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Der Israelit · 1898-12-29 · Heft 102-103 (29.12.1898) · page 29

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 102-103 (29.12.1898)
Date
1898-12-29
Page
– (sequence 29)
Language
German
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1941 so geringfügige Unwahrheit sagen zu müssen, wie sich das sofort herausstellte. Kurz vor vier Uhr in der Frühe stellte sich Proßnitzer mit vier anderen jungen Leuten zum Morgen-Schiur bei ihrem Lehrer ein. Sie hatten ihre Talmud-Tractate mitgebracht und hatten denjenigen ihres Lehrers vor diesen hingelegt. Doch statt ihn wie sonst sofort zu öffnen, sagte Rabbi Jesaja: „Ich bin gegenwärtig mit den Maaßbettimmungen beschäftigt, deren genaue Firirung mit vielen Schmierigkeiten verbunden ist. Die Elle hat sechs Faustlängen, die Faust vier Fingerbreiten, eine Fingerbreite wird gewöhnlich so groß, wie sieben der Breite nach nebeneinander gelegte Gerstenkörner angenommen. So einfach diese Bestimmungen auch scheinen, so schwierig sind sie, wenn man sie selber nachmeffen und seststellen will. Die verschiedenen Gerstenkörner und Finger sind nicht gleich breit. Ich möchte nun einmal die Breite verschiedener Finger mit einander vergleichen, um die Abweichung genau festzustellen. Bei diesen Worten holte er das Brett, legte es hohl auf den Tisch und zeigte den Schülern, wie er bereits seine Finger auf die Staubfläche gelegt habe, daß man die Spur ganz deutlich sehe. Er ersuchte nun die sämmtlichen jungen Leute es ebenso zu machen. Unmittelbar neben der Handspur des Rabbiners faßte Proßnitzer das Brett an und drückte seine vier Finger in den Staub, dem folgten die anderen. Rabbi Jesaja sah sofort wie die Verschiedenheit zwischen den einzelnen Abdrücken so groß war, daß man die Form jeder Hand scharf von der anderen unterscheiden konnte. — Er machte seine Schüler auf die Verschiedenheit nicht der Form, sondern der Breite der einzelnen Finger aufmerksam und legte das Brett wieder auf seinen Platz mit dem Bemerken zurück, daß er die genaue Feststellung der Differenz der verschiedenen Fingerbreiten später vornehmen wolle, jetzt aber sollte ihr eigentliches Studium nicht länger deshalb unterbrochen werden. „Verzeiht Rabbi," fragte einer der jungen Männer, „Ihr hättet das Maaß der Finger doch viel bester feststellen können, wenn jeder die Hand aus ein Blatt Papier gelegt und um die Form der einzelnen Finger durch einen Farbenstift oder mit Tinte umschrieben hätte. Auf diesen Staub müssen sich die Spuren doch leicht verwischen, während man sie hier allezeit scharf gezeichnet vor sich hätte." Einen Augenblick schwankte Rabbi Jesaja, ob er seinen treu erprobten Schülern nicht die volle Wahrheit mittheilen sollte. An ihrer Verschwiegenheit und Zuverlässigkeit war nicht zu zweifeln und ihre Mitwirkung bei der Suche nach dem Dieb war nicht zu unterschätzen. Aber er entschloß sich füglich doch, die Sache zunächst für sich allein zu behalten und nicht einmal bis auf Weiteres seiner Frau etwas davon zu sagen. Er fürchtete, daß Jeder, der von der Sache Mittheilung erhielt, der Gefahr der Sünde ausgesetzt ist, Jemanden schuldlos zu verdächtigen. Tief im innersten Herzen hatte Rabbi Jesaja aber noch einen anderen Grund für sein Schweigen seinen Schülern gegenüberaber diesen Grund gestand er sich selber nicht einmal ein. Der Diebstahl mußte allem Augenschein nach von einem Menschen begangen sein, der genau mit der Häuslichkeit vertraut war, wer konnte wissen - aber den Gedanken sprach Rabbi Jesaja nicht nur nicht aus, er wies ihn weit von sich, als er sich darauf ertappte. Aber gänzlich los werden konnte er ihn nicht. Er hielt es jedenfalls für gerathener, seine Nachforschungen fürs erste allein und auf eigene Faust fortzusetzen, und war deshalb einen Moment lang in Verlegenheit, was er auf den erhobenen Einwurf gegen sein Verfahren erwidern sollte. Es wurde jedoch dieser Mühe durch eine Bemerkung Proßnitzers enthoben. „Auf diese Weise hätte man das Maaß der Finger nicht mathematisch genau seststellen können," sagte er, „da der Umriß dann immer um ettvas breiter herausgekommen rväre als die Fingerdicke. Aber wenn man die ganze innere Handfläche mit Farbe oder Tinte bestreichen und sie dann auf ein Papier oder Brett abgedruckt hätte, so hätte man ein genaues Bild von der Breite jedes einzelnen Fingers gehabt. Aber bei Eurem Verfahren Rabbi ist mir etwas anderes auffallend. Wenn bei den Maaßbestimmungen von Fingerbreite die Rede ist, so sind es ja überall Daumenbreiten gemeint, und der Abdruck gerade des Daumens ist bei Eurem Verfahren ausgeschlossen. Ihr ließet uns ja den Daumen unter das Brett halten und uns die vier Finger in den Staub legen!" Das war allerdings ein vernichtender Einwand, der die ganze List über den Haufen warf. „Auf den ersten Blick," erwiederte der Rabbi, „hat Proßnitzer allerdings Recht, aber ich hatte trotzdem einen guten Grund dafür, warum ich die Messung in dieser Form vornahm; wir wollen die Sache jedoch jetzt nicht weiter discutiren, sondern zu unserem eigentlichen „Lernen" kommen, sonst verstreicht die Zeit und wir haben nichts gelernt." Wenige Minuten später saßen Meister und Jünger über ihre Folianten gebeugt in ein schwieriges talmudisches Problem vertieft und hatten dem Scheine nach zu urtheilen, den Zwischenaet ganz vergessen. Auffallend war den Schülern allerdings, daß der Meister ganz gegen seine sonstige Gewohnheit eine aufgeworfene Frage unbeantwortet ließ, da er doch die Antwort bereit hatte, wie er selber sagte. Aber da die ganze Angelegenheit außerhalb des Rahmens

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