Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1899-01-09 · Heft 3 (9.1.1899) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 3 (9.1.1899)
Date
1899-01-09
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448953-2448957--47492-2497847
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

51 eignete Förderer eines ernsten Studiums. Mein seliger Vater pflegte zu sagen, es sei noch niemals Jemand auf einem Sopha oder in einem Fauteulle ein Thora-Gelehrter geworden; und unsere großen Weisen lehren: Iß Brod mit Salz, trinke Wasser nach dem Maaße, schlafe auf dem Boden und führe ein entsagungsreiches Leben, wenn Du so handelst, bist Du glücklich und es geht Dir gut, in dieser Zeitlichkeit und in der Ewigkeit." Sinnend blickte der allmächtige Stadthauptmann bei dieser Auseinandersetzung vor sich hin. Dann fuhr er, wie aus einem Traume empor und sprach, als wäre er alleine iur Zimmer, mit einer Anspielung an die bekannten biblischen Worte: „Wie ehrfurchtgebietend ist dieser Ort, das ist ein wahres Gotteshaus und hier ist die Pforte zum Himmel." „Ew. Excellenz erweisen meinem bescheidenen Heim eine allzugroße Ehre," bemerkte Rabbi Jesaja. „Wenn hier die Himmelspforte wäre, gäbe es keine Diebe da. Aber in dieser Stunde bin ich dem Diebe, dem ich für todteS Silber die Ehre eines so hohen Besuches verdanke, so aufrichtig dankbar, daß ich ihn belohnen möchte, wenn ich ihn nur kennen würde." Durch diese feine Wendung wurde der Herr Stadthauptmann in verbindlicher Weise an den eigentlichen Zweck seines Besuches erinnert. „Sie haben Recht", sagte er aufstehend, „wir müssen nun einmal die Oertlichkeit genau in Augenschein nehmen. Es ist merkwürdig, wie oft die geriebensten Diebe uns durch ein leichtsinniges Versehen die Spuren an die Hand geben, die zu ihrer Verfolgung und Abfasiung führen. Der eine läßt eine Fußspur zurück, der andere verliert einen Hemdknopf und der dritte begeht sonst eine Unvorsichtigkeit, aber nach vier Wochen, Herr Rabbiner, können wir auf alles dieses nicht mehr rechnen. So lange Zeit, sagten Sie doch, ist seit dem Diebstahl verflossen, nicht wahr?" „Allerdings ist's so lange her. Auf etwaige Spuren außerhalb des Schrankes können wir kaum mehr hoffen. Zwar habe ich selbst eine eingehende llntersuchung sofort, als ich den Verlust merkte, vorgenommen, aber das will nicht viel heißen. Jedoch habe ich den Schrank am Tage darauf verschlossen und ihn seitdem nicht wieder geöffnet. Etwaige Spuren an diesem eigentlichen Thatort müßten sich daher jetzt noch so gut wie damals finden." Einen Augenblick schwankte Rabbi Jesaja, ob er etwas von der Handspur sagen sollte, die er im Staube ausgeprägt fand; aber auch nur einen Augenblick. Da es ihm nach der ganzen Intention, die er bei dem Stadthauptmanne vorfand, leid that ihn überhaupt in's Vertrauen gezogen zu haben, wollte er ihm nicht dieses einzige Moment preisgeben, das möglicherweise zur Bestrafung und Entdeckung des Diebes führen könne. Das Brett lag wieder oben im Schranke an seiner alten Stelle. Wenn der Herr Stadthauptmann wirklich ein befferer Detektive ist, als ich, dann wird er das, was ich gefunden, eben so gut finden, bis dahin hat es mit meiner Mittheilung Zeit, dachte Rabbi Jesaja und schwieg. „Wo habt Ihr den Schlüssel vom Schranke?" fragte mit veränderter Amtsmiene der Herr Stadthauptmann. Rabbi Jesaja ging zu dem großen Tisch, der eine größere Schieblade in der Mitte undLlzwei kleineren an der Seite hatte, nahm den Schlüssel heraus und übergab ihn seinem hohen Gaste. Dieser betrachtete sorgfältig den Schlüssel von allen Seiten. Er war ein Hohlschlüssel, wie jeder andere. Herr von Dingeldein blickte in die Höhlung hinein; in dem Schlüssel saß der Dieb nicht. „Wünschen Sie," sagte der Rabbi, „daß ich den Schrank aufschließe?" „Nein," erwiederte bedeutungsvoll der Herr Stadthauptmann mit dem Aufgebot seiner ganzen Detectivwürde, „was jetzt zu geschehen hat, muß alles von mir persönlich vorgenommen werden." Mit diesen Worten näherte sich Herr von Dingeldein gravitätisch dem Schranke, steckte den Schlüssel in die Oeffnung, versuchte ihn herumzudrehen, aber das ging so leicht nicht. Entweder war der Schlüssel falsch oder das Schloß verdorben. Rabbi Jesaja erbat sich wiederholt die Erlaubniß, da ihm das Schloß geläufiger sei, selber zu öffnen, die ihm dann auch gewährt wurde. Er nahm den Schlüssel heraus, setzte noch einmal an und mit einem leichten Ruck war die Thüre offen. Wer aber beschreibt das Entsetzen, das die beiden Männer erfüllte, als sie einen Blick in das Innere des Schrankes geworfen hatten! Da standen alle die gestohlen geglaubten Werthsachen, ganz genau in Reih' und Glied, wie sie von jeher gestanden hatten. Es fehlte kein Stück, es war keine Veränderung wahrznnehmen, keine Spur einer fremden Hand, die da je eingegriffen hätte, war zu erkennen! Rabbi Jesaja erbleichte. So groß war sein Schrecken damals nicht, als er den Diebstahl entdeckt hatte, wie heute, wo er das gestohlen geglaubte Gut so unerwartet plötzlich wieder vor sich sah. Einen Augenblick schien er die klare Seelenruhe, die kühle Besonnenheit und Umsicht verloren zu haben, die sonst sein ganzes Thun und Lassen verklärte. Er verrieth seine namenlose Aufregung, indem sich ihm aus der gepreßten Brust der Ausruf rang: „Ribbaunau schel Aulom!" (Herr der Welt.) Aber diese Worte hatten, kaum den Lippen entglitten, ihn auch sofort aus feiner Bestürzung gerissen. Gr warf jetzt einen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.