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Der Israelit · 1899-01-09 · Heft 3 (9.1.1899) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 3 (9.1.1899)
Date
1899-01-09
Page
– (sequence 4)
Language
German
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48 reue Herzen zu gewinnen, neue Mittel zuzuführen, neue Beziehungen zu suchen und die alten zu constlidiren, der unermüdliche, unablässige thätige Genius dieser Pflanzstätte echtjüdischer Wissenschaft wird seit mehreren Jahren leider vergeblich von den Tausenden Freunden und Gönnern des Seminars erwartet. Da somit das Seminar in der Person seines Direktors nicht mehr die jüdische Welt aufsuchen kann, bot der Festtag des Seminars der jüdisch-orthodoxen Welt erwünschten Anlaß die Stätte aufzusuchen, der sie seit fünfundzwanzig Jahren ihre geistigen Führer verdankt. Es war, wie gesagt, eine große, stattliche Schaar, die sich da zusammenfand und deren einzelne Theilnehmer jetzt längst wieder in ihre Gemeinden zurückgekehrt sind, um dort Zeugniß von der Erstarkung des orthodoxen Judcnthums in Deutschland abzulegen. Die Festtage sind vorüber, aber die Feftstimmung ist geblieben. Von dieser mxa bv nnctr getragen, vergißt man leicht für ein paar Tage das anderweitige Berliner Judenthum, seine Rabbiner- und Repräsentantenwahlen, seine Wahlvereine, seine Liberalen und Conservativen, und wie die Nürnberger Spielsächelchen alle heißen, mit welchen sich die jüdischen Kinder von 20—80 Jahren sonst in Berlin die Zeit vertreiben. Auch unsere hiesigen jüdischen Zeitungen hatte ich in diesen Tagen ganz zu lesen vergessen, bis mir gestern in unserer Stammconditorei auf der Suche nach dem „Simplicissimus" die immergrüne „Allgemeine Simplicifsima" in die Hände fiel, an der ich mich so gründlich ergötzte, daß ich die Lektüre des Kladderadatsch und der Fliegenden Blätter ohne Gewifiensbisse für diese Woche aussetzen darf. Sie leitartikelt über „Die Berliner Gemeindewahle n," und singt darin das Lied des Brod sie ißt. Darüber ist nichts weiter zu sagen; das ist so der Lauf der Welt. Aber ungeschickter hätte sie den Zeitpunkt gar nicht wählen können, als sie cs gethan hat. Was sie thut, thut sie recht; und bleibt diesem Princip auch treu, wenn sie sich blamirt, was gar nicht so selten Vorkommen soll. Um das in vorliegendem Falle richtig würdigen zu können, muß ich ein kurzes Resume dieser Leitartikel-Weisheit vorausschicken. Wer die hiesigen jüdischen Verhältniffe nur einigermaßen kennt, wer die Gesinnung, Richtung oder richtiger Gesinnungs- und Richtungslosigkeit der erdrückenden Mehrheit der hiesigen Gemeindemitglicder je erfahren hat, der wundert sich höchlich darüber, wenn diese wunderbar zusammengewürfelte Masse erstens überhaupt wählt, zweitens, wenn sie orthodox oder auch nur konservativ wählen sollte. Trotzdem ist letzteres in der vorjüngsten Wahlperiode geschehen, während diesmal das liberale Element gesiegt hat. Dieser Sieg ist das Normale, Selbstverständliche bei der Zusammensetzung des Gros der hiesigen Wähler. Darüber macht außer der genannten Zeitung hier Niemand viel Aufhebens. Sie aber benützt dieses Geschehniß um weit über den Berliner Bannkreis hinaus einen Niedergang der Orthodoxie und eine Neubelebung der Reform zu verkünden. Wenn sich das Blatt in der Gesellschaft derer wohl fühlt, die nach Rabbi Jochanan ben Sakkai seit der Zerstörung der Beth Hamikdosch die Gabe der Propheten besitzen, so sollte man ihr diese Freude nicht stören. Sie ist ihr in der That aus vollem Herzen zu gönnen. Aber das Hinsiechen des orthodoxen Judenthums zu verkünden in dem Augenblick, in dem es gerade in Berlin einen solchen Beweis seiner ungebrochenen Lebenskraft erbringt, das ist — Srmplicissimus. So etwas mußten die Faiseure des Reformjudenthums zuwege bringen können, um wieder an ihre Rehabilitirung denken und von ihr reden zu dürfen. Das Reformjudenthum? Von dem wird auch bei diesem Anlaß nicht mehr gesprochen. Es heißt jetzt das liberale; und nur wo man's gar nicht umgehen kann, entschlüpft auch das ominöse Wort „Reform" diesen weisen Lippen. Der liberale Wahlsieg begeistert aber die Pythia der officiellen Berliner Gemeinde in so hochgradiger Weise, daß sie in ihrem Siegesräusche einige Geständnisse, Bekenntnisse und Anschauungen ausplauderte, die doch zu köstlich sind, um sie nur so gii passant zu streifen. Ich will ihnen meine nächste Epistel widmen, um so diese originellen Auffassungen ein wenig festzunageln zur Widerlegung jener Käuze, welche wirklich alles Ernstes glauben, es gäbe in unserer alles nivellirenden Zeit keine Eckmuster und Originale mehr. Frankfurt, 4. Jan. Im Kompostellhof fanden sich heute die Angehörigen des Handelsgehilfenstandes in einer äußerst zahlreich besuchten Versammlung zusammen, um gegen die vom Magistrat in Aussicht gestellte Regulirung der Sonntagsruhe in Bank- und Waarengroßgeschäflen, Fabriken, Agenturen u. s. w. Stellung zu nehmen. Die Landtagsabgeordneten Funck und Sänger leisteten der an sie ergangenen Einladung Folge. Der erste Referent A. Wolf sprach über die bisherigen Verhandlungen in dieser Frage und die bis heute erzielten Erfolge. Der Redner konstatirt, daß in einzelnen Geschäften schon seit einiger Zeit die völlige Sonntagsruhe eingeführt sei, was der beste Beweis sei für die Möglichkeit der Durchführung der allgemeinen vollständigen Sonntagsruhe. Man müsse überhaupt eine wirklich geringschätzige Meinung vom Frankfurter Handel haben, wenn man glaube, er werde durch den Wegfall der anderthalb Sonn tagsstunden irgend einen Schaden erleiden. Bei Erwähnung der von orthodox-jüdischen Inhabern von Großgeschäften

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