Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 5 (16.1.1899)
- Date
- 1899-01-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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84 „unparteiische Allgemeine Zeitung des JudenthumS" leistet ihm dazu Handlangerdienste ohne ein Wort der Zurückweisung für den Fanatismus übrig zu haben, der in folgende Sätze ausklingt: ,,Wer eS wirklick mit dem Judenthum, mit seinem berechtigten Anspruch auf volle Gleichberechtigung ernst meint, der muß alles aufbieten, um derartige Jsolirungsbestrebringen energisch von Anbeginn an zurückzuweisen. Wenn das religiöse Bedürfniß unsere orthodoren Glaubensgenossen zwingt, den Sabbath in strenger Weise zu feiern, so müssen sie auch die Konsequenzen ziehen und Opfer bringen: sic dürfen aber nicht wegen ihrer religiösen Anschauungen die soziale und rechtliche Stellung aller Juden gefährden." Nun, Herr Dr. Geiger und seine Gesinnungsgenossen, die das Heft der hiesigen Reform-Gemeindeleitung in Händen haben, wissen ihr Gewissen jedenfalls frei von Jsolirungsbestrebungen dieser Art. Sie thaten und thun alles Mögliche und Unmögliche, ihre christliche Umgebung vergessen zu machen, daß sie Juden sind. Was hat ihnen diese Verleugnung ihres Judenthums, die Vertuschung ihrer Sonderstellung genützt? Hat diese Feigheit es hindern können, daß Herr Geiger selber zuaestehen muß: „Nie waren wir, seitdeni die Emanzipation der Juden gesetzlich festg'legt, von deren praktischen Durchführung weiter entfernt, als gerade jetzt. Der Antisenutismus erhebt aller bestehenden Gesetze zum Trotz sein Haupt?" Gewiß müssen die Juden alles thun, um ihre Rechte wenigstens theoretisch aufrecht zu erhalten. Aber verstoßen sie denn gegen diese Pflicht, wenn sie als Juden darum petitioniren, durch die Sonntagsruhe nicht zu größeren Opfern herangezogen zu werden, als ihre christlichen Mitbürger? Jsoliren sich die Juden wirklich gesetzlich durch diesen Antrag und heften sich — wie sich Herr Dr. Geiger ausdrückt — durch seine Gewährung einen gelben Fleck auf ihr Kleid, indem ste den Juden erkennbar machen? Wer diese Weisheit gläubigen Gemüths hinnimmt, müßte wirklich glauben, die jüdische Sonderstellung datire erst von diesem Antrag. Ohne ihn wüßten die Frankfurter Stadtverordneten gar nicht, daß es in Frankfurt Juden, eine jüdische Gemeinde gäbe, die erst kürzlich einen großen Prozeß geführt und verloren hat, indem sie eine ganz eigenartige gesetzliche Sonderstellung erfolglos anstrebte. Damals dachte gar keiner von der lilienweißen Zunft dieser wunderlichen Schirmvögte des Judenthums an den gelben Fleck auf dem Kleide. Der kommt erst zum Vorschein, wenn orthodoxe Juden ihren Sabbat aufrecht erhalten möchten. Vielleicht hat Herr Dr. Geiger das Unzulängliche, Fadenscheinige seines ganzen Raisonnements füglich selber eingesehen und es daher für gut befunden, als ultimo ratio noch mit Citirung des antisemitischen Schreckgespenstes einiges Gruseln zu erzeugen, indem er schreibt: „Welchen Eindruck wird es nach außen machen, wenn auf Grund eines Gesetzes die anderen Geschäfte geschlossen bleiben müssen, diejenigen der Juden - aller Welt als solche erkenntlich — offen bleiben dürfen? Welche billige und günstige Gelegenheit für unsere Antisemiten zu bequemen Demonstrationen im Flamen des Ehristenthums!" Der Eindruck nach außen kann nicht schlimmer sein, als der Eindruck, den diese Juden- und Judenthumfeindliche Gesinnung des Herrn Dr. Geiger nach innen machen wird bei allen, die in der That noch Sinn und Herz für Juden und Judenthum haben. Zu seiner Beruhigung können wir ihm versichern, daß den jüdischen und nichtjüdischen Antisemiten die Juden bereits durch ihre am Sabbat geschlossenen Läden, wenn auch nicht offiziell erkenntlich, so doch kenntlich sind. Wenn der Herr Justizrath gelegentlich eines Gemeindeprozesses oder durch sonst einen Anlaß seine Scheu gegen die gesetzliche Jsolirung der Juden wieder einmal zurücktreten läßt, kommt er vielleicht auch einmal auf die Idee, den orthodoxen Juden das Schließen der Läden am Sabbat gesetzlich verbieten zu lassen, um ja kein zartbesaitetes antisemitisches Gemüth zu verletzen. Das bringt uns zum Schluß auf den Gedanken der „Allg. Zeitung des Judenthums" und ihrem Mitarbeiter folgenden Vorschlag zur Güte zu machen. Die Antisemiten behaupten bei jedem Anlaß, gegen die orthdoxen Juden hätten sie gar nichts, ihr ganzer Kampf gelte nur den Bekennern des Zwitterjudenthums, das die Reform repräsentirt. Da könnte der Herr Justizrath und sein Berliner Sprachrohr einmal den Antisemiten ein schönes Schnippchen schlagen. Sie brauchen nur die Orthodoxen ungeschoren ihren Sabbat halten zu lassen und ihnen denselben durch Beschränkung der Arbeitszeit am Sonntag nicht noch mehr zu erschweren. Machen's die Antisemiten ebenso, dann sieht man daraus, daß alle Befürchtungen nach dieser Seite hin, nichts als schreckhafte Trugbilder waren. Stoßen sich dann die Antisemiten aber wirklich auch einmal an den orthodoxen Juden, weil sie die Sabbatruhe der Sonntagsruhe vorziehen, so wären sie einmal recht gründlich aus ihrer Rolle gefallen, vor aller Welt blamirt, und gegen die Regel, nach welcher sonst eine Krähe der andern die Augen nicht aushackt, hätte das. mit ihrem Singen die Loreley gethan! *** Kippenheim, Ende Dezember. Die hies. E'TOJ rrzr, beging am rsts» ihr 50jähriges Jubiläum. Anläßlich der glücklichen Heimkehr einer Anzahl Jünglinge, welche das Revolutionsjahr 1848/49 unter die Fahne gerufen hatte, gründeten dieselben auf Veranlassung ihres hochgeschätzten Lehrers Heidingsfeld eine nizn, welche, den jugendlichen Mitgliedern entsprechend, den Namen z^:y: ircn erhielt. Von 6en Gründern dieser msn sind noch sechs am Leben, denen zu Ehren am genannten in den