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Der Israelit · 1899-01-12 · Heft 4 (12.1.1899) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 4 (12.1.1899)
Date
1899-01-12
Page
– (sequence 11)
Language
German
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71 Abdruck in dieser offiziösen Zeitung hat dieses Gespräch eine größere Bedeutung erlangt. Es ist ein offenes Geheimniß, daß der Staatsmann Minister Boffe ist, der preußische Kultusminister, der die Kaiserreise mitgemacht hat, der Correspondent aber der bekannte Herr Klausner. Dadurch gewinnt der Inhalt dieses Gespräches eine besondere Farbe; wenn man das Wohlwollen, das dieser Staatsmann dem Zionismus entgegenbringt vergleicht, mit der Drangsalirung der drei jüdischen Lehrerinnen in Berlin und mit all der Zurücksetzung der Juden in der Schule, die auf die Thätigkeit des Herrn Bosse in letzter Linie zurückgeht, so riecht dieses Wohlwollen gar sehr nach Antisemitismus. Ueber den Inhalt des Gespräches ist nicht viel zu sagen. Der Staatsmann vertheidigt die Berechtigung der Juden eine eigene Nationalität zu bilden und theilt mit, daß er für den Zionismus bei den Norddeutschen nur geringe Theilnahme, bei den Süddeutschen lebhaftes Berständniß und stellenweise Begeisterung gefunden habe. Wichtig ist vor allem folgender Passus, der sich auf die thatsächlichen Berhältniffe bezieht: „Ueber den guten Zustand der deutschen Kolonien haben wir Helle Freude gehabt. Die Vorzüge, die diese auszeichnen, haben wir auch bei den jüdischen Kolonien gefunden, in denen fleißige Arbeit steckt, gleichviel ob zur Begründung Rothschiidsches Kapital geholfen hat oder nicht. Auch in Jerusalem selbst trat der vortheilhafte Unterschied der von Juden bewohnten Viertel gegenüber den Araberoierteln genau so deutlich zu Tage, wie der Unterschied zwischen deutschen Dörfern und den Araberdörfern." Rußland. Petersburg, 9. Jan. (Die Juden in Rußland.) Ein russischer Jude hat dieser Tage vor dem Reichssenat in Petersburg über die kaiserlichrussische Polizei einen bemerkenswerthen Sieg erstritten. Ein Korrespondent theilt der „Morning Post" die Einzelheiten des Falles mit, der wirklich eine amüsante Illustration der polizeilichen Kontrolle ist, die sich die Juden in Rußland gefallen lasten müssen. In Rußland ist den Juden von der Polizei genau vorgeschrieben, welchen Namen sie ihren Kindern geben müffen. Sie sind auf biblische Namen beschränkt, und zwar dürfen sie nicht die modernisirte Form dieser Namen wählen. Ein Jude darf seinen Sohn z. B. Abraham oder Jakob heißen, aber nur in der hebräischen oder jüdischen Form Avrohom und Aankev. Der angeführte Streit vor dem Senat drehte sich um Samuel. So hatte ein südrussischer Jude seinen Sohn genannt. Die Polizei verbot diese Form als polizeiwidrig und bestand auf Schemuel. Der Jude appellirte an den Reichssenat und dieser entschied, daß in diesem bestimmten Fall die Polizeivorschriften nicht verletzt worden seien, da Schemuel nur eine Variante von Samuel sei. Das englische Blatt bemerkt dazu: „Daß solche Kindereien die Aufmerksamkeit der höchsten legislativen und konsultativen Körperschaft im russischen Reich beschäftigen müssen, wirft auf die geistige Höhe, die selbst der gebildete Moskowite am Ende des 19. Jahrhunderts erreicht zu haben scheint, ein überraschendes Licht." Feuilleton. Verkauft. Eine Erzählung aus Ungarn. IX) Von Samuel B. Rosner. Nachdruck verboten- Rudolf begann eine heftige Promenade durch das Zimmer. Sein Gesicht verrieth einen bewegten Kampf, der sich in seinem Innern abspielte. Plötzlich blieb er vor Schulamit stehen, sie mit einem siegesfrohen Blick ansehend. „Endlich habe ich sie gefunden, die Lösung," sprach er hastig voll Eifer. „Ich gehe zum Rektor und lege dem akademischen Senat den Fall vor. Ich erkläre gleichzeitig, daß ich das Duell mit der Würde eines zivilisirten Menschen nicht vereinbarlich finde, daß ich es als eine barbarische Rohheit verabscheue und entschlossen bin, es nicht bei dieser platonischen Meinungsäußerung bewenden zu lassen, sondern daß ich hiervon die praktischen Consequenzen ableite und die Herausforderung zum Zweikampf ablehne." Sie nickte ihm mit strahlendem Angesicht beistimmend zu. „Damit ist aber die Sache noch nicht abgethan. Um allen böswilligen und niedrigen Verdächtigungen von vornherein die Spitze abzubrechen, als ob Mangel an Muth mich dem Zweikampfe ausweichen ließe, erkläre ich gleichzeitig, daß ich freiwillig unsere Truppen als Arzt nach Bosnien begleiten werde." „Ach nein," flog es in jähem Erschrecken über ihre Lippen, „das ist nicht nothwendig —" Er hätte glücklich aufjauchzen mögen, über diese Worte und über die Miene, mit welcher sie Schulamit aussprach. „Kind — Schulamit — das ist ja nöthig!" rief er jubelnd. „Nein, das ist nicht nöthig." Er senkte in demüthiger Ergebung den Kopf und machte eine Bewegung der Ratlosigkeit mit den Händen. Er fühlte sich als willenloses Werkzeug in der Hand dieses liebreizenden und so beispiellos verständigen Kindes.

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