Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 4 (12.1.1899)
- Date
- 1899-01-12
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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70 Herr Dr. Jonas Lehmann sprach Folgendes: Das Menschenschicksal in ewiger Wiederkehr! Wir lasen es ähnlich am vergangenen Sabbat in der Sidra: pinm xs p,»' *7» ron its'i ->2'i ntton by zm ^x*i«r. Und sie verkündeten es dem Jakob und sie sagten es, siehe, dein Sohn Josef ist zu dir gekommen. Da raffte sich Israel auf und setzte sich im Bette. Die Häufung der Ausdrücke usx»i uud n;rr fällt auf. „Man verkündete", „man sagte", „siehe." Eine Erklärung lautet, daß der sterbende Jakob schon schwach gewesen, und daß man es ihm immer wieder mittheilen mußte, daß sein Sohn gekommen, bis er es endlich zu erfassen vermochte. Als der Draht es mir in der Ferne meldete, daß mein Mütterchen erkrankt sei, als ich herbeigeeilt kam, da streckte sie bewußtlos auf ihrem Lager; wehdurchglüht sank ich davor nieder — sie erkannte mich nicht. Und sie riefen und riefen es ihr — immer wieder — in das schon seines Dienstes entlassene Gehör: Dein Sohn ist gekommen! Endlich, da sammelten sich die schon erschlafften Muskeln, die gelösten Nerven spannten sich wieder, sie richtete sich ein wenig auf, sah mich mit weit aufgeriffenen Augen an — und lächelte mir zu. Die schon erlahmende Hand suchte nach der meinen, auch die andere schob sich herbei, und sie streichelte meine Hand vier—fünf Mal und suchte, im ausbrechenden Schweiße des Sterbens, sie nach ihren Lippen zu führen — und dann sank sie zurück, um sich nie wieder zu erheben. So überwindet die Liebe selbst die Pforte der Ewigkeit; dies Lächeln, dies Streicheln, mit ungeheuerster Anspannung der letzten Kraft müh- und nothsam dem Tode abgerungen für den herbeigeeilten Sohn — es stellt ein ganzes Charakterbild dar. Nicht mit den weitumschauenden Blicken des Geistes vermag meist die Frau zu siegen, ihr Gebiet ist das Haus, ihr Reich ist das Herz, ihr Feld der Ehre, auf dem sie steht und kämpft, ist die Liebe; die ist Siegerin, die fei Königin auf dem Ehrenfeloe, die am besten zu lieben vermag. Und mein Mütterchen verstand zu lieben. Unerschöpflich war ihre Güte, weich und weit ihre Milde, ohne Fels und Ufer ihre unendliche Sanftmuth. Ihre Liebe war menschlich tief und doch von jener Erhabenheit, die Alles erträgt und Alles vergibt, die Alles opfert und Nichts verlangt. Ja, sich opfern für die, die sie liebte, das war ihr Glück. Darin bestand der Sinn ihres Lebens; unzählige Mal habe ich es nach dem Tode meines Vaters aus ihrem Munde gehört: Es gibt nur ein Glück — und das ist die Liebe! Ihr empfindsames Gefühl hatte es erkannt, daß die Liebe der höchste Genuß des Lebens ist, das Füllhorn, das ihm Werthe, das ihm Zwecke, das ihm Gnaden verleiht, daß wir Gott am ähnlichsten sind, wenn wir lieben. Diese Eigenschaften prädestinirten sie dazu, die Gattin meines Vaters zu werden, die er seinem männlichen Charakter nach brauchte, die ihn beglückte. Er, der starke, zielbewußte Mann, der mit fester Hand die Geschicke seines Hauses leitete, sie, anschmiegsam, hingebend und ergebend, nichts wünschend, als ihn zu befriedigen, nichts sehnend, als seinem WilUn zuvorzukommen, das eigene Selbst aufgebend, um aufzugehen in seiner Größe, mit Freudigkeit sich ihm opfernd und beglückt dadurch, sich höher wieder zu finden in ihm. Sie sah mit tiefer Verehrung zu ihm auf und er trug sie auf seinen Händen zu sich empor. Da ward sie in des Wortes Vollsinn die Gattin ihres Galten und stand ihm ebenbürtig zur Seite. Als er starb, begann auch sie zu sterben; ihre letzten Jahre wurden zu einer vergehenden Erinnerung, ihr Leben war in der Vergangenheit, ihre Zukunft im Grabe, das sie mit ihm vereinen sollte. Tag für Tag welkte sie ihm zu, Theil auf Theil fiel von dem damals noch blühenden Weibe ab, ihm nach in die Erde. Da half kein Einreden und kein Bitten. Geweint hat sie und geweint, bis ihre Augen erblindeten, gesehnt, bis ihr Herz brach. Was noch allein ihr Leben ein wenig zu fristen vermochte, das war die Liebe zu ihren Kmdern. Was sie uns gewesen, wir wissen es; in Stunden vermöchte ich's nicht zu erschöpfen. Das war keine Opferfreudigkeit mehr, das war eine Freude über das Opfer, das sie denen bringen konnte, die sie lieble. Ihr Beruf war die Liebe, den hat sie ausgefüllt und nun erfüllt. Ein glückliches Leben und ein schöner Tod. Umgeben von dem liebesheißen Schmerz ihrer Kinder, glitt ihre Seele schmerzlos dahin. So tief wir uns beklagen müssen, Dich können wir nicht beklagen, denn du Haft gesiegt. Nach beneidenSwerthem Tagwerk, ruh Dich aus, mein liebes Mütterchen, bis wir uns Wiedersehen und wieder lieben können. Ruh' Dich aus! Zeitungsnachrichten und Korrespondenzen Deutschland.? Berlin. Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" bringt eine Unterredung eines Correspondenten der „Breslauer Nachrichten" mit einem deutschen Staatsmanne über die Bedeutung des Zionismus. Diese Unterredung stand schon vor drei Wochen in der „Allgemeinen Israelitischen Woch nschrift", wurde indeß wenig oder gar nicht beachtet. Erst durch den