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Der Israelit · 1899-01-19 · Heft 6 (19.1.1899) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 6 (19.1.1899)
Date
1899-01-19
Page
– (sequence 4)
Language
German
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100 „wird überhaupt kaum eine Definition gefunden werden können, unmöglich aber muß ich hinzufügen, von dieser Versammlung eine solche, mit der sich die GesetzeStreuen einverstanden erklären können.- -Dir sind meiner Meinung nach verpflichtet aus der Passivität heram zutreten und in gemeinschaftlicher öffentlicher Kundgebung die Gründe unseres Fernbleibens darzulegcn." Huben die JubiläumSredner ihre feierlichen Versprechungen und Schwüre nicht schon gebrochen, bevor ste dieselben ausgesprochen haben? Verschiedenen meiner Freunde und früheren Gesinnungsgenossen habe ich das mündlich und persönlich vorgehalten. Die Ehrlich"» wurden davon ein wenig verblüfft, andere sp'eln n die Beleidigten, duff man einen solchen Widerspruch — der doch faustd ck vor aller Augen liegt — ber ihnen auch nur voraursetzen könne, eine dritte Sorte schwang sich auf den höchsten Cvthurn und fragte mich in dem pathetischsten Brustton, ob ich denn die ganze Zeit und die veränderte Position des heutigen orthodoxen Juventhums vollständig verschlafen hätte. Heute hätten sich ja die Zeiten geändert, der heiße Kampf sei beendet, GotteSfrieden sei eingezogen in die Gemüther und die Parteien seien versöhnt, heute wäre es ja sinnlose Prinzipienreiterei noch immer Gewehr bei Fuß zu stehen, denn wo alles liebt, kann Karl allein mcht hassen. Wenn ich dann meinen liebeSseligen, friedenSduseligen Freunden den Puls fühlte und sie bat mir das doch ein wenig ohne Phrase in Kleingeld zu geben, so kamen sie gewöhnlich einen Augenblick in'S Stocken, aber nur einen Augenblick, dann kam wieder eine Sturzwelle von Brusttonund Pathos und schwemmte jeden Ansatz von nüchterner Ueberlegung fort. Nun, überschreien können sie mich, tröste ich mich mit Anti- Göze, überschreiben sollen sie mich gewiß nicht! Die guten Leute verquicken zwei grundverschiedene Sachen in verhängnißvoller Weise nämlich, das persönliche und das prinzipielle Moment.'So lange die Partisane der Reform sich noch als Alleinherrscher fühlten, geberdeten sie sich wie Großkophtas und sahen mit unsäglicher Geringschätzung und Verachtung auf die Juden «ans phrase, auf die Orthodoxen herab. Um aus den Hunderten von Beispielen, die sich aus der neologen Presse und Kanzel dafür ansühren ließen, ein recht saftiges zu erwähnen, erinnere ich z. B. daran, daß Herr D r. M a y b a u m kurz nach Antritt seiner Stelle in Berlin es für gut fand gegen das Muckerthum und den Obscurantismus feines greisen Lehrers Rabbiner Dr. Hildesheimer in einer wenig verschämten Weise eine Predigt zu halten. Wer den Beleidiger und den Beleidigten kennt, lächelt über diese Unverfrorenheit. Rabbiner Dr. Hildesheimer hat seinem Trc von der Eisenftädter her, das unqualificirte Gebühren längst vergeben und vergessen, wenn er sich je daran gestoßen hat. Er hat es gewiß ganz in Ordnung gefunden, daß ein ip'pB auch seine Lehrer schmäht und verleugnet. Je kleinlicher und belangloser solche persönliche Gehässigkeiten einem großen, edlen Geiste vom Schlage Hildesheimer erschien, um so mehr stießen sich seine Schüler und Verehrer daran. In diesem rüden, insolenten Ton, den die gegnerische Presse und Kanzel anschlug, erblickten sie die tiefe, unüberbrückbare Kluft verkörpert, welche die 're» nrfr» von diesen naest h bis b^bhb D’:t5p trennt. Je höher die Verehrung für den verehrten Meister war, um so tiefer war die Verachtung für diejenigen, welche ihn mit ihrem Speichel und Geifer besudeln zu können vermeinten. Der Niedergang des Reformjudenthums, das Fiasko seiner Gevattern und Taufpathen hat diese ihre Grandezza ablegen und sie bestimmen lassen, zuerst mit herablassender Gönnermiene und dann mit ostentativ zur Schau getragener Freundlichkeit sich dem orthodoxen Judenthum und seinen Bekennern zu nähern. Es ist wahr, heute würde Maybaum wohl keine solche Philippika m hr gegen seinen Lehrer halten, dazu ist er doch zu pastoralllug. In dieser Hinsicht hat sich nicht das Reformjudenthum, sondern seine Taktik geändert. Wie klug es daran von seinem Standpunkt aus handelte, sieht man an der Verwirrung der einfachsten Begriffe bei sonst einsichtigen, charakterfesten Wortführern des orthodoxen Judenthums, aus welcher doch G. s. D. das Gros der von Hildesheimer ausgestellten Rabbinen besteht. Herr Dr. Maybaum und seine Gesinnungsgenossen sind heute noch dieselben b^ee: e-b^b, die sie anno 84 waren. Oder sind sie wirklich nrt?n 'bvz geworden? Läßt sich heute zwischen uns und ihnen eine Brücke schlagen? Giebt es heute für die Hebung des religiösen Sinnes, etwa ein anderes, besseres Mittel als das anno 84 von Hildesheimer empfohlene, daß die Rabbinen selbst nicht das Religionsgesetz mit Füßen treten? Wo in aller Welt giebt es einen -«rri für den anno 84 ausgesprochenen tb*k? Mit derselben Täuschung operirt mit demselben Erfolg der Deutsch-Israelitische Gemeindebund, der von Begründern des Reformjudenthums ins Leben gerufen und seit seinem dreißigjährigen Bestand bis auf diesen Tag die radicalsten Reformjuden in seiner Vereinsleitung hatte. Er hat einen bekannten orthodoxen Herrn zum dritten Vorsitzenden gewählt. In seiner ersten beim Gemeindetag gehaltenen Rede, sagt dieser Herr wörtlich: „Ich rechne es als hohes Verdienst unserer Zeit an, daß wir vereint sind, und meine, daß es thöricht wäre, wenn wir das, was uns trennt, hervorkehren wollten.*) *) Danach sind die oben zitirten Aeußerungen Hildesheimers, welche das, was uns trennt, recht scharf betonen — thöricht!

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