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Der Israelit · 1898-12-29 · Heft 102-103 (29.12.1898) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 102-103 (29.12.1898)
Date
1898-12-29
Page
– (sequence 6)
Language
German
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191s Frau hätte sanfter und liebevoller sein können, wenn es galt, einer trauernden Wittwe oder einem gramgebeugten Manne Trost zuzusprechen. Er war außerordentlich gütig und geduldig; er mußte sehr stark kommen, ehe er ernstlich böse wurde. Nichts konnte ihn jedoch zorniger machen, als irgend eine an wehrlosen Thieren verübte Grausamkeit." Ein Beispiel beweist zur Genüge, welch' edlen Charakter derB aron besaß. Er war Abstinenzler, doch verlangte er deßtzalb von seinen Untergebenen durchaus nicht, daß sie seinem Beispiele folgten. Im Gegentheil fand er es begreiflich, daß Männer nach gethaner Arbeit gern im Gasthaus zusammentrafen, um bei einem Glase Ale ein Stündchen zu verplaudern. Er ließ ihnen daher auf seine Kosten das Wirthshaus zu den „Fife Arrows" bauen und vollkommen einrichten. Es ist ein reizendes kleines Haus, zu dem der Baron selber den Entwurf gezeichnet haben soll. — Dieser seltene Menschenfreund ist in dem prächtigen Mausoleum beigesetzt werden, das er seiner früh verstorbenen Gattin Evelina aus dem alten jüdischen Friedhof in West-Ham bei London errichtet hat. Rußland. A Petersburg. Der letzte Jahresbericht der „Gesellschaft zur Verbreitung der Bildung unter den russischen Juden" liegt vor und bietet eine Reihe von interessanten Daten zur' Kenntniß der jüdischen Verhältnisse im Zarenreiche. Es muß anerkannt werden, daß die Gesellschaft eine sehr energische und unermüdliche Thätigkeit entwickelt, um den Kulturgrad und den Wohlstand unserer Brüder zu heben — soweit diesem nicht Hindernisse im Wege stehen — die zu bewältigen nicht in der Macht der Juden liegt. Doch muß andererseits conftatirt werden, daß die besitzenden und intelligenten Kreise unserer Glaubensgenossen dieser Gesellschaft, die doch die einzige jüdische Organisation im ganzen Reiche bildet, nicht das Interesse und die moralische und materielle Unterstützung angedeihen lassen, die man füglich erwarten sollte. Die Gesellschaft steht auf rein jüd. Standpunkte und muß sich daher von vielen Seiten den Vorwurf des „Separatismus" gefallen lassen, so beliebt man nämlich in gewissen Kreisen alle von Juden ausgehenden Bestrebungen zur Hebung und Verbesserung der Lage ihrer Brüder zu bezeichnen. Die trefflichen Männer an der Spitze der Gesellschaft tragen die Vorwürfe mit gelassener Seelenruhe und thun was ihnen obliegt. Die Aufgaben, die sich die Gesellschaft stellt, ist die Hebung und Förderung des geistigen Lebens unter den Juden in Rußland. Diese Aufgabe sucht sie zu verwirklichen, indem sie jüdische Schulen aller Stufen errichtet und erhält, indem sie die literarischen Bestrebungen fördert. historische Forschungen unterstützt und jüdischen Studirenden Unterstützungen gewährt. Im Berichtsjahre betrugen die Einnahmen der Gesellschaft 80 54/ Rubel, die Ausgaben überstiegen diese Summe um eirea 5000 Rubel. Die Einnahmen bestehen nur zum geringen Theil aus regelmäßigen Mitgliederbeiträgen, den Löwenantheil haben daran die Schenkungen einzelner Wohlthäter, unter denen der Baron David G ü n z b u r g in St. Petersburg, dem Sitze der Gesellschaft, mit 19 083 Rubeln obenan steht. Gegen die Hälfte der Einnahmen verschlangen die Subventionen an Studirende. Die unter der Obhut der Gesellschaft stehenden Talmud-Thora-Schulen wurden zu einer hohen Blüthe gebracht und gelten allgemein als musterhaft. Wissenschaftliche Bestrebungen hat die Gesellschaft dadurch gefördert, daß sie zwei Preise im Betrage von 300 und 180 Rubeln für Arbeiten über die Refftonsen des 16. und 17. Jahrhunderts und einen Preis von 250 Rubel für ein Werk über Zunz ausbezahlt. Vorbereitungen zu einer neuen russischen Uebersetzung des Pentateuch für den Schulgebrauch wurden getroffen und die Bearbeitung einer umfaffenden Darstellung der jüdischen Geschichte subventionirt. Die „Historisch-ethnographische Kommission" innerhalb der Gesellschaft befaßt sich mit dem Sammeln und Herausgeben von Materialien zur Geschichte der Juden in den einzelnen Ländern Rußlands. Von den durch diese Kommission herausgegebenen „Registern und Inschriften" ist der dritte Band im Erscheinen begriffen. Eine größere Summe wurde zur Bestreitung der Kosten von archivalischen Untersuchungen ausgeworsen. Der berühmte Forscher und Freund der Juden Pros. Berschadski hatte seine umfangreiche Materialiensammlung der Gesellschaft letztwillig vermacht; dieses Vermächtniß soll zusammen mit anderen Handschriften der Oeffentlichkeit übergeben werden. Die Commission sammelt auch alte Druckwerke, Chroniken, Gemeindebücher. Durch den Ankauf einer größeren Anzahl von Exemplaren eines neu erscheinenden Werkes wurde häufig die Herausgabe desselben ernröglicht. An Schulen, besonders an denen in den jüdischen Ackerbaukolonien im Chersonischen Gouvernement, wie auch an Private, namentlich an unbemittelte Rabbiner und Gelehrte, hat die Gesellschaft in mehreren Fällen Bücher und Zeitschriften versendet. Die eigene Bibliothek der Gesellschaft wurde durch einige Legate um zahlreiche Manuskripte und werthvolle alte Druckwerke bereichert. > Personalien. Herr Gustav Cahn aus Frankfurt a. M., Schützenstraße 1, hat sein Dipl. Jngeneur-Eramen in Darmstadt, erst 21 Jahre alt mit Auszeichnung bestanden, und ist augenblicklich der jüngste Ingenieur Deutschlands.

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