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Der Israelit · 1899-01-12 · Heft 4 (12.1.1899) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 4 (12.1.1899)
Date
1899-01-12
Page
– (sequence 2)
Language
German
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62 anderen Begriff vom Judenthum haben mußte, weil er es bis jetzt nicht richtig gekannt habe. Er fragt ihn, ob nicht die Sklaverei und das Golus weniger seine Bestimmung, als vielmehr seine Schuld seien und ob selbst das GoluS, dieses nationale Unglück, den wahrhaften Juden hindern könne, irgendwie seinen Gottesberuf nicht auszuüben? Selbstverständlich muß sich Jsroel in mancher Beziehung durch besondere Gebote absondern von der übrigen Menschheit, aber nicht, wie es uns so oft vorgeworfen wird, als auserwähltes Volk, sondern gerade im Gegentheil als rte cs?, als ein Volk, welches keinem anderen Gotte angeboren darf. Ohne die Thauro wäre Jsroel längst untergegangen mit den anderen Völkern; mit diesen Chukirn und Edaus wird Jsroel nicht allein für alle Zeiten dauern, sondern auch der ganzen Menschheit Glück und Segen bringen. Allerdings wäre in letzter Zeit das Studium der Gemoro oft nur als Ziel, nicht als Mittel zur Erhaltung der Thauro geübt worden, oft auf die Scharfsinnigkeit, mit welcher eine oder die andere Frage behandelt wurden, zu viel Werth gelegt, daß darüber der Schüler den Gegenstand der Frage selbst aus den Augen verloren. Es sei ein Fehler zu glauben, die Thauro wäre ein Hemmniß anderer Wissenschaften; im Gegentheil, nur dadurch, daß wir uns vollkommen zu den Gebildeten der Zeit rechnen können, hat die Erfüllung der Thauro nicht blos den inneren Werth, sondern wirken wir auch für unsere nichtjüdischen Brüder aufklärend über das Judenthum und seine Bestimmung. Samson Raphael Hirsch's Lehre bis zum letzten Athemzuge war es, zu beweisen, daß es zur Bekämpfung des Vorurtheils gegen Judenthum, der denkbar weitgehendsten profanen Bildung bedürfe, so lange sie selbstverständlich auch nicht mit dem kleinsten Jssur Derabonon in nur entferntestem Widerspruch stehen würde, in welchem Falle sie auch sofort zur schwenviegenden Sünde sich umwandele. 'Rach dieser kurzen Abschweifung kehren wir wieder zur Beantwortung der Anklagen zurück: Die Gebote nichts als Beschränkungen aus Reisen, im geschäftlichen Verkehr u. s. w.? Aus Nahrungssorgen, um sich das tägliche Brod für seine Familie ehrlich zu verdienen, müßte man heute, wo es ohnehin so schwer ist sich zu ernähren, den Schabbos entweihen?! — Mit welcher Begeisterung, mit welchem zündenden Feuer gibt Naphtali hierauf Antwort. O, wenn viele, welche, wie sie selbst sagen, nur gezwungen den Sabbat nicht halten, sich einmal diese Antwort zu Herzen nehmen würden, o wenn sie einsehen würden, daß „der Schabbos Zeuge ist, daß Ein Gott ist, und nur Ein Gott ist, und der Mensch nur zu seine nr Dienste berufen, und daß sie durch die zur Arbeit erhobene Hand es leugnen, daß nur Gottes Fürsorge allein ihrer Hände Arbeit Gedeihen schenken kann." — -Aber der Verkehr mit Nichtjuden ist uns Juden vollkommen unmöglich? Auch das ist eine irrige Behauptung: Tretet auch in nichtjüdische Wohlthätigkeits-Vereine, helfet auch Nichtjuden, wo ihr immer könnt und sie werden euch lieben und achten. Wir können beobachten, daß bei Erwiderung dieser Anklagen, die vorhin besprochene Eintheilung der Mizwaus dem Verfaffer außerordentlich zu statten kömmt. Wie er erst sämmtliche Mizwaus in ihrer Bestimmung auf die Grundwahrheiten Gerechtigtigkeit und Liebe zurückführt, um die Anklagen gegen die Mizwaus verstummen zu lassen. Hätte er es umgekehrt versuchen wollen, vor tauben Ohren hätte er wohl gepredigt. Es ist hie und da wohl die Meinung von Gegnern des Verfassers der „19 Briefe" aufgekommen, als setze sich derselbe in Widerspruch zu der Ansicht unserer Weisen: Für die „Chukim" gibt es keine Gründe. Wohl hat Samson Raphael Hirsch gesagt: beispielsweise die Bestimmung des Schatnes-Verbotes ist die Pflicht der Gerechtigkeit gegen die von Gott getrennten Gattungen, niemals ist er jedoch der Meinung entgegengetreten, die sagt, daß wir dafür keinen Grund zu suchen haben, warum Gott gerade Leine und Wolle zu trennen befohlen, alles andere aber zu vermischen erlaubt hat. So könnten wir bei vielen Chukim ähnlich wohl die Bestimmung, niemals aber uns den sicheren Grund derselben erklären. Auf eine Anfrage seines Freundes, was er von der allmählich aufkommenden Emancipation hält, so hält er diese Emancipation im Allgemeinen für einen Segen, für den Anfang der Allverbrüderung der Menschheit, schildert jedoch wie für Jsroel die Emanzipation nur dann zum Heile werden wird, wenn auch sie als Prüfung Gottes ausgenommen wird, und dadurch die Thauro nicht nothleidet, sondern oaß dieselbe im Gegentheil, jetzt unter dem Schutze der Freiheit und Gleichheit, erst recht zu einer unabänderlichen, durch nichts zu reformirenden, Wahrheit erblühen soll. Allerdings kennt Samson Raphael Hirsch die Nochwendigkeit einer Verbefferung im Judenthum an, doch nicht in der Weise will er zu bessern versuchen, wie es die damaligen sogenanten Reformer zu ihun angefangen, indem sie manches nach dem sog. Geiste der Zeit ummodelten und vieles ausmerzten, sondern er will die durch Unverständniß und Gleichgültigkeit in's Judenthum eingeschlichenen Mängel in der Erkenntniß und der Ausübung der Pflichten durch Rück kehr zum alten Taurogeiste beseitigen.

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