Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 6 (19.1.1899)
- Date
- 1899-01-19
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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blickte wie versteinert auf die Schriftzüge und war unfähig ein Wort zu lesen. „Ihr seid ein Talmud-Gelehrter und in Folge dessen ist Euch das deutsche Geschreibe wohl nicht so geläufig," meinte der Stadthauptmann, indem er das Papier wieder hinnahm. „Es sind auch so vertrakte Schnörkel drin, daß selbst ein geübter Leser seine liebe Noth damit hat. Der Dieb, der wahrscheinlich Gewissensbisse oder Angst vor der Polizei hatte, bescheinigt darin, daß er die namentlich ausgeführten Gegenstände wieder zurückerhalten und dem Trödler die dafür gezahlte Summe von 2000 fl. zurückgezahlt habe." „Und wie lautet die Unterschrift des Scheins?" fragte in einer Aufregung, die ihm zu unterdrücken unmöglich war, der Rabbiner. „Da lest sie selber." „Wolf Proßnitzer!" „Schema Jisroel!" rief der Rabbiner von seinem Seelenschmerz überwältigt aus und vergaß für den Augenblick ganz die Rücksicht auf den hohen Besuch, der ganz betroffen einen Schritt zurückwich. Aber wie heute Morgen, so gab auch jetzt diese Erleichterung seines gepreßten Gemüthes dem Rabbi die ruhige Besonnenheit wieder. Zwei große Thränen, die Rabbi Jesaja bei seiner Seelenpein aus den Augen getreten waren, waren als die einzigen Zeugen seiner nun niedergekämpften Aufregung zurückgeblieben. „Ich schulde Euch großen Dank," hob er an, „für die Mühe, die Ihr Euch meinetwegen unterzogen habt. Aber wenn Ihr glaubt, Wolf Proßnitzer habe sich an meinem Eigenthum vergriffen, so seid Ihr im Jrrthum. Für den stehe ich gut, der ist einer solchen That ebensowenig fähig, als ich es selber bin. Ich will ihn sofort hierher rufen laffen. Nehmt ihn, gnädiger Herr, selber in das peinlichste Verhör und Ihr werdet Euch von seiner Unschuld überzeugen, wie ich davon überzeugt bin." Rabbi Jesaja streckte die Hand nach denl Glockenzug aus, aber der Stadthauptmann hielt ihn zurück. „Ihr könnt den Schelm jetzt wohl nicht herbeiklingeln, denn er sitzt bereits hinter Schloß und Riegel, wie ich Euch gleich Anfangs mittheilre. Ich habe zwei Wachtsoldaten mit hierhergebracht, die ihn in den Keller des Thurmgefängniffes abgeführt haben, unmittelbar bevor ich zu Euch eintrat." „Dann verzeiht, Exzellenz, wir wollen beide sofort ins Gefängniß und den Gefangenen dort einem Verhör unterziehen. Sie werden sehen, daß hier ein Mißgriff vorliegt. Außer dem Bestreben, einem Unschuldigen zu seiner Freiheit zu verhelfen, liegt mir auch daran, daß der Polizei keine Unannehmlichkeiten aus der Einsperrung eines Unschuldigen erwachsen." „Deßhalb seid unbesorgt; dafür will ich die Verantwortlichkeit schon übernehmen," erwiederte mir überlegenem Lächeln der Stadthauptmann. „Wenn ich mich hier geirrt hätte, so würde ich meine Stelle als Leiter der hiesigen Polizei niederlegen. Wir haben's ja schwarz auf weiß hier vor uns, wie kann denn da von einem Zweifel die Rede sein? Aber wie man auch darüber denken mag, wir hätten beide jetzt gar kein Recht, den Schelm zu verhören. Der ist jetzt der strafenden Gerechtigkeit überantwortet und der strafende Richter hat allein das Recht, ein Verhör vorzunehmen." (Fortsetzung folgt.) Der .Israelis erscheint wSeheitlieli zweimal, montags und Donnerstags, jedesmal in mindestens pd Bönen. Preis pro Vierteljahr bei der Post 3 Mark ohne Bestellgeld. Man abonnirt ganzjährlich, halbjährlich oder »iertelfthtckich. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Der Buchhandel verkehrt durch T. $. Dtrtuacker, Letpstg, Mv^lutz 1s. — Inserate 25 Pfennig die 4 spaltige Petitzeile oder deren Raum. Preis der Zeile tat Reelametheu 75 Pfennig. — Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark »der 8 st. ästerr., für's Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition sraneo einzusenden. Girre RüFserrdrrrrs Hs» a» die «atz«Rio» eirrgesarrbtorr Mannseripteu findet nicht statt, «arr dittet deshaKd, fich da» alle« Ginserrbrrrrse« eine «opie -«rüll-rrvehatte». Inhalt (Hauptblatt) Leitender Artikel: „Gleiches Recht für Alle." — Zeitungsnachrichten und Korrespondenzen: Deutschland: Berlin. Forbach. Cschweiler. Oesterr.-Ungar. Monarchie: Arien. Afrika: Algier. — Vermischtes. — Feuilleton: Späte Sühne. (Fortsetzung.) Inhalt der ersten Bettage i Leitender Artikel: Tie Vertretung der Talmudwissenschaft am Rabbinerseminar zu Breslau. — Zeitungsnachrichten und Korrespondenzen: Deutschland: Frankfurt a. M. Oupeln. Mellrichstadt. Rumänien: Bukarest. Marocco: Marocco. — Mittheilungen aus den jüd. Armenveremen n. für dieselben: Dieburg. —Vermischtes. Inhalt der zweiten Beilage: Leitender Artikel: Die Nahrung des gesunden n. kranken Magens. — Literarisches. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Berlin. Oesterr.-Ungar. Monarchie: Wien. Belgien: Brüssel. England: London Rumänien: Bukarest. Verantwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit", Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Jo h. W t r t h' scheu Hofbuchdruckerei-Actieu-Gesellschaft in Mainz. Hierzu zwei Beilagen