Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 2 (5.1.1899)
- Date
- 1899-01-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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24 Berlin, 27. Dez. (Die Jubiläumsfeierlichkeiten des Rabbinerseminars). Nach der überaus feierlichen Festlichkeit von heute trat nun die Gemüthlichkeit mehr in ihre Rechte. Nachmittags um 5 Uhr folgte das Festesten der zu diesem Jubiläum vereinigten Gäste in den glänzenden Räumen des Hotels Saxonia, Königgrätzerstraße. Obwohl man schon für einen großen Saal gesorgt hatte, erwies sich doch der Andrang der Gäste noch größer als man erwartet hatte und der Raum wurde recht eng für die große Zahl der Theilnehmer. Da die Mehrzahl der Anwesenden Rabbiner im Amt oder in spe sind, braucht kaum gesagt zu werden, daß die Zahl der Reden weit größer war, als die Anzahl der Gänge des übrigens recht annehmbaren Esten-, das selbstverständlich von Peltesohn geliefert wuroe. Doch waren die Reden in der Mehrzahl ebenso geistreich wie formvollendet und die meisten wurden mit großer Aufmerksamkeit angehört. Als indessen das Festesten schon 4 Stunden gedauert hatte, wurde die Versammlung doch ungeduldig und die letzten Reden gingen mit der allgemeinen Unterhaltung fast ganz unter, so daß sich die Festordner vergebens bemühten ein wenig Ruhe zu schaffen. Nach einer herzlichen Begrüßung der Gäste durch Dr. Hirsch Hildesheimer und dem von diesem ausgebrachten Hoch auf den Kaiser feierte Dr. Munk—Marburg als einer der ersten Schüler des Seminars das Jubiläum desselben mit Anklang an die Jubelfeier, die in der Torah vorgeschrieben ist. Zwar ist diese auf das 50ste Jahr festgesetzt, aber bei Menschenwerk mag man auch das 25jährige Jubiläum begrüßen. Mit dem Hoch auf das Rabbinerseminar schloß dieser erste Toast. Nach Absingung des ersten Festliedes, das Dr. Kaatz, Zabrze, gewidmet hatte, begann Rabbiner Dr. Horowitz—Frankfurt seine Rede. Er schilderte, wie vor einigen Jahrzehnten das jüdische Leben in Deutschland aussah, wie ein neues Mittelalter entstand, in das man die Frommen mit Verspottung ihrer Religion zu scheuchen suchte und ein neues Ghetto aufgeführt werden sollte, um so schlimmer, weil es jüdische Hände waren, die seine Mauern bauten, ein Ghetto, in das die Neologen die Anhänger des Alten einfchließen wollten, aber der Eifer einiger Stürmer zerbrach diese Mauern, und der eifrigste dieser Stürmer war eben Dr. Israel Hildesheimer. Wohl schalt man ihn einen Träumer und Phantasten, aber sein Traum war ja, daß das Judenthum die Leiter Jakobs ist. Gott hatte diesen Träumer gesegnet mit der Stärke der Seele, aber er gab ihm auch zugleich die Lauterkeit der Seele und das liebevolle Gemüth, und allen diesen Eigenschaften gemeinsam verdankt er seine großen Erfolge. Für Gott hingehen, heißt dorthin gehen, wo Gott noch nicht ist, dort Gott eine Stätte bereiten, und das hat Dr. Jsreal Hildesheimer sein Leben lang gethan, das war seine Lebensaufgabe. Vor 29 Jahren verfocht der schon gefeierte Meister in Budapest die Ideen des Rabbinerfeminars, aber damals wurde er von allen Seiten angefeindet und viele seiner Rächststehenden, Fromme uto A.tsiiubig', bekämpften ihn. Da traf ihn wie eine Erleuchtung der Ruf nach Berlin, er ging an seine schwere Aufgabe dort, wo man damals kaum koscher leben konnte, Gott eine Stätte zu bereiten, und hier gründete er das Rabb-nerseminar, mit dem er so große Erfolge errang. Wenn auch das Beste an den innigen Beziehungen, die mich mit meinem Lehrer verbinden, ungesagt bleiben muß, aber wie viel Freundschaft er zu gewinnen verstand, das will ich noch betonen. Dr. Israel Hildesheimer lebe Hoch. Dr. Auscher ergreift Namens der gegenwärtigen Hörer das Wort, um auszudrücken, wie tief sie die Bedeutung dieses Tages empfinden. In herzlichen Worten gab er dem Dank der Hörer Ausdruck, welchen dieselben dem Rektor, dem Dozentenkollegium und den Kuratoren der Anstalt zollen, immer wieder hervorhebend, daß sie, obwohl die Zeiten jetzt bester geworden sind, dennoch wohl wissen, welchen Dank das orthodoxe Judenthum den Schöpfern und Erhaltern des Seminars schulden. Zum Zeichen dieses Dankes haben die früheren und jetzigen Hörer beschlossen, der Anstalt das Bild des allverehrten Rektors zu schenken, und übergeben dasselbe hie» mit dem Kuratorium. Auf ein Zeichen des Redners wurde nun der Vorhang von dem am oberen Ende des Saales zwischen einer Dekoration von Blumen und Bäumen ausgestellten Bilde zurückgezogen, und alle Anwesenden brachen beim Anblick des von Künstlerhand gemalten Porträts in laute Hochrufe aus, und die Begeisterung wollte schier gar kein Ende nehmen. Nachdem die Festversammlung wieder Ruhe gefunden hatte, widmete Dr. David—Düsseldorf das nächste Glas den Dozenten am Rabbinerseminar. Man werfe dem konservativen Judenthum vor, daß es biloung^feindlich sei, dies sei aber ein ganz ungerechter Vorwurf, denn die ganze Entwicklung der Rabbinerseminares beweise, daß die Behauptung eine falsche sei. Scheute man wirklich die Bildung, so hätte man ja das Rabbinerseminar nach einer kleinen Stadt in der Provinz Posen verlegen können. Daß man aber im Gegentheil dasselbe in der Metropole der deutschen Intelligenz und Bildung errichtet habe, zeige am deutlichsten, daß man sich durchaus nicht scheue den Schülern des Seminars die volle Möglichkeit zu gewähren, sich die ganze deutsche Bildung anzueignen. Man brauche auch nur einen Blick auf die Dozenten zu werfen, welche an dem Seminar wirken, und man werde erkennen, daß dieselben Männer der Bildung und des Fortschritts seien, wenn sie auch