Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1899-01-19 · Heft 6 (19.1.1899) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 6 (19.1.1899)
Date
1899-01-19
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2448953-2448960--47555-2497913
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

WWWWWM-MWWM 103 Feuilleton. Späte Sühne. Von Robert Hänlein. 8) 'Nachdruck verboten. Bei den letztgesprochenen Worten traten Rabbi Jesaja die Thränen in die Augen. Wer fühlte wärmer und theilnehmender die drückende Armuth und bittere Roth so vieler Talmide Chachamim in seiner Gemeinde, als er! Bewegt rief er mit zum Himmel erhobenen Blick aus: „Möge mir Gott in seiner Gnade alle meine Schwächen und Irrungen verzeihen, wie ich dem Dieb meiner Werthgegenstände mit ganzem Herzen das Geschehene vergebe. Mein Gott! ich nannte ihn in diesem Augenblick noch einen Dieb, und er ist es doch nicht mehr! Wie unsäglich weitab stehe ich doch noch von dem Gesinnungsadel unserer Weisen, gesegnet sei ihr Andenken, welche sagen: „Wenn Du einen Talmid Chacham bei Nacht eine Sünde begehen siehst, trage sie ihm bei Tag nicht mehr nach, hat er sie am Tage begangen, trage es ihm bei Nacht nicht mehr nach; vielleicht hat er Tichuba gethan. Vielleicht? Sicher hat ers bereut und sich gebessert." Möge mir vom Himmel nur die Gnade beschieden sein, daß ich den Namen des Mannes erfahre, der in einer schwachen Stunde die Hand nach meinem Besitz ausgestreckt hat, damit ich ihm helfen kann. Möge er aber niemals erfahren, daß ich ihn kenne, damit er nicht beschämt wird vor mir. Wenn Du, o Gott, mir diese Gnade gewährst, will ich daraus die Ueberzeugung schöpfen, daß Du mir auch die Sünde verziehen hast, den armen Mann dem nichtjüdischen Gerichte auszuliefern." Diesen Fehler wieder gut zu machen, war Rabbi Jesajas nächstes und wichtiges Anliegen. Er sagte sich, daß er den Besuch des Stadthauptmanns nicht abwarten dürfe, sondern ihm zuvorkommen und ihn bewegen müsse, die ganze Begebenheit als ungeschehen zu betrachten. Abgesehen von der neuen Aufregung, die ein zweiter Besuch des Stadthauptmanns in der Judengaffe zur Folge hätte, war es auch viel schwerer denselben zur Niederschlagung jeder Untersuchung zu veranlassen, wenn er schon seinen Plan entworfen hatte und ihn in seinein Amtseifer zu Ende führen möchte. Rabbi Jesaja beschloß daher, sofort zum Stadthauptmann zu gehen und ihn zu bestimmen, die ganze Sache nunmehr auf sich beruhen zu lassen. Eben wollte er seinen Pelz anziehen und sich zum Fortgehen anschicken, als an die Thüre gepocht wurde und zu seiner großen Ueberraschung Herr Stadthauptmann von Dingeldein in voller Gallauniform eintrat. VIII. Herr von Dingeldein war wie umgewandelt. Seine Blicke leuchteten in wilder, unheimlicher Freude, seine kupferfarbige Nase schillerte ins Bläuliche und verrieth, daß ihr Besitzer zur Mittagstafel dem Wein gut zugesprochen hatte. — Dabei trug er ein joviale», burschikoses Wesen zur Schau, das keine Spur mehr von der Ehrerbietung zeigte, mit der er heute Morgen dieses Zimmer betreten hatte. „So rasch, Herr Rabbiner, hätten Sie mich wohl nicht wieder auf dem Platze vermuthet. Aber ich habe Ihnen ja schon einmal gesagt, etwas Kabbalistik versteht die Polizei auch. Um es kurz zu melden; wir haben nicht nur den Silberschatz, wir haben auch den Dieb, er ist bereits auf dem Weg in den Thurm." Rabbi Jesaja erbleichte und sank vor Schrecken auf den nächsten Stuhl nieder. Keuchend preßte er die Worte hervor: „Und wie heißt er?" „Das sollen Sie sofort erfahren. Ich muß Ihnen nur erst berichten, wie sich die Sache so rasch gemacht hat. Wissen Sie, ein so merkwürdiger Fall ist mir noch nicht vorgekommen; es ließ mir keine Ruhe, bis ich volles Licht in die dunkle Geschichte gebracht hatte. Ich zog meinen findigsten Geheimpolizisten, den langen Gredinger, ins Vertrauen und hieß ihn eine gründliche Haussuchung bei allen hiesigen Trödlern vornehmen. Er solle aber, so instruirte ich ihn, nicht bei den jüdischen Trödlern, sondern bei den christlichen beginnen. Da es sich um Eigenthum des Rabbiners handelt, so sagte ich mir, hat der Spitzbube es nicht gewagt, den Diebstahl zu einem Glaubensgenossen zu bringen. Da der Schatz jetzt wieder an seinem richtigen Platz ist, so ist in den Gewölben der Trödler selbstredend nichts mehr zu suchen und zu finden. Um so sicherer vermuthete ich die Spur in den Büchern und Papieren der Händler. Da man Gegenstände von so bedeutendem Werthe nicht ohne Schein und Quittung und vor allem nicht ohne oetaillirte Aufzählung der einzelnen Stücke aus der Hand gibt, so instruirte ich meinen Beamten, nach dieser Richtung hin eine Haussuchung vorzunehmen. Mein nach Ihren Angaben verfertigtes Verzeichniß gab ich dem Gredinger mit und im Verlauf einer Stunde kommt der geriebene Mensch schon mit der Nachricht von dem Dieb, den er richtig entdeckt hat. Er hatte eine glückliche Hand. Sofort bei dem Trödler Franchetti, den er zuerst aufsuchte, fand er das Gewünschte. Hier lest es selbst." Rabbi Jesaja's Hand zitterte hin und her; er

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.