Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 1 (2.1.1899)
- Date
- 1899-01-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448953-2448955--47442-2497795- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
3 und Versprechungen die Befreiung von allem Uebel für die Dauer zu hoffen und die Begeisterung für den „Zionismus" ist. also auch dort einer kühleren Erwägung gewichen. Auch die wenigen gesunden Gedanken, die diesen Bestrebungen zu Grunde liegen, verlieren ihre Zugkraft durch die Persönlichkeiten, die sie vertreten. Der „Zionismus" eifert z. Z. gegen die „Assimilation", was seinen zweiten Vorsitzenden aber im Laufe des jüngsten Jahres nicht hinderte, sich mit einer Christin zu verheirathen! Solche und ähnliche Thatsachen brauchen nur in Rußland, Galizien und Rumänien bekannt und richtig gewüroigt zu werden, um der „großen Bewegung" den letzten Rest aller Sympathien zu entziehen. Von politischen Ereignissen de« jüngsten Jahres heben wir in erster Reihe die Reise Sr. Majestät des Kaisers nach dem Heiligen Lande hervor. Die vielfachen Beweise hulovoller Gewogenheit, deren sich unsere Glaubensgenoffen im Heiligen Lande bei diesem Anlaß zu erfreuen batten, haben einen Wiederhall in den Herzen aller Glieder der Diasspora gefunden, zu welchen die frohe Botschaft drang. Der Bau des großen Hospitals in Jerusalem, der sein Entstehen der Hochherzigkeit aller Glaubensgenossen in allen Ländern verdankt, geht seiner Vollendung entgegen, und gilt schon jetzt als eine der Hauptzierden der heiligen Stadt. Der Krieg zwischen Spanien und Amerika, der kurz vor Ablauf des Jahres durch einen Friedensschluß beendet wurde, bietet außer seiner allgemeinen politischen Bedeutung für uns Inden noch ein eigenartiges Moment zur Beherzigung. Am 2. August 1492 vollzog sich die große Vertreibung der Juden in Spanien. Den folgenden Tag, am 3. August 1 49 2 verließ Colum - bus mit seiner von Spanien ihm bewilligten Flotte den andalusischen Hafen Palos, um Amerika, d. h. das Land zu entdecken, das 400 Jahre später den vergeltenden Vernichtungssch tag gegen S p a n i e n f ü h r t e! Welch' ergreifende Bestätigung der Wahrheit, daß Gottes Mühlen langsam aber sicher mahlen, daß die Weltgeschichte das Weltgericht ist, wenn sie auch vier Jahrhunderte wartet bis sie ihre Todesurtheile vollzieht. Wir kennen diesen Zeitraum von 400 Jahren für das Walten der göttlichen Nemesis schon aus der Geschichte des ersten Volkes, der Egypter, das seine jüdischen Einwohner vergewaltigt hat. (I. B. M., Cap. XV. V. 13, 14). Wir wollen daher aus diesem Rückblick neue Hoffnung und frischen Muth für die Zukunft schöpfen, trotz der zeitweiligen Rückschläge, die den Sieg des Wahren und Rechten für die Dauer doch nicht aufhalten können im Vertrauen auf die Wahrheit, mit welcher die Worte der nächsten Hafthora einleiten: bzn ’:b 1*601 niBi pp npr ent?’ o’jon „Für das Kräftige bildet Jakob die Wurzel, Israel die Knospe und Blüthen, es wird noch die Oberfläche der Menschenwelt mit seinem Ertrage füllen! (Jesaja, Cap. 27. V. 6). Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Mainz, im Dez. Herr Kantor Klibansky— Frankfurt a. M., hielt im hiesigen Liwjas Chen- Verein einen Vortrag über „Ideale Frauengestalten der jüdischen Geschichte", dem wir Folgendes entnehmen : „Seit mehr als einem halben Jahrhundert haben wir die besten Männer Israels mit allem Ernste, mit allem Aufwaude der Kraft und des Geistes thätig gesehen, unermüdlich und unverdrossen in den Bergwerken der jüdischen Geschichte vorzudringen und gar manch kostbarer Fund und ungeahnter Geivinn lohnte ihre Mühe. Aus all den geschichtlichen Forschungen ergab sich, daß Israel, das über den ganzen Erdball gehetzte, so oft getretene und gestoßene Volk, nicht untergangen ist, wie wild auch die Flammen des Glaubenshasses und die Stürme des Fanatismus es umbrausten und umtosten. „Wie die Hoffnung ewig ist, so ist auch das jüdische Volk ewig." Unverwüstbar steht es als ein Räthsel, fast wie ein Geheimniß vor unseren Augen. Jedoch die Lösung des Räthsels ist die, daß das Judenthum auch die Judenheit erhalten hat. Aus der Asche eines jeden Scheiterhaufens stieg neugeboren, die unverwüstbare jüdische Geisteskraft und Zukunftshoffnung. Was verlieh den Töchtern Israels die wunderbare Kraft des Märtyrerthums? Redner schilderte nun des Weiteren jene idealen Frauengestalten der jüd. Geschichte, die als Fürstinnen und Märtyrerinnen, Heldinnen und Wohltäterinnen,' als Dichter- und Schriftstellerinnen einen Ehrenplatz in der jüdischen Geschichte und Literatur einnehmen. Bei keinem Volk des Alterthums ward die Frau so hochgehalten und gewürdigt, wie bei den jüdischen, das schon frühzeitig die Freiheit des Individuums aussprach und jede befähigte Kraft an seiner Geistesarbeit emanzipirte. Während die übrige Welt im grauen Alterthume noch größtentheils in Barbarei versunken lag.