Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 102-103 (29.12.1898)
- Date
- 1898-12-29
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1917 zu datiren vermag, eine Wirksamkeit, die der Gemeinschaft selbst zum Heile, unserem Glauben zur Ehre zu gereichen vermöchte. — Q) Schildberg, 26. Dez. (Sonntagsgottesdienst.) „Sonntagsgottesdienst", das ist die neueste Thora, welche die Metropole Deutschlands hinausschickt in die große weite Welt. Nur noch eine kurze Zeit, und Berlin wird neben seiner Sonntagsgemeinde noch eine ganze Reihe von Veranstaltungen haben, um die „Ungläubigen Gläubigen" am Sonutag durch Orgelklaug, Damenchor und last, not least Predigt zu erbauen! Bekanntlich hat bei den letzten Berliner Gemeindewahlen die liberale Partei gesiegt, und auf ihrer Siegesfahne steht das Wörtlsin „SonntagSgottesdienst." Die große Weltstadt Berlin mit ihren unzähligen Sehenswürdigkeiten, mit ihren zahlreichen Tempeln für Kunst und Wissenschaft kann sich ja derartige Extravaganzen leisten, und eitle Anmaßung von einem Rabbiner einer kleinen Stadt der Provinz Posen ist es in derartige Fragen von „weltbewegender Bedeutung" sich mischen zu wollen! Was weiß denn ein Provinziale, ein Kleinstädter von den religiösen Bedürfnissen einer Großgemeinde wie Berlin! Derartige Fragen können nur in der Gemeinde selbst von den hochweisen Gemeindevätern der Stadt Berlin geprüft und entschieden werden. So wird man mir zurufen, das erwarte ich kaum anders. Ich denke ja auch nicht im Entferntesten daran die Herren Berliner Gemeindeväter an ihre Pflicht zu erinnern, will sie gar nicht belehren, umsomehr als ich noch niemals Gefallen daran fand Sisyphusarbeit zu verrichten! Aber den Herren Rabbinen der Berliner Gemeinde möchte ich ein Wörtlein verrathen, „das Um Gesichte der Nacht ich geschaut, wenn der Schlaf die Menschen befällt, als ein Spruch zu mir schlich und mein Ohr ein Geflüster davon vernahm." Sie in Berlin und um Berlin wissen nicht, was der Beweggrund der SonntagsgotteSdienstbewegung, Sie kennen nicht, die Mächte, die im Dunklen walten, Ihnen sind die Persönlichkeiten unbekannt, welche die Frage des Sonntagsgottesdienstes in Anregung gebracht. Wir aber, die wir in der Provinz leben, die wir des Segens der Berliner Aufklärung entbehren, wir sind genauer darüber unterrichtet, ja, „was kein Verstand des Verständigen sieht, das übet in Einhalt ein kindlich Gemüth." Wir können Ihnen eine Eröffnung machen, die Ihnen als wahre Prophezeihung vielleicht erscheint, die aber dennoch nichts anderes ist, als eine einfache, nackte Thatsachc, die man vielfach kennt, allerdings in Berlin und Großlichterfelde nicht, weil — mm weil man sie dort nicht kennen will! Die „Sonntagsgottesdienstmacher" stehen im Dienste der christlichen Mission, und die Herren Rabbiuen, die sich dazu brauchen lassen bei einem Sonntagsgottesdienst zu fungiren, wirken im Dienste der christlichen Mission, schleppen das Taufbecken herbei für die christliche Taufe. Wenn Sie müßt n, wie man in christlichen Kreisen darüber denkt, wenn Sie gelesen hätten, was ein evangelischer Geistlicher in Hessen unterm 22. d. Mts. darüber schreibt, wie man sich in jenen Kreisen freut „auf das Jung-Israel, das im Werden begriffen", dann würden Sie geschloffen Vorgehen gegen eine derartige Zumuthung, dann würden Sie dem Vorstände und den Gemcinderepräsentanten, wenn sie mit einer derartigen Forderung an Sie herantreten sollten, mit einem festen unerschütterlichen guoä non antworten, vorausgesetzt, daß Sie es als Ihre Aufgabe betrachten jüdische Seelsorge zu pflegen, und nicht der christlichen Mission in die Hände zu arbeiten. Hoffentlich genügen diese Zeilen, um Sie auf die drohende Gefahr aufmerksam zu machen, damit diese noch rechtzeitig abgewendet werden kann. Rabbiner Dr. M. L. Bamberg er. England. London, 26. Dez. Die Trauer der Bewohner des Dorfes Waddesoon in Buckmghamshire um ihren so plötzlich Heimgegangenen Herrn, den Baron Ferdinand James R o t h s ch i l d, ist geradezu rührend. Das Hinscheiden eines großen Landbesitzers wirft immer einen düsteren Schatten über das von ihm abhängig gewesene Dorf; aber Baron Rothschild war für ferne guten Dörfler stets etwas nrehr als nur der Gutsherr und Arbeitgeber. Ganz Wad esdon weiß, daß es in ihm den besten Fceund verloren hat, den cs je beseffen. „Wrr können es noch garnicht fassen," sagte ein Dorfbewohner zu dem Berichterstatter eines englischen Blattes, „und wir haben auch noch garnicht angefangen, eS so recht zu fühlen, daß er nicht mehr unter uns weckt; aber wie sehr er uns fehlen wird, daß weiß nur Gott. Der Herr Baron war nicht wie ein Geb eter, sondern wie ein Vater jeder einzelnen Familie. Und nun ist er fort — ganz fort — —." Dabei rieselten dem Alten die Thränen in den grauen Bart. Die brav n Leute haben auch alle Ursache zur Trauer. Es gab wohl selten einen Herrn, dem das Wohl seiner Untergebenen so am Herzen lag und der so viel wahrhaft Gutes that, wie der Verstorbene. „Es fand nie eine Trauung im Orte statt," erzählte der bekümmerte Dörfler weiter, „ohne daß unser Baron dabei gewesen wäre. Bei den ärmsten und einfachsten Hochzeiten erschien er persönlich, um sich zu überzeugen, ob auch alles in Ordnung war und jeder Anwesende ein glückliches Gesicht zur Schau trug. Wo es fehlte, half er ohne zu fragen. Er kannte jeden Einzelnen von uns und hatte für alle ein freundliches Wort. Keine