Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1899-01-19 · Heft 6 (19.1.1899) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 6 (19.1.1899)
Date
1899-01-19
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448953-2448960--47554-2497912
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

WWWWW 102 meinde zugezogen werden soll. Auf den Ausgang darf man gespannt sein. O e st e r r.- U n g a r. Monarchie. Wien, 15. Jan. Man schreibt uns: In der antisemitischen Presse fand sich kürzlich folgender Bericht : „Juden als Mörder. Der Rabbiner aus Skala hatte vor Kurzem einen Prozeß wegen Betruges. Der Hauptzeuge war der Jude Leis Schwanenberg. Seine Aussage hatte zur Folge, daß der Rabbiner zu 6 Monaten Kerker verurtheilt wurde. Diese Aussage des Glaubensgenoffen hat großes Aergerniß bei den Juden hervorgerufen und es wurde beschlossen, den Zeugen aus der Welt zu schaffen. Diese Mission haben fünf orthodoxe Juden übernommen und wurde der genannte Zeuge thatsächlich vor einigen Tagen ermordet. Alle fünf Juden wurden verhaftet und dem Landesgerichte in Tarnopol eingeliefert." Infolge dieser Nachricht hat der hiesige Verein zur Abwehr des Antisemitismus sofort die nothwendigen Recherchen eingeleitet und ist zu folgendem Ergebniß gelangt: „Vor Allem sei bemerkt,. daß die Angaben der antisemitischen Presse, ein Rabbiner von Skala sei wegen Betruges zu 6 Monaten Kerker verurtheilt worden, der Wahrheit nicht entsprechen. Der Verurtheilte heißt Osias Krohn, besitzt etwas talmudisches Wissen und scheint in Rußland, wo er früher gewohnt zu haben behauptet, einem Rabbiner bei der Ausübung seines Amtes behilflich gewesen zu sein. Während der Massenauswanderungen der Juden aus Rußland ist Krohn nach Galizien übersiedelt und zwar nach Skala und hat sich hier auf die Unwissenheit wie auf die Leichtgläubigkeit der Einwohner von Skala gestützt den Titel „Rabbiner" beigelegt. Durch Berichte deutscher Blätter, namentlich der „Frankfurter Zeitung", wurde die Behörde auf den Mann aufmerksam. Weil er unter dem falschen Titel „Rabiner von Skala" die öffentliche Mildthätigkeit durch Bettelbriefe mißbraucht hat, wurde er bei der vor einigen Monaten in Tarnopol abgehaltenen Strafverhandlung zu einer dreimonatlichen, dann aber infolge der Berufung des Staatsanwaltes, zu einer sechsmonatlichen Kerkerstrafe verurtheilt. Auch der weitere Inhalt des obengenannten Berichtes beruht auf ganz falschen Thatsachen und ist in jeder Beziehung erdichtet. Es ist unwahr, ein Leis Schwanenberg sei bei der Verhandlung ein Hauptzeuge gewesen, seine Aussagen hätten die Verurtheilung des Angeklagten zur Folge gehabt und deßwegen sei er von seinen Glaubensgenossen zum Tode verurtheilt worden, welches Urtheil fünf orthodoxe Juden vollzogen hätten. Der wahre Sachverhalt ist folgender: „Eines Tages verbreitete sich in Tarnopol die Nachricht, in einem ostgalizischen Städtchen sei ein Jude ermordet worden. Es stellte sich heraus, daß die Nachricht der Wahrheit entspreche, insbesondere, daß ein gewisser Simon Stock einen Juden aus Skala, Namens Schwarzapfel, ermordet habe. Da diese beiden Personen bei Krohns Verhandlung als Zeugen einvernommen wurden, entstand Dank der Phantasie Anderer das in der antisemitischen Presse enthaltene Märchen. Denn der Ermordete, den die antisemitische Presse als Märtyrer seiner Gerechtigkeitsliebe darstellt, war kein Belastung^- sondern ein Entlastungszeuge und auch der Mörder, welcher ein Belastungszeuge war, konnte und hatte sicherlich kein so großes Interesse für Krohns Angelegenheit, daß er ihr zu Liebe seine Freiheit, womöglich auch sein Leben aufs Spiel setzen wollte. Er verübte die Thal einzig und allein aus Rache, welche in Privatzwistigkeiten zwischen Stock und Schwarzapfel ihren Ursprung zu haben scheint, er wurde zum Mörder, um sich, nicht aber den verurtheilten Krohn zu rächen." Aus obigem Sachverhalt erhellt aufs Deutlichste, daß in dem Berichte der antisemitischen Presse alles Wesentliche unwahr und tendenziös dargestellt ist." Afrika. Algier, 16. Jan. Bei der heute stattgehabten Eröffnung des Oberen Rathes von Algier betonte der General-Gouverneur das zunehmende Uebergewicht der französischen Rasse in Algier, wodurch die Naturalisation von Ausländern und die Anwendung des Dekrets Crömieux weniger nothwendig gemacht würden. Diese gesetzgeberischen Maßnahmen hätten zu den Mißständen in Algier beigetragen und die Besürchtung entstehen lassen, daß das französische Element durch das Zuströmen verschiedenartiger und zuweilen unverträglicher Elemente zurückgedrängt werden könnte. Eine Revision dieser Gesetzgebung sei wünschenswerth, vorausgesetzt, daß sie ohne Haß und ohne gewaltsamen Umsturz, sondern mit reiflicher Ueberlegung durchgeführt und auf die politischen Rechte beschränkt werde. Diese Mission habe er übernehmen zu müssen geglaubt zum Wohle des Ganzen und der Zukunft der Kolonie. > DermischteL. «3- Marienburg Für unsere Zeitströmung bemerkens werth und für weitere Kreise von besondere n Interesse ist eine Entscheidung des Bezirksausschusses des Regierungsbe zirks Danzig. Das „Altenheim" in Marienburg, welches städtisches Eigenthum ist, konnte nach einem Beschlüsse der städtischen Verwaltung von der evangelischen Konfession zu s/4 und von anderen Konfessionen nur zu 1li benutzt werden; in einer diesbezüglich anhängig gemachten Streitfrage hat der Bezirksausschuß entschieden, daß das Altenheim von allen Konfessionen, also auch der jüdischen, gleichmäßig benutzt werden soll.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.