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Der Israelit · 1898-12-29 · Heft 102-103 (29.12.1898) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 102-103 (29.12.1898)
Date
1898-12-29
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1919 Feuilleton. Verkauft. Eine Erzählung aus Ungarn. I6) Von Samuel B. Nosuer. Nachdruck verboten. Schulamit wußte nun Alles, was drohend in der Luft schwebte, ohne daß ihr es Jemand gesagt hätte. Sie wußte auch gleich, zu welchem Zwecke die Eltern in das Zimmer Rudolfs gingen und sie schlich sich leise heran, um an der Thüre zu lauschen. Von dort aber wurde sie bald durch ein Geräusch ver scheucht, ohne das Ergcbniß abwarten zu können. Doch der erste ängstlich forschende Blick, mit welchem sie den Professor und seine Frau fixirU, belehrte sie, daß diese ihre Absicht nicht erreicht hatten. Ihre Ruhe war dahin und sie empfand seelische Qualen, die sie um so grausamer marterten, als ihr ähnliche Gefühle vollkommen ungewohnt waren. Das Bewußtsein des ersten, schweren Vergehens lastete drückend auf ihrem Herzen, dem der Begriff der Schuld bisher fremd gewesen. Sie wußte, daß sie allein an Allem Schuld sei. Wer hieß sie, sich von ihrem sträflichen Leichtsinn zu jenem verhängnißvollen Gang Hinreißen zu lassen? Was — Leichtsinn? Nein, cs war, wie es jetzt in ihren Augen erschien, weit mehr als das, es war geradezu — Lasterhaftigkeit. Allerdings hat ihn niemand geheißen, sich um ihre Angelegenheiten zu kümmern, aber dafür, daß er es doch gethan, konnte sie ihm nicht zürnen. Nein, wahrhaftig nicht. . . . Im Gegentheil, das steigerte vielmehr ihre tiefe, zärtliche Besorgniß um ihn. . . . ES war schrecklich, wenn sic daran dachte, was aus ihrem Besuch für die befreundete Familie entstanden war! Sie malte sich im Geiste die furchtbarsten Bilder aus. . . . Sie sah Rudolf tödtlich verwundet zusammenstürzen .... sie sah sein Blut fließen, sah die theuere Familie in untröstlichen Trauer versetzt. Und das Alles ihretwegen. Sie machte verzweifelte Anstrengungen eine Möglichkeit zu entdecken, um das Furchtbare abwenden zu können. Jedoch vergebens. Einmal blitzte der Gedanke in ihr auf, mit ihm zu reden, ihn zu beschwören, daß er ihr die Ruhe wiedergebe, indem er von dem unseligen Vorhaben abftand. Doch der Muth entsank ihr wieder. . . . Was konnte sie^ ausrichten, wenn seine Eltern bei ihm nichts auszurichten vermochten? .... Sie konnte auf ihrem Lager lange den Schlaf nicht finden. Sie mußte gewaltsam an sich halten, um ihren Zimmergenoffinnen Hermine und Gertrud ihre Unruhe nicht zu verrathen. Die Dunkelheit belebte sich vor ihren brennenden Augen mit schreckhaften Bildern. Bald flimmerte es ihr vor den Augen wie der Schein herumschwirrender Klingen, bald wieder schien sich plötzlich das ganze Zimmer wie von einem rothen Blitz — der §lamme eines Pistolenschusses — zu erhellen. . . . Es war schrecklich! Da erinnerte sie sich eines Trostmittels, welches zu Hause bei den kleinen Beunruhigungen, die es da geben konnte, nie seine Wirkung versagt hatte. Vielleicht daß es sich auch in dem großen Sturme bewährte. Nachdem sie sich überzeugt hatte, daß die Anderen fest schliefen, richtete sie sich im Bette aus und machte Licht. Dann hotte sie aus einem Schränkchen ihr abgegriffenes Gebetbüchlein hervor und begann in demselben zu beten. Und merkwürdig, schon der Anblick des unscheinbaren Buches wirkte wundersam besänftigend auf ihr Gemüth. Milde und unmerklich lenkte es die Gedanken zu den sonnigen Bildern der Heimath hinüber. Ihre das Buch haltende Hand sank bald müde auf die Bettdecke herab, sie lehnte das ermüdete Haupt in die Polster zurück und nachdem sie eine Weile mit offenen Augen geträumt, sielen ihr endlich die Augenlider zu und sie schlief ein. An ihren Traum jedoch klammerten sich wieder die früheren, beunruhigenden Vorstellungen und sie quälte sich wieder damit ab, eine Art ausfindig zu machen, wie sie Rudolf von dem Duelle abhalten könnte. Und wieder tauchte in ihr gebieterisch eine Stimme auf, welche ihr zurief, daß sie allein das angestiftete Unheil wieder abwenden müffe und könne. Und sonderbarerweise — in Traume blieb sie frei von der Muthlosigkeit, die sie im wachen Zustand befallen hatte. Im Gegentheil — sie fühlte sich triumphirend als Herrin der Situation. Sie sprach gebieterisch zu ihm und er beugte sich voll Demuth ihrem Gebot. Mit einem einzigen Worte machte sie allem Kummer und aller Sorge ein Ende, der eigenen sowohl als jener der betrübten Eltern. In dieser Stimmung erwachte sie und eine geheimnißvolle Suggestion spann diese Stimmung des Traumes in den wachen Zustand hinüber. Sie stand ganz unter dem Einflüsse dieser Suggestion, welche fast unbewußt alle ihre Gedanken lenkte. So kam es, daß sie kaum wußte, wieso dies geschehen war, als sie plötzlich, von scheuer Scham befallen, die Wahrnehmung machte, daß sie sich — es war bald nach dem Frühstück — Rudolf gegenüber in dessen Zimmer befand. Sie wußte nicht einmal, ob sie angeklopft hatte, oder ob sie nur so aufs Geradewohl eingetreten war. In Wirklichkeit hatte sie anstatt einmal, sogar zweimal angeklopft, doch so schüchtern und furchtsam, daß es Rudolf das erste

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