Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 1 (2.1.1899)
- Date
- 1899-01-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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2 sich die französischen Juden als wackere Bürger, glühende Pakrioten und aufopferungsfähige dankbare Söhne des Vaterlands bewährt, das ihnen so herzlich und gastlich die Pforten zu allen Ehren und Würden geöffnet hat. Aber die alte, treue Anhänglichkeit an ihren jüdischen Beruf haben sie der erschreckend großen Mehrzahl nach dabei eingebüßt, haben dem heiligen Vätererbe leichten Herzens den Rücken gekehrt, haben sich den Strömungen des Tages rückhaltlos hingegeben und sich immer weiter wegreißen laßen von ihren bewährten jüdischen Traditionen, von Thora und Mizwa, und nun der jähe Rückschlag! Das Betrübendste dabei aber ist, daß der innige Zusammenhang zwischen unserem sozialen, politischen Geschick und unserer jüdischen Lebensaufgabe so wenig erkannt, so geflissentlich ignorirt wird, daß die Wortführer der französischen Judenheit nicht durch ihr Wort und die Thal ihres Lebens auf diesen Zusammenhang Hinweisen und auf Befferung und Rückkehr drängen! Möge Gott, von deffen Hand die durch das Volk regierten Staaten nicht minder, als die Herzen der Könige gleich den Wafferbächen geleitet werden, das Geschick unserer Glaubensgenoffen in Frankreich zunr Guten wenden! Dieselben betrübenden Erscheinungen, die sich im Westen Europas zeigen, haben wir auch im Osten zu verzeichnen. In O e ft e r r e i ch, deffen glorreicher, uns Juden besonders wohlgesinnter Kaiser in diesem Jahre sein fünfzigstes Regierungs-Jubiläum feierte, liegen die Verhältnisse womöglich noch ungünstiger. So huldreich und edel die Intentionen dieses hohen Fürsten seinen jüdischen Staatsangehörigen auch zugethan sind — bedankte er sich doch erst vor wenigen Tagen bei der Wiener Israel. Cultusgemeinde für die dargebrachten „loyalen Huldigungen" — er ist nicht mächtig genug, den unseligen Judenhaß zurückzudämmen, der in der Kaiserstadt selbst, vor den Augen des greisen Monarchen seine wüsten Orgien feiert. Das vermag nur der König der Könige, der Heilige, gepriesen sei Er! Er wird gewiß sein Volk nicht verlaffen, wenn sein Volk ihn nicht verläßt, wenn es in aufrichtiger Rückkehr zu Gott zu der von ihm gebotenen jüdischen Lebenspflicht wieder zurückkehrt. Wenn die trüben Erfahrungen unserer Tage diese Rückkehr zur Folge haben werden, so sind sie nicht zu theucr erkauft, trotz des vielen Herben und Schmerzlichen, das ihnen anhastet. In Deutschland ist der offizielle Antisemitismus in ganz entschiedenem Niedergang begriffen. Mit dem Ende des verffoffenen Jahres hat sogar die Zeitung des Herrn Stöcker zu erscheinen aufgehört. Ob und in wie weit die Bankerotterklärung des offiziellen, politischen Antisemitismus auch den faktischen, praktischen Judenhaß beeinflußt, der uncontrollirbar die Geister und Gemüther vergiftet, wird sich erst in Zukunft feststellen lassen. Die der Judenheit und dem Judenthum feindliche Zeitströmung hat in Deutschland bereits viele zeitgenössische Bekenner des Judenthums wieder ihren verlassenen alten Heiligthümern zugewendet. Freilich ist diese Wendung zum Bessern meistens nur eine halbe, die wie alles Halbe uud Unzulängliche seine ernsten Gefahren in sich trägt. Man kann nach so langer Entfernung und Entfremdung naturgemäß nicht sofort eine volle, rückhaltlose Rückkehr zur gottgebotenen Pflicht des Judenthums erwarten. Daß aber dieser bloße „conservative Hauch", der zur Zeit durch die Reihen der zeitgenössischen Judenheit geht, von vielen ernsten gesetzestreuen Juden als ein Zeichen einer vollständigen Rückkehr angesehen und behandelt wird, hat bereits eine große Verwirrung der primitivsten Begriffe zur Folge gehabt. Diese Verwirrung wurde von den alten Gegnern des orthodoxen Judenthums systematisch erzeugt. So kam man zum allgemeinen Rabbinerverband, der die Heißsporne der Reform und der Orthodoxie — wenn es bei der letzteren überhaupt noch Heißsporne giebt — in amtsbrüderlicher Liebe miteinander verbindet. Die offizielle Weihe des ganzen Verbrüderungsvusels lieferte dann hinterher der Gemeindebuno, der seine aus Reformjuden bestehende Vorstandschafl neuerdings durch die Wahl eines orthodoxen Mitglieds modern ausstaffirt hat. Unter dieser Flagge bekämpft dann der so gedeckte Gemeindebund die Gewissens- und Religionsfreiheit, indem er durch Bekämpfung des Austrittsgesetzes Propaganda macht für den Gemeindetag. Auch redet er dein Religionszwang das Wort durch Agitation für obligatorischen Religionsunterricht und stenert mit diesen Mitteln und Mtttelchen der Verwirklichung seines dreißig Jahre lang gehegten Traumes entgegen, die amtliche Centralbehörde der deutschen 'Judenheit zu werden. Vom Standpunkte des dtsereditirten Resormjudenthums aus kann man diese Rehabilitirungssversuche begreiflich finden. Aber die Handlangerdienste, welche die orthodoxen Juden zu diesem ganzen Unterfangen leisten, bleiben ein betrübendes Symptom für die verhängnißvolle Begriffsverwirrung, die sich in unseren eigensten Reihen geltend macht. Zu diesen Begriffsverwirrungen unserer Tage rechnen wir auch die Bestrebungen, welche sich unter der Flagge t^s „Zionismus" geltend machen. Er hat in Deutschland bislang keinen festen Fuß gefaßt und die breiten Schichten des Volkes sind ihm bei uns nicht zugänglich. Im Osten Europas haben die sozialen und politischen Beschränkungen anfänglich große Kreise diesem Phantom zugeführt. Aber man ist dort doch zu nüchtern, als von schönen Reden