Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 1 (2.1.1899)
- Date
- 1899-01-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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7 kaum gesagt zu werden und so kam es, daß Rabbi Jesaja oft in die Lage kam, für den einen oder anderen seiner Gäste ein gutes Wort einzulegen. Seine Wohlhätigkeit und beispiellose Gastlichkeit war der Polizei wohlbekannt und sie versagte diesem Wohlthäter der Armen selten einen seiner edlen Wünsche. Herr von Dingeldein war deßhalb über den Zweck des ihm zugedachten Besuches gar nicht im Zweifel; er überflog noch einmal flüchtig die Liste der in dem Polizei-Rapport aufgeführten Verhaftungen, um über das Bittgesuch sofort unterrichtet zu sein, aber unter den Verhafteten befand sich nicht ein einziger Jude. Rabbi Jesaja wurde sofort vor Herrn von Dingeldein vorgelassen und äußerst huldvoll empfangen. Der Polizeidirektor unterhielt sich jederzeit gern mit dem würdigen, weisen Vertreter der Frankfurter Judenheit; heute aber war er besonders leutselig, lafsungen war, der er diesen Besuch verdankte. „Was verschafft mir die Ehre Eueres Besuches? Wenn mich nicht alles täuscht, so kommt Ihr heute nicht als Bittsteller für einen zur Verantwortung gezogenen Glaubensgenoffen, sondern es ist ein besonderes, ungewöhnliches Anliegen, das Euch zu mir führt; ist's nicht so?" Einen Augenblick war Rabbi Jesaja über die Wiffenschaft seines Partners erstaunt, aber ein flüchtiger Blick auf den noch offen daliegenden Polizei- Rapport klärte ihn sofort auf. „Ich staune Euere Weisheit an; ich komme heute in der That nicht, um für Jemand anderen, sondern um für mich etwas zu erbitten. Aber verzeiht, von wannen stammt Euch diese Kunde?" Diese Ueberlegenheit über den berühmten jüdischen Weisen that Herr von Dingeldein ungemein wohl. Mit geheimnißvollen Lächeln erklärte er, daß die Polizisten auch etwas Kabbalistik trieben, sonst wäre ihnen die Ergründung der Geheimnisse unmöglich, die so oft von ihnen gefordert wirv. Und womit könnte ich Euch dienen?" Rabbi Jesaja erzählte nun mit allen Details die Entdeckung des großen Diebstahls und schloß seine Darstellung mit dem Ersuchen, ihm zur Wiedererlangung der gestohlenen Werthgegenstände behilflich zu sein. Der Stadthauptmann, so war der offizielle Titel des Herrn von Dingeldein, ging während dieses Berichtes, die Hände aus dem Rücken, mit großen Schritten auf und ab. Nachdem Rabbi Jesaja geendet hatte, blieb Herr von Dingeldein vor ihm stehen, legte die rechte Hand auf die Schulter des Rabbiners und sprach halb vorwurfsvoll, halb theilnehmend: „Werdet Ihr nun endlich das Verfehlte und Gefährliche Euerer Art und Weise einsehen, wie Ihr Jahr ein Jahr aus fremdes Gesindel in Euer Haus einlaßt und ihm dort Unterschlupf gewährt? Euere schlecht angebrachte Herzensgüte und Gastfreundschaft zieht uns alle Vagabunden der Welt nach Frankfurt; warum solltet Ihr nicht von diesem Auswurf zum Dank noch bestohlen werden? Mich wundert's nicht so sehr, daß Euch Spitzbuben bestohlen haben, als ich mich wundere, daß sie Euch noch etwas übrig gelaffen haben. — Wenn Ihr mir versprecht. Euch an dem Geschehenen ein warnendes Exempel zu nehmen und dieser Wirthschaft ein für allemal ein Ende zu machen, dann will ich alle Macht aufbieten, daß Ihr Euere Sachen wiederbekommt und der Dieb am Galgen baumeln soll." „Verzeiht, gnädiger Herr," erwiederte Rabbi Jesaja, „so habe ich's nicht gemeint. Ihr kennt das namenlose Elend meiner Glaubensgenoffen, die ein zu Land treibt. Wenn ich den Einen oder Andern dieser Unglücklichen in mein Haus ausnehme und ihnen, soweit es meine schwache Kraft vermag, mit Rath und That beizustehen suche, so kann Euer edles Herz diese Handlungsweise nicht zum Verbrechen stempeln wollen. Hierüber haben wir uns ja des öfteren bei früheren Anläffen so eingehend ausgesprochen, daß dieser Umstand heute um so mehr außer Betracht bleiben kann, als es ganz zweifellos feststeht, daß unier den Fremden, die bei uns kommen und gehen, der Thäler nicht gesucht werden kann. Es ist Niemand von diesen Fremden je allein in meiner Lernstube gewesen. Ich selbst halte mich den größten Theil des Tages und der Nacht darin auf; die Thal kann nur von Jemand begangen worden sein, der mit unserer Häuslichkeit überaus vertraut ist. Aber wer auch immer der Thäler sei, ich möchte nicht, daß er bestraft wird. Ich habe also eine doppelte Bitte. Erstens, daß mir mit Hilfe der Polizei mein Eigenthum womöglich wieder zugestellt wird und zweitens, daß der Thäter nicht der Strenge des Gesetzes verfällt. Liegt das nicht in Euerer Hand, so verzichte ich auf die Aufspürung meiner entwendeten Werthsachen." „Ihr seid ein merkwürdiger Mann," hob Herr von Dingeldein nach einer kurzen Pause an. „Wollt Ihr denn, daß alle Diebe frei ausgehen und vielleicht noch belohnt werden sollen? Ein solches Verlangen ist mir noch nie gestellt worden, am wenigsten aber von einem Mann des Gesetzes, der doch selber berufeu ist, dem Recht zur Achtung und Anerkennung zu verhelfen. Warum wollt Ihr eigentlich, daß der Einbrecher, den Ihr gar nicht kennt, straffrei ausgehen soll?" „Verzeiht, gnädiger Herr, ich bin gewiß dafür, daß derjenige, der ein Unrecht begeht, bestraft wer-