Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 3 (9.1.1899)
- Date
- 1899-01-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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50 Unmittelbar hinter dem Leichenwagen schritt der Pastor der evangelischen Gemeinde, Herr G. Zwernemann, welcher am offenen Grabe seinem „Amtsgenossen", wie er ihn nannte, einen tiefempfundenen Nachruf hielt. In der Hauptstraße, welche der Leichenzug passirte und in der sich die Geschäftslokale der hiesigen vornehmsten katholischen und griechisch-orientalischen Kaufleute befinden, waren sämmlliche Läden von den Besitzern aus eigenem Antrieb geschlossen worden. England.? London. In der letzten Sitzung des Board of Depuües am 21. Dezember theilte Mr. D. L. Alexander mit, daß er nach langen Verhandlungen mit dem Lordkanzler die Zusicherung erhalten habe, daß ein vereideter Dolmetscher des deutsch-jüdischen Jargons für den Gerichtshof in Whitechapel angestelll werden soll. Dieser Dolmetscher wird vom Board of DeputieS präsentirt werden, sein Gehalt soll 3000 Mark betragen und wird vom Board gemeinsam mit dem russisch-jüdischen Comil« getragen werden. Dagegen werden diesen Körperschaften die Sporteln zufließen, die 28 pro Fall betragen sollen. Man hofft, daß diese Neuerung oen Juden des Ostends den Verkehr bei Gericht sehr erleichtern und manches unangenehme Mißoerstäadniß verhüten wird. Amerika. S1. Louis. (Juden-Versolgung von Negern.) Ein Negerhaufe, angeblich aufgereizt von Wublhubern einer politischen Partei unternahm eine Judenhatz. Lärmend und lobend drangen die Schwarzen in die fast nur von israelitischen Familien bewohnte Gegend der Morgan Str. ein und wollten Alles kurz und klein schlagen. Die erschreckten Bewohner verrammelten Thüren und Fenster, während die Neger von Haus zu Haus zogen und mit Steinen die Fensterscheiben einwarfen. Ein jüdisches Mädchen, Esther Hymes mit Namen, und zwei Männer wurden von Steinen an den Kopf getroffen und erheblich verletzt. Schließlich kam dann die Polizei und trieb die wilden Schwarzen in die Flucht. So schnell liefen die Neger davon, daß alle den verfolgenden Ordnungswächtern entkamen. Vermischtes. E.B. Berlin, 5. Jan. Gestern Abend 7 Uhr wurden die neugewählten Repräsentanten der jüdischen Gemeinde durch den Vorsitzenden des Gemeindevorstandes, Herrn Justizratb Meyer vereidigt. Aus der Rede des Herrn Meyer heben wir nur die Verlesung des S 40 des Gesetzes vom 23 Juli 1847 hervor: „Tie Repräsentantenverfammlung erhält durch ihre Wahl und das Gesetz die Vollmacht und Verpflichtung, die Synagogengemeinde nach Maaßgabe dieser Verordnung ohne R ü ck s v r a ch e in i r der ganzen Gemeinde oder mit Abtheilungen derselben, nach tteberzeugung und Gewissen zu vertreten und verbindende Beschlüsse für die Gemeinde zu fassen." — Die Büreau- Wahl ergab folgendes Resultat: Erster Vorsitzender Herr Louis Sachs, zweiter Vorsitzender Herr Justizrath Apolant, dritter Vorsitzender Herr Gustav Löwenberg. Erster Schriftführer Herr Oberlehrer Dr. Blaschke, zweiter Schriftführer Herr Albert Philipp Meyer._ Feuilleton. Späte Sühne. Von Robert Härrlein. .<—<-*<*- 5) Nachdruck verboten. Nachdenklich nahm Herr von Dingeldein seinen schweren Helm vom Tische, setzte ihn auf und meinte: „Unter diesen Umständen gestatten Sie wohl, daß ich Ihrem Beispiele folge und meinen Kopf ebenfalls bedecke. Das ist übrigens eine selbstverständliche Forderung der Ctiquette. Wenn sich fürstliche Persönlichkeiten besuchen, legt der Gast die Uniform des Gastgebers an. Sie sind ein Fürst des Geistes, ich bin ein Vertreter Seiner Kaiserlichen Majestät. Sie hatten bei Ihrem Besuche im Rathhause den Takt, sich meiner Gepflogenheit zu fügen und jetzt ist die Reihe an inir, es Ihnen nachzuthun. Aber das ganze Ensemble Ihres Studierzimmers hat mich so srappirt, daß ich darüber die ersten Regeln des Anstandes übersah. Was mich aber wundert, ist die einfache, verzeihen Sie, die geradezu ärmliche Möblirung des Zimmers, in dem Sie doch den größten Theil Ihres Lebens verbringen. Wer einen so reichen Silberschatz sein nennt, wie der Euch geraubte, der hat doch sicher die Mittel, wenigstens ein Sopha, gepolsterte Stühle und Teppiche zu verwenden. Warum ist Euer Zimmer so kärglich ausgestattet? Verzeiht die vielleicht indiskrete Frage, aber ich bin überzeugt, daß auch hierfür Gründe vorhanden sind, aus deren Mittheilung ich Vieles lernen kann." „Ew. Excellenz bedürfen der Belehrung nicht in einer Angelegenheit, deren Beweggründe sich dem Nachdenkenden von selbst aufdrängen. Wir Juden thun nicht gut daran, das bischen Wohlstand, mit dem Gott den einen oder anderen ausgezeichnet hat, so vor aller Welt zu zeigen. Die Lüsternheit nach jüdischem Besitzthum ist bei der großen Masse leider schon rege genug. Während sonst Leute es vorziehen, lieber reich zu scheinen, als es zu sein, ist bei uns das Gegentheil der Fall. Und gar bei einem Rabbiner! Wir besitzen auch noch bessere Zimmer, besonders unsere Sabbat-Stube läßt es an keinem Comfort bürgerlichen Hausstandes fehlen. Aber was sollte ein solcher Comfort in einem Raume, der dem unablässigen Studium geweiht ist? Die Bequemlichkeit und Gemüthlichkeit, die sie gewähren, sind keine ge-