Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 4 (12.1.1899)
- Date
- 1899-01-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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zurückzuziehen. Zuvor aber hat er seinem Bezirke noch ein fürstliches Geschenk gemacht. Whitechapel ist überfüllt mit kleinen Leuten, so daß die Miethspreise für ganz kleine Wohnungen in den letzten Jahren enorm in die Höhe gegangen sind und als eine fast unerschwingliche Last empfunden werden. Vergebens ist schon von verschiedenen Seiten auf diesen Uebelstand hingewiesen worden, die von vielen angesehenen Persönlichkeiten unternommenen Schritte, um die Miethspreise auf einer mäßigen Höhe zu halten, haben sich leider als nutzlos gegenüber der Profitwuth der LandbredS, d. h. Hausbesitzer erwiesen. Am Montag, 19. Dezember fand wiederum ein Massenmeeting statt, aus Juden und Christen in gleicher Weise zusammengesetzt, bei dem von beiden Seiten die schärfsten Ausdrücke gegen die Hausbesitzer fielen und dieselben als die schlimmsten Wucherer bezeichnet wurden. Diese Gelegenheit benutzte Sir Samuel Montagu, seinen Wählern mitzutheilen, daß er als Abschiedsgeschenk für sie dem Londoner Grafschaftsrath ein Terrain geschenkt habe, auf dem 700 Häuser für kleine Wohnungen erbaut werden sollen. Dieselben müssen gegen ganz billige Miethzinse vermiethet werden und werden Wohnungen für 3—4000 Personen enthalten, so daß ein gewisser Abfluß aus dem überfüllten Whitechapel möglich wird, auch sind Vorkehrungen getroffen, um den Mielhern die Möglichkeit zu geben, diese Häuser allmählich selbst zu erwerben. Konfession und Nationalität dürfen bei den Bewerbern nicht berücksichtigt werden, bevorzugt können nur diejenigen werden, die länger als drei Jahre in Whitechapel ansässig sind. Bemerkt sei noch, daß diese hartherzigen Hausbesitzer sämmtlich Christen sind. Griechenland. § Korfu. (Kein Exodus der Juden.) Die Meldung einiger jüdischer Blätter in Deutschland und England, daß die hiesigen Israeliten auswandern wollen und zwar entweder nach Triest oder nach Alexandrien, hat hier allgemeines Befremden erregt, da im hiesigen Judenviertel nichts von einem so großartig geplanten Exodus bekannt ist. Wohl giebt es hier einige Israeliten, die infolge der geänderten Geschäftsverhältnisse in unserer Stadt Vorbereitungen zu ihrer Auswanderung treffen, daß aber unsere ganze Gemeinde, oder wenigstens der größte Theil derselben nach dem Wanderstabe greifen wolle, davon ist hier nichts bekannt. Auch wäre es quasi ein Selbstmord, wenn die 4000 hier lebenden Israeliten in so leichtsinniger Weise ihre heimathliche Erde verlassen wollten, um sich zu Tausenden in irgend einer fremden Stadt anzusiedeln. Es läßt sich zwar nicht leugnen, daß wir durch den hier herrschenden Antisemitismus viel zu leiden haben, wo giebt es aber heute ein Land oder eine Stadt, die von dieser Seuche befreit wäre? Auch würde es die österreichische oder die egyptische Regierung nicht so gleichgültig geschehen lassen, daß auf einmal ein paar lausend Juden mit Weib und Kind einherkommen sollen, um sich in einer ihnen zusagenden Handelsstadt niederzulassen. Der beste Beweis aber dafür, daß unsere Gemeinde nicht ans Auswandern denkt, ist, daß dieselbe erst vor wenigen Tagen sich einen neuen Oberrabbiner in der Person des Herrn Lewy, Zögling des Pariser Rabbiner-Seminars, verschrieben, der auch schon sein Amt hier angetreten hat. Auch sind uns unsere schon Jahrhunderte alten Synagogen und Bothe-Midraschim und nicht minder auch unser Friedhof, auf dem nicht nur unsere Voreltern, sondern auch zahlreiche Leuchten Israels ruhen, zu heilige Stätten, als daß wir sie so einfach Andersgläubigen zur beliebigen Benützung überlassen sollten. Korfu ist schon seit Jahrhunderten eine ntmp r6rrp (heilige Gemeinde) und wird es hoffentlich noch weitere Jahrhunderte bleiben. Türkei. § Konstantinopel. Die Diener der jüdischen Schule im Stadtviertel Haskoi hier haben die üble Gewohnheit, daß sie die Kellerfenster in diesem Gebäude auch über Nacht offen lassen, so daß man durch dieselben die verschiedensten Dinge in die Keller werfen kann. Vor einigen Tagen machte nun ein Polizeiagent seine Behörde darauf aufmerksam, daß man von der Gasse aus einen Leichengeruch, der aus den Kellern komme, verspüre. Die Behörde ließ den Keller öffnen und da fand man richtig die in Verwesung begriffene Leiche eines Ermordeten darin vor. Unter der griechischen und bulgarischen Bevölkerung hieß es schon, die Juden haben einen Mord begangen und die Leiche dann in ihrem Schulgebäude versteckt. Die Behörde aber nahm den Polizeiagenten scharf ins Verhör, der sich in seinen Aussagen verwickelte. Schließlich gestand er ein, er selbst habe die Leiche in den Keller geworfen. Derselbe wurde dann sogleich in Haft genommen, um vor das Kriminalgericht gestellt zu werden. Literarisches. Ansichtspostkarten aus dem heiligen Lande von Wilhelm Groß, Jerusalem. Alle Städte des heiligen Landes, die neuen jüdischen Dörfer und die wichtigsten historischen Stätten Palästinas finden wir auf diesen Postkarten in wirklich vorzüglicher Ausführung dargestellt. Einige der Dessins sind geradezu künstlerisch in Buntdruck hergestellt, andere einfacher, aber auch noch sehr schön in Schwarzdruck. Es sind im ganzen 28 Dessins, die auch zusammen in einer Mappe zum Preise von