdische Kinder und die aus ihnen hervorgegangene Generation möchte alle Errungenschaften der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit den Juden gegenüber in Frage stellen! Bedarf es noch deutlicherer, göttlicherer Fingerzeige? Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 19. Jan. Dem statistischen Jahrbuch der Stadt Berlin pro 1898 entnehmen wir die folgenden Daten. Zunächst über den Schulbesuch der jüdischen Kinder, wobei die entsprechenden Ziffern des Vorjahres in Klammern angegeben sind. Es besuchten Gymnasien 1894 (1936), Realgymnasien 823 (899), Realschulen 427 (394), Vorschulen 933 (901), Gemeindeschulen 1702 (1725), sonstige öffentliche Schulen 10 (10), Jüdische Schulen 613 (608), höhere Privatknabenschulen 350 (418), Privat-Mittel- und Elementarschulen 18 (14), also 1896 im Ganzen 6770 jüdische Schüler, dagegen 1895 6839, also eine wenn auch kleine Verminderung, die auffällig ist, da die Seelenzahl der jüdischen Bevölkerung ständig im Steigen begriffen ist. Rur in den Realschulen und in den Vorschulen sowie in der jüdischen Schule ist die Ziffer der Schüler unseres Glaubens gestiegen, in allen anderen zurückgegangen. Bemerkenswerth ist, daß der Prozentsatz der jüdischen Schüler 56 vom Hundert ist, während in der Bevölkerung die Juden nur 5 Prozent ausmachen. Es kommt dies daher, daß die jüdischen Eltern ihre Knaben länger die Schule besuchen lassen als die nichtjüdischen. Bei den Mädchen ist das Verhältniß dagegen ausgeglichen, da die jüdischen Schülerinnen genau 5 Prozent der Gesammtzahl bilden. Es besuchen jüdische Mädchen: Höhere Mädchenschulen 1689(1755), Gemeindeschulen 1803 (1849). Sonstige öffentliche Schulen 5 (5), Jüdische Schulen 383 (594), höhere Privattöchterschulen 1729 (1679), Mittel- und Elementar-Privatschulen 227 (204), im Ganzen 5836 (5886). Sehr