Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 5 (16.1.1899)
- Date
- 1899-01-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448953-2448959--47533-2497890- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
82 und die Parole des Tages lautete: Wir wollen Egypter werden! o'ircvr n*n;. Während sie aber glaubten auf diese Weise sich die Gunst ihrer egyptischen Umgebung zu erringen und zu sichern, trat das vollendete Gegentheil ein. Gott wandte das ursprünglich den Hebräern freundlich gesinnte Herz in Haß und Abneigung um. Wenn aber Gott selber diese Umwandlung sich angelegen sein läßt, um seinem Volke seine Eigenart zu retten, so erweist sich alles Mühm und Kämpfen unsererseits als vergeblich, und geradezu als thöricht. Denn dieses Bemühen unsererseits, das Rufen nach dem Staatsanwalt, der Kampf in Vereinen und Broschüren zur Wahrung unseres angetasteten Rechts, dieses ganze Bestreben bekundet doch, daß wir das göttliche Eingreifen in unser Geschick verkennen und allen Ernstes glauben, es ließe sich durch unser eigenes Zuthun, der von Gott selber gepflanzte Haß und Wahn mit Erfolg bekämpfen. Vielleicht war es, wie so oft in späteren Zeiten, gerade der Abfall vom Gottesgesetze, das ostentative Verlaßen der heimischen Sitte und das aufdringliche Aufgehen in ihre llmgebung, welche letztere stutzig machte. So lange die Glieder der Jakobsfamilie treu ihren Traditionen anhingen, hätte vielleicht auch die findigste Ränkesucht es nicht gewagt, ihnen staatsfeindliche Tendenzen zu unterstellen. Vielleicht wollen die Worte: pd? rx w x^ ^rrx sagen, daß der neu erstandene König nichts mehr von Joseph bemerkte, keine Spur mehr von dem segnenden, sittigenden Einstuß gewahrte, den Joseph als treuer Sprößling des Jakobhauses auch als treuer Förderer und Wahrer des ägyptischen, zweiten Vaterlandes bewährte. Wie dem aber auch sei, so lange die in Aegypten Eingewanderten sich als Fremde fühlten und ihr von den Vätern überkommenes heiliges Lebensregime nicht leichtsinnig Hingaben, um dagegen politische Vortheile einzutauschen, so lange setzten sie sich nicht dem Verdachte aus, auf diesem Gebiete sich Hervorthun zu wollen und benahmen so durch ihr ganzes Auftreten jedem Uebelwollenden die Handhabe, sie nach dieser Seite hin zu verdächtiger!. Ihre Neuerungen dagegen hat sie und ihren Grundbesitz der Verdächtigung überantwortet. (crrp^n wie p^- Amos c: VII, V. 4, welches Bodenbesitz bedeutet.) Wir wissen, wie eifersüchtig die Herren der Länder, in welchen Israel lebte, allezeit darüber wachten, daß ihren israelitischen Angebürgerten kein Recht auf Erwerb von Grund und Boden zuerkannt wurde. Vom ersten Ahn des israelitischen Volkes, der die Ueberlasiung einer Grabstätte für sein verstorbenes Weib gegen schweres Geld als besondere Gunst erbitten mußte, bis an die Schwelle unserer Zeit, war dieses Recht ein Gradmeffer für die Duldung, der sich die israelitischen Angesessenen jeder Zeit zu erfreuen hatten. Dieses Recht in Aegypten, Grundbesitz zu erwerben, wird daher als ein der eingewanderten Jakobsfamilie eingeräumtes Recht besonders betont (I. B., Cap. 47, V. 27.) Diesen Grundbesitz finden die Rabbinen in dem Worte des Propheten Hosea wieder, mit welchem sie den Bericht über die Neuerungen des neuen Königs von Aegypten einleiten. Die religiösen „Neuerungen" hätten selbst die bereits gesicherten Errungenschaften und ihre Besitzer beseitigt. Als daher nach vielhundertjähriger Unterdrückung auch unseren Vätern die Freiheitsstunde schlagen sollte, brachte ihr Führer das alle Jahrhunderte vernachlässigte Bundeszeichen wieder zu Ehren, bevor sie in die Freiheit zogen. Es sollte den Erlösten ja nahe gelegt werden: Die geringschätzige Verachtung der Vättersitte bringt uns nicht die Freiheit, sondern die Unterdrückung. Der Druck hört erst auf, wenn die Geringschätzung gegen unser Heiligstes aufhört. Nur als treue, auch äußerlich erkannte Glieder des Abrahambundes ziehen wir in die Freiheit. Welch' ernste Mahnung liegt doch in dieser alten, ewig neuen Erfahrung! Wie viele haben in unserer Zeit noch geglaubt und glauben es noch, sie brauchten nur dem alten jüdischen Heiligthume geringschätzig den Rücken zu kehren, um von der sie umfluthenden nichtjüdischcn Umgebung mit offenen Armen ausgenommen zu werden! Wie haben sich diese Wortführer doch geirrt und wie viele, schwere Enttäuschungen hat ihnen dieser Jrrthum gebracht. Wohl gehen die religiösen Neuerungen mit den socialen und politischen Hand in Hand. Aber nicht in dem Sinne, wie es flache an der Oberfläche der Erscheinungen haftende Weltkluge meinen. Der Abfall von Gott und seinem Gesetze hat uns noch nie die Freiheit gebracht, sondern hat sie uns immer gefährdet und geraubt. Nur die Treue gegen Gott und die von ihm gebotene Pflicht wird uns unser Loos erträglich gestalten und selbst die Verblendung und Verkennung unserer Feinde in Achtung und Liebe umwandeln. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 17. Jan. Am 29. v. M. fand die achte ordentliche Generalversammlung des Vereins für jüdische Geschichte und Literatur in Eaffels Hotel statt. Der Vorsitzende konnte in seinem Bericht über das abgelaufene Jahr der aufrichtigen Genugthuung darüber Auskunft geben, daß der Verein an Mitgliedern immer mehr wachse, daß die Vorträge und