Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 102-103 (29.12.1898)
- Date
- 1898-12-29
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
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1940 feit heraus, daß ich einen neuen Rock haben muß. Aber man sieht hieraus wieder, wie Recht der Rambam hat, wenn er sagt, daß von der Zedoko, die wir üben, nur Gutes folge. Hätte ich nicht dem Talmid Chochom in seiner Noth geholfen, so wäre meine Frau um ihr kostbares Erbstück gekommen. Jetzt aber hält sie mich für einen großen Wunderthäter, bis ich ihr auch einmal bei Gelegenheit die ganze Geschichte erzähle. Euch habe ich sie erzählt, damit Ihr nicht der Welt weitersagt, ich sei ein Wunderthäter und Meister der Kabala. Doch es ist Zeit zum Morgengebet, das wollen wir doch nicht verplaudern. IV. Vierzehn Tage mochten seit dem geschilderten Vorgang verflossen sein, als in später Nachtstunde, nachdem die laufenden Geschäfte des Tages erledigt waren, Rabbi Jesaja wieder über seinen Wandschrank ging, dessen Seitenwand die überaus kostbaren seltenen Manuscripte barg, um sich in das Studium eines der geschriebenen Folianten zu vertiefen. Wer aber beschreibt das erschreckte Erstaunen des Rabbiners, als er beim Oeffnen des Silberschrankes denselben vollständig geleert fand. Rasch öffnete er die Seitenthür des Schrankes, um sich nach seinen literarischen Schätzen umzusehen, sie standen unangetastet da. „Gott sei Lob und Dank, daß meine heiligen Schriften unversehrt sind," sprach er halblaut vor sich hin. „Ein Gelehrter war der Dieb nicht, der hätte den silbernen Tand stehen lasten, und nach der goldenen Wahrheit die Hand ausgestreckt, die hier in schweren Barren aufgespeichert liegt." Rabbi Jesaja ergriff dann sein Tatglicht, das auf einem messingenen Leuchter brannte, leuchtete damit in alle Fugen und Kanten des ausgeraubten Schrankes hinein, probirte das Schloß, den Schlüstel, kurz, nahm eine so gründliche und vorsichtige Untersuchung des Thatortes vor, daß ne dem findigsten Detektive Ehre gemacht hätte, aber — ohne den geringsten Anhaltspunkt zu finden. Er schloß den Schrank wieder ab, nahm seinen Folianten vor und vertiefte sich in dessen Studium, als ob nichts vorgefallen wäre. Es schlug eben zwei Uhr. Rabbi Jesaja mochte über eine Stunde in seinem Buche studirt haben, als er es bedächtig schloß. „Unsere Weisen lehren," sagte er vor sich hin, „wer aus dem Wege geht, sein Thoralernen unterbricht und sagt, wie schön ist dieser Baum, wie schön ist diese Flur, der hat sein Leben verwirkt. Wenn Jemand durch seinen Silberschrank sich von seinem Lernen abziehen ließe, so würde er kaum ein geringeres Unrecht begehen. Deswegen darf der Gedanke an diese verlorenen Silberschätze nicht den Gedanken an Gottes Thora beeinträchtigen. Nachdem ich nun dieser Anforderung Rechnung getragen, muß ich doch dem was geschehen ist, meine Aufmerksamkeit zuwenden." Behutsam öffnete er zum zweiten Male den Schrank, stellte das Buch auf seinen Platz und durchmusterte das Innere noch einmal mit seinem Lichte. Der Schrank war so hoch, wie das Zimmer, die Höhe war durch fünf Bretter zu fünf gleichen Theilen getheilt. Von diesen fünf Brettern waren die drei untersten mit den gestohlenen Silber- und Goldgeräthen angefüllt gewesen, die zwei obersten Bretter waren immer leer und nur eine dicke Staubschicht hatte sich darauf gesetzt, weil sie niemals benutzt wurde. Auf diese beiden oberen Bretter hatte Rabbi Jesaja bei seiner ersten Durchsuchung keinen Blick geworfen. Jetzt aber nahm er einen Stuhl und leuchtete über das zweitoberste Brett hin, aber kaum war der Lichtschein darauf gefallen, als Rabbi Jesaja betroffen inne hielt. Endlich hatte er eine Spur gefunden. In der Staubdecke, die das Brett bedeckte, waren die Spuren von vier Fingern einer Hand in ganz scharfen Umrissen ausgeprägt. Der Dieb hatte mit einer Hand den Schrank geleert und mit der anderen sich an dem oberen Brett festgehalten, so daß der Daumen die untere und die vier übrigen Finger die obere Seite des Bretts festhielten. Rabbi Jesaja schloß den Schrank und ging erregt in seinem Zimmer auf und ab. Er hatte jetzt den Abdruck der Hand, die sein Eigenthum angctaftet hatte. Das war ein wichtiger Punkt zur Entdeckung des Thäters. Aber er wußte nicht, ob nicht füglich alle Abdrücke von Händen gleich, oder doch von zu geringer Verschiedenheit sind, um daraus einen Schluß zu ziehen. Er ging zum dritten Male über den Schrank, stellte sich auf den Stuhl und setzte das noch unberührte höchste Brett ganz so an, daß seine vier Finger sich in dem Staub ausprägten, nahm dann vorsichtig das Brett herunter, um die beiden Abdrücke zu vergleichen. Aber da er das zweite Brett nicht von der Stelle bewegen wollte, so war der Vergleich bei dem trüben Kerzenlichte unmöglich. Rabbi Jesaja verfiel auf einen anderen Gedanken. Behutsam legte er das Brett auf einen abseits stehenden Stuhl, und nahm aus der Mischna den Traetat Mikwaoth vor. Er vertiefte sich in die Maaßbestimmungen, nach welchen das für ein rituelles Bad erforderliche Wasserquantum festzustellen ist. Wer jetzt den Forscher in seinem Studium gesehen hätte, mußte glauben, daß ihn keine andere Angelegenheit auf der Erde beschäftige. Er hatte in der That die ganze Welt vergessen und lebte nur dem Gegenstände, der ihn augenblicklich in Anspruch nahm. Und doch hatte er diesmal dieses Thema nur deßhalb herausgegriffen, um für seine Forschung nach der in der Ecke liegenden Handspur, keine auch noch