Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 3 (9.1.1899)
- Date
- 1899-01-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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47 Diese Toleranz ist nur der Ausdruck der echten Bescheidenheit, die nicht blos so thut, sondern aus dem innersten Wesen des Menschen hervorquillt, die Tugend aller Tugenden, von der die Weisen sagen, sie könne nie übertrieben werden nii in nxo 11x2 und mit der der größte Mann in der Thora gerühmt wird v"x>n v:v .iL'2. Freilich darf die Toleranz nicht auf Kosten der Wahrheit geübt werden; wer weiß aber nicht, von wie köstlicher Naivetät unsere großen Alten sind, man kann sie oft gar nicht in die kleinlichen und kleinen Verhältnisse, sobald letztere irgend etwas schiefes haben, einweihen oder ihnen einen Einblick in dieselben gewähren. Sie verstehen nicht zu schweigen und spielen so, ihnen unbewußt, oft das enfant tei rible, das ja auch in der Unschuld seines Herzens das sogenannte Böse anrichtet, wenn es die Wahrheit spricht. So war es auch bei unserem verehrten Rabbi; alle Schwierigkeiten, die er in seiner Stellung hatte, ergaben sich daraus, weil er zu wenig Diplomat war. Er konnte nie reden, wenn es ihm nicht so ums Herz war, nie verschweigen, was er auf dem Herzen hatte. Eine Jdealgestalt haben wir gezeichnet, werden unsere Leser sagen, einen Mann ohne jeden Fehl, ein Phantasiegebilde, ein Produkt der blinden Liebe, die nicht den geringsten Fleck an ihrem Idol erblickt. Er wird seine Schwächen wohl gehabt haben. Doch es waren Schwächen und keine Fehler. So wie wir es gezeichnet haben, lebt sein Bild im Kreise aller derer, die ihn gekannt. Und wie er in so heiliger Weise dahingegangen ist, mitten in der Lobpreisung Gottes, daß Alle, die es hörten, sprachen: 'vzi 77,271 naa vrnnx *177 2'1L" .112, so hat er gelebt wie ein prane*2 xii pinxi bv bin : ixiLeup Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin. (Berliner Briefe.) Das waren schöne, herzerhebende Tage, die fast den ganzen Heeresbann der deutschen Orthodoxie hierher zusammenführte , um den 25jährigen Bestand der Stätte zu feiern, von der sie alle ausgezogen sind, um den Geist des echten, alten Judenthums gepaart mit wisienschaftlicher Bildung in die Gemeinden zu tragen. War dar ein freudiges Wiedersehen, Sichwiederfinden, ein herzlicher Austausch alter Erlebnisse und neuer Erfahrungen, getragen von dem herzerhebenden Bewußtsein, welch bedeutsamen Aufschwung denn doch das orthodoxe Judenthum in Deutschland seit den jüngsten 25 Jahren genommen, und welchen Antheil das Rabbinerseminar und seine Jünger davon auf ihr Conto stellen dürfen. Wie unterscheidet sich doch diese Anstalt — von ihrer inneren, eigentlichen Bedeutung ganz abgesehen — durch ihre Entstehung, Erhaltung und Entfaltung, von den zwei Schwesteranstalten in DeutschlandIn dem materiellen Wohlstand der beiden letzteren liegt der Grund ihrer ideellen Armuth und in der Mittellosigkeit des hiesigen Rabbinerseminars liegt sein unerschöpflicher Reichthum. Das Breslauer Seminar und die hiesige Hochschule für reformjüdische Rabbinen verdanken ihre Entstehung und Erhaltung dem Wohlthätigkeitssinn einzelner hervorragender Männer. Die Mittel zur Erhaltung und Ausgestaltung des Rabbinerseminars setzen sich dagegen aus den regelmäßigen jährlichen Beiträgen der edelsten Spender fast der gesammten Diaspora zusammen. Die Anstalt ist getragen von der Hingebung und Opferfreudigkeit der breiten Volksschichten, auf deren innigen Contakt sie daher fortwährend angewiesen ist. Sie steht dadurch gewissermaßen unter Controlle der jüdischen öffentlichen Meinung, die ihre Schöpfung nach bestem Wiffen und Gewissen lobt und tadelt und mit ihrer Kritik gar nicht zurückhaltend ist. Kurzsichtige mögen dies manchmal bedauern. Der Einsichtige muß darin ein großes Glück erblicken, dessen Größe selbst der oberflächliche Beurtheiler ahnt, wenn er die genannten beiden anderen Rabbinerschulen damit vergleicht. Von Haus aus gut fundirt, waren sie fertig, ehe sie ins Leben traten und sind dadurch unabhängig von der Kritik der öffentlichen Meinung. Diese Parallele läßt sich nicht fortführen ohne Kritik der beiden Anstalten und der Prinzipien, welchen sie zu dienen vorgeben, was für heute nicht im Rahmen dieser Zeilen liegt. Diese Eigenart des Rabbinerseminars ist auch nicht ohne Einfluß auf das Fest seines fünfundzwanzigjährigen Bestehens geblieben. Ob ein solches überhaupt den Traditionen einer prononcirt orthodoxen Anstalt entspricht, darüber ließe sich vielleicht streiten. Daß es aber bei der Eigenart dieser Anstalt geradezu geboten war, wird kein Kenner der einschlägigen Verhältnisse in Abrede stellen. Das lebendige, rührige, unablässig funktionirende Mittelglied zwischen dem Seminar und der es tragenden großen Gesammtheit ist sein Gründer und Leiter, ist Herr Seminardirektor Rabbiner Dr. Israel Hildesheimer. Sein hohes Alter und die damit verbundenen Beschwerden gestatten es ihm schon geraume Zeit nicht mehr seinen segensreichen Einfluß nach innen und außen in der gewohnten Weise geltend zu machen. Der geflügelte Sendbote des Seminars, der jede freie Zeit und Muße benützte, um in raschem, kühnen Fluge die Länder Europas zu durchfliegen und den jüoischen Gemeinden seine Schöpfung ans Herz zu legen, ihr