Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 102-103 (29.12.1898)
- Date
- 1898-12-29
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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- Isaiah 1× ep/1005097
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frisch und frei mit der Bitte, um eine Erklärung des ganzen Vorgangs hmzutreteu, aber dazu besaß er doch nicht den Mull). Sein Lehrer, an dem er in glühender Begeisterung und Verehrung hing, sein Geistes adel, seine Herzensgute und seine Charaktergröße blinkten ihm ein größeres Wunder, als wenn sämmtliche Engel und Geister alle Schätze Indiens und Arabiens ihm jetzt zu Füßen gelegt hätten. Da er keinen Schlaf finden konnte, machte er von dem ertheilten Dispens, den Früh-Schiur heute Morgen versäumen zu dürfen, keinen Gebrauch. Punkt 4 Uhr klopfte er wie jeden Morgen an die Thüre seines Lehrers. Dieser war noch in sein Manuscript vertieft und war sichtlich erstaunt, Proßnitzer so früh wiederzusehen. In seiner Leutseligkeit wandte er sich an seinen Hausbachur und hieß ihn durch eineHandbewegung uiedersitzen, indem erjagte: „Da ich glaubte, Ihr kämt möglicherweise von Euerer Reise spät oder gar nicht mehr vor dem anderen Dag zurück, habe ich den Schiur absagen und auf heute Nachmittag 4 Uhr festsetzen lassen. Ich kann Euch doch nicht als Lohn für Euere Mühe noch um Euer Lernen bringen. Es ist übrigens gut, daß wir allein sind, so früh werden wir am wenigsten gestört, und ich habe ja noch gar keinen Bericht von Eurer Reise." Proßnitzer setzte sich nieder und der Rabbi fuhr fort: „Ich nehme an, daß alles so den Verlauf genommen hat, wie wir vorher gesagt haben und es ist in diesem Falle schade, die kostbare Zeit mit unnützen Worten zu verlieren. Ihr habt auch bis aus einen Punkt Eure Mission erfüllt. Wenn man sich aber einer so delikaten Aufgabe zu entledigen hat, die einen so hart an die Grenze führt, die zwischen Wahrheit und Unwahrheit liegt, so «mß man doppelt und dreifach ängstlich aus das Wort der Thora bedacht sein: „Vor jedem Wort der Lüge halte Dich fern." Das habt Ihr ein einziges mal — seid mir tausend mal mauchel — vielleicht nicht genügend beachtet; sonst hättet Ihr nicht wohl sagen dürfen, daß alle drei Betroffenen ehrliche Menschen sind. Ehrliche Menschen sind sie doch nicht?" „Gestattet mir ocr Rabbi ein Wort der Entgegnung?" fragte bescheiden Proßnitzer. „Gewiß, so viel Ihr wollt," ermiederte der Rabbi. „Nun denn," begann Proßnitzer, „möge es mir gestattet sein, an die Stelle zu erinnern, die wir erst kürzlich gelernt haben. Wenn Jemand eine Frau ehelicht unter deren Voraussetzung, daß er ein vollendet gerechter Mann sei, es stellt sich aber heraus, daß er bis dahin ein Bösewicht war, so ist der Trauungsakt doch giltig, denn er kann in diesem Augenblick den Vorsatz gefaßt haben, ein gerechter Mann zu werden. Dann ist er es fosort, wie er diesen Vorsatz ausgesprochen hat. Wenn somit ein vollendeter Bösewickt in wenigen Sekunden durch den Vorsatz der Besserung ein vollkommen Gerechter werden kann, kann dann nicht auch ein notorischer Dieb ebenso rasch ein ehrlicher Mann werden?" „Ohne Zweifel kann das sein," entgegnete der Rabbi. „Aber die Hauptsache, der Vorsatz zur Teschuba, zur aufrichtigen Besserung, der muß doch vorangehen, und dieser fehlt aber hier." „Verzeiht, Rabbi, diese Bedingung war in diesem Falle in bündigster Weise erfüllt", — bemerkte Proßnitzer, und erzählte nun dem Rabbi sein Begegniß mit den drei Fremden, wie fie itjm durch Handschlag gelobt halten, ehrliche Menschen werden zu wollen und wie sie dem Rabbiner die Empfehlungsschreiben znrückschickten, die Proßnitzer bei seiner Rückkunft nicht abgeben konnte, weil die Frau Rrbbinerin zugegen war. „Das habt Ihr zu wöge gebracht, Proßnitzer?" fragte leuchtenden Auges Rabbi Jesaja. „Was haben wir da doch für ein gutes Geschäft gemacht; mit einem Arm voll Kleidern drei Seelen gerettet! Wahrlich, wahrlich! Israel ist heilig! Auch die Leeren unter ihnen sind an Gutthaten so reich, wie der Granatapfel an Kernen. Unter solchen Umständen wart Ihr selbstverständlich im Recht mit Euren Worten und nun seid mir wirklich mauchel, daß ich so vorschnell einen Vorwurf gegen Euch erhoben habe. Wer einen Anderen unschulvig verurtheilt, muß ihn zufriedenstellen und ihm einen Segen geben, was könnte ich Euch gewähren, nur mein vorschnelles Urtheil über Euch wieder gut zu machen?" Einen Augenblick, aber nicht länger, dachte Proßnitzer daran, diese Situation auszunützen, um van dem Rabbi die Lösung des Räthsels zu erbitten, das ihn so sehr beschäftigte. Aber sofort gewann sein edler Charakter wieder die Oberhand, der sich eines solchen Schrittes schämte. „Rabbi, ich weiß nicht, was ich reden soll," entgegnete Proßnitzer. „Ich habe nichts Gutes und Ihr habt nichts Böses gechan. In Euerer Seelengüte und Euerer Bescheidenheit seht Ihr Euere verdienstlichen Handlungen durch ein Berkleiuerungsglas und das Wenige, was ich hier zufällig thun konnte, durch lauter Vergrößerungsgläser. Ihr habt nichts zu danken, und ich habe nichts mauchel zu sein. Hat Jemand etwas zu danken, so bin ich's, daß Ihr mich gewürdigt habt, einen Blick in Euer großes, edles Herz zu thun und dafür sage ich Euch aus tiefstem Herzen meinen heißen Dank." „Eine kleine Erkenntlichkeit muß ich Euch aber doch noch erweisen," unterbrach ihn lächelnd der Rabbi, „indem ich Euch das Wunder mit den goldenen Knöpfen erkläre. Ich habe übrigens auch noch