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Der Israelit · 1899-01-19 · Heft 6 (19.1.1899) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 6 (19.1.1899)
Date
1899-01-19
Page
– (sequence 2)
Language
German
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W 98 Gebet für das Wohl der Exilsfürsten von Babylon an jedem Samstag und sämmtliche Piutim an den Festtagen" darum verrichten, weil die Piutim als Zeugen einer glücklichen Vergangenheit, in der die Wissenschaft des Judenthums jedes Glied seiner Gemeinschaft durchdrang, und dieses Wissen zum Leben erblühte und Früchte trieb zum Segen des Judenthums und der Menschheit, uns mahnen, die Rückkehr jener Zeiten für die Zukunft zu erbitten, und dafür zu beten im „Gebet für das Wohl der Erilsfürsten", daß auch unserem Geschlechte Männer den „Exilsfürsten" gleich entstehen, die „ihre Lehre leben und ihr Leben lehren", auf daß das Leben Israels getreues, schönstes Abbild seiner Lehre werde- und sie, die solches beten, von solchem Ernste der Gedanken durchdrungen sind, daß sie das Opfer einer doppelten Steuerleistung nicht scheuen: sie trieben nichts anderes als Wahlmanöver? Wie anders könnten wir aber, die wir stets in der Minorität sind, unserer Ansicht Geltung, unserer Ueberzeugung Achtung verschaffen, als dadurch, daß wir in fortgeschrittenen Tagen der Rechtlichkeit und Duldung auf den Satz hinwiesen, den die neuere Zeit so gern aufgesunden haben und dessen Bethätigung sie sich so gerne rühmen möchte: „Gleiches Recht für alle?" Ist es nicht recht und billig, wenn es die Beralhung über die Einrichtung eines Gottesdienstes in einem Bethause der Gemeinde gilt, daß alle die gleichen Antheil an der Verathung haben, welche ihr Interesse am Judenlhum durch steten Besuch des Gottesdienstes bisher bezeugt haben? Wir alle haben mit unseren Mitteln die neue Synagoge mir errichten helfen, wir alle müssen darum am Gottcsdienste in derselben theilnehmen können. Sind wir gleich die Geringer« an Zahl, die Schwächern an Mitte', so werfet unser Wort, den Werth seiner Wahrheit, das Gewicht seines Ernstes, die Würde seines Alters, die Heiligkeit und ehrfurchtgebietende Allmacht desEinig-Einzigen, der es ge lehrt, in die Wagschale: — wird eS ausgewogen durch den stürmenden Ruf zum Hader zwischen Brüdern, zur Mißachtung des Selbstbewußtseins, zur unnatürlichen Nachahmung von Gebräuchen, die andern Zielen, andern Anschauungen gemäß sind? Warum ries man damals nicht zur Orgel, da man den Grundstein legte zu dem Gebäude, über dem heute die Kuppel sich schon längst erhebt? Man wollte die Leistung unserer Pflicht und willigt nicht in die Forderung unseres Rechts?! Und wenn wir vor Gott und Menschen Hinweisen auf dieses unser Hausrecht, das wir mit dem Steuerpfennig ehrlich uns erworben, Hinweisen auf die Vergewaltigung, mit der man hinterher unser eigenes Haus uns unmöglich machen will, dann wagt man es noch, uns oorzuwerfen, „uns fehle die Objektivität," wirtrieben „Wahlmanöver"? Ja, freilich! wem „Recht" ein „leeres Wort", eine „Wahlphrase" geworden, dem können die Argumente des Rechts, der geraden Ehrlichkeit und unverblümten Wahrheit nicht mehr einleuchten. Mit ihm streiten wir aber auch nicht; denn seine Kampfes weise ist uns fremd, und nimmer erlerne sie unsere Feder! Rur der Oeffentlichkeit wollen wir noch mittheilen, daß sie wahre „Objektivität" bei dem Schreiber des gegen uns gerichteten Artikels nicht lernen kann. Denn er hat allzu „objektiv" das Rechenexempel der Orgelfreunde, ohne es nachzurechnen, wiedergegeben. Die erwähnte Gegeneingabe hat sich indeß bereits die Mühe genommen, die Rechnung zu revidiren und bei ihrer Collationirung erhalten wir eine ganz andere Bilanz, die das Verhältniß derjenigen, die die Orgel verlangen, zu denen, welche sie nicht verlangen ganz anders erscheinen läßt. Von 2500 Steuerzahlern haben geantwortet 1640. Es blieben somit unbeantwortet 860. Diese bleiben von den Orgelfreunden unberücksichtigt, während wir glauben, daß sie mindestens ni cht in derListe der Orgelfreunde anfgesührt werden dürfen und das Gros jener bilden, welche die Orgel nicht verlangen. Zu ihnen gesellen sich 57 Indifferente und 282 ausgesprochene Gegner. So erhalten wir das Resultat von 1205 Stimmen, die die Orgel nicht verlangen gegen 1301 Stimmen für die Orgel. Bei 2o00 Steuerzahlern, soll also die Zahl 90 Ausschlag geben?! So liegt das thatsächliche Verhältniß! Aber weg mit dem Zahlenverhältniß! Es soll ja „gleiches Recht für Alle" gellen. „Für alle Parteien innerhalb der Gemeinde gleiches Recht zu voller Entfaltung, zu freier Uebung, zu gerechter Wahrung ihrer religiösen Anschauungen." Run, dem stimmen wir zu. Möchten doch die gegensätzlichen Richtungen in der Judenheit neben einander sich zu entwickeln beginnen und eine nicht die andere beeinfluffen! „Sich selbst überlassen und nicht zu aussichtsloser feindlicher Umarmung zusammengezwungen, hätten sich die Gegensätze gar bald geklärt, hätten in der Freiheit sich neben einander entfaltet, hätten nur einen geistigen, sittlichen Wettkampf siegreicher Bethätigung des einem jeden innewohnenden Kernes der Ueberzeugungen bestanden, und hätten eben in solcher Bethätigung um die Palme der Wahrheit gerimgen." *) Auf die Dauer lassen Gegensätze sich nicht vereinen. Auch auf geistigem, religiösen Gebiet herrscht ein Gattungsgesetz! Reben einander, nicht mit einander sollen die Richtungen ihre Wege gehen. Die Mittel zu ihrer Erhaltung *) S. R. Hirsch- „Das Prinzip der Gewissensfreiheit" S. 15.

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