Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 101 (22.12.1898)
- Date
- 1898-12-22
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448857-2448951--47377-2497728- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Isaiah 1× ep/1005097
OCR text
1908 ein Engel Gottes; Ihr verschwendet Eure Güte an Unwürdige, Ihr." Aber Rabbi Jesaja schnitt mit gefurchter Stirne und finsterem Blick jede Entgegnung ab: „Kein Wort weiter! Wenn mir nur Alles so klar wäre wie das, was ich hier zu thun habe, und Ihr wollt mich von meiner Pflicht abwendig machen!" Ihr werdet sehen, die drei Verbrecher werden ehrliche Menschen, wenn sie mich vor der Strafe zittern sehen, die ihr Leichtsinn ihnen zugezogen und die Rebbezen wird keinen Menschen mehr unschuldig im Verdacht haben, wenn sie zu der Ueberzeugung kommt, daß sie sich diesmal geirrt hat. Wiegt das Seelenheil von vier Menschen Euch nicht schwerer, als die paar Lappen, um die es sich hier handelt? Schämt Euch, Proßnitzer, wenn ich Euch nicht so gut zu kennen glaubte, ich könnte an Euch irre werden, und jetzt macht Euch auf den Weg! Zelach Urchaf! Ich werde Euch den Priestersegen nachsagen." Proßnitzer war kaum drei Stunden in der Richtung nach Mainz marschirt, als er in einem einzelnen Wirthshause am Wege die drei Freunde traf. Sie hatten aus dem Weinkeller des Rabbiners einige Flaschen Wein mitgenommen, mit dem sie sich gütlich thaten. Ihre Reiseutensilien hatten sie auf einem kleinen Handwagen öor dem Wirthshaus stehen, und noch ehe Proßnitzer die Wirthsstube betreten, hatte sein schalser Blick schon die gestohlenen Kleidungsstücke herausgefunden. Kaum war er in die Wirthsstube eingetreten, so erkannten die Zecher den Hausbochur und auch die ganze Situation, in der sie sich befanden. Sie entboten ihm den Gruß, wie einem Fremden und reichten ihm ein Glas Wein. Mit Rücksicht auf die anwesenden fremden Gäste wurde die Conversation in hebräischer Sprache geführt. Von den Weinflaschen war noch eine unberührt und trug das ihm wohlbekannte Siegel. Aber er that als merke er dies nicht und fragte die Zecher, wie sie dazu kommen, in einer nichtjüdischen Wirtschaft verbotenen Wein zu trinken? „Der Wein," stammelte der älteste, „ist ein Weggeschenk der Frankfurter Rebbezen, die keinen Gast ziehen läßt, ohne ihn für die Reise mit Zehrung zu versehen. — Wer seid Ihr denn eigentlich?" „Ich bin," entgegnete Proßnitzer, „in einer ähnlichen Lage wie der Hausmeister des Königs Joseph, als er den Söhnen Jakobs nachgesandt wurde, um den silbernen Becher seines Herrn zurückzuholen. Ich richte an Euch wie jener zunächst die Frage: „Wie könnt Ihr Gutes mit Bösem vergelten?" Und nun redete ihnen Proßnitzer so zu Herzen, daß sie beschämt die Augen niederschlugen. „Ihr habt Recht," sagte der eigentliche Attentäter, „einen Mann wie den Frankfurter Raf zu bestehlen, ist eine doppelte Sünde. Wir geben auch alles zurück, und bitten Euch bei Eurem Herrn ein gutes Wort für uns einzulegen, daß er unsere schlechte That verzeihen möge." Nun erklärte Proßnitzer den erstaunten Zechern, daß er gesandt sei die Kleider ihnen zu schenken, daß er sie deshalb nicht mehr annehmen könne, denn sie seien bereits ihr Eigenthum. Wer dem Anderen einen Heller stiehlt, hat ihm sein Leben genommen, lehren unsere Weisen, gesegnet sei ihr Andenken. Der Frankfurter Raf, möchte nichts an seinem Körper tragen, was andere Menschen zu einem solchen Unrecht verleitet hat. Behaltet die Kleider, verkauft sie meinetwegen und von dem Erlös richtet ein Geschäft ein. Gebt Euer Vaganten-Leben auf und werdet redliche Menschen, dann verzeiht Euch mein Herr gerne." „Wir geben Euch Tekias Kaf (Handschlag)," hob nun der Aelteste und Wortführer der drei an, „daß wir Euern Rath befolgen werden und zum Beweis für die Aufrichtigkeit unserer Gesinnung wollen wir Euch die Empfehlungsschreiben zurückgeben, die der Frankfurter Raf uns nach Mainz mitgab. Wenn wir arbeiten wollen, empfehlen wir uns selbst. Seid Ihr damit einverstanden?" fragte er seine beide Genossen. „Von Herzen gern," riefen beide; sie gaben Proßnitzer den Handschlag, händigten ihm ihre Schreiben ein und zogen ihres Wegs weiter nach Mainz, während Proßnitzer freudigen Herzens nach Frankfurt zurückkehrte, wo er Abends spät eintraf. Das Haus des Rabbiners mar schon geschlossen. Glocken hatte man damals noch nicht an den Thüren, sondern Thürklopfer. Mit diesem schlug Wolf Proßnitzer dreimal kräftig an die Hausthüre, die sich ihm sofort öffnete. Er wurde noch von seinen beiden edlen Auftraggebern erwartet. Die Rabdinerin war sofort beim Anblick Proßnitzers enttäuscht. Sie hatte ihn mit einem schweren Pack Kleider zurückerwartet und als er mit leeren Händen kam, wußte sie bereits, daß die Reise erfolglos war. „Nun Euere Reise hat nicht den gewünschten Erfolg gehabt?" fragte beklommen die Rabbinerin. „Wie mans nimmt," erwiederte der Gefragte.— „Die Kleider habe ich allerdings nicht. Aber die Gewißheit bringe ich Euch, daß die drei Männer ehrliche Leute sind. Ich habe alles, was sie besaßen durchsucht und sestgeftellt, daß alles ihr Eigenthum, jedenfalls aber nicht das eurige ist." „Gott sei Dank!" erwiederte die Rabbinerin. „Ich habe also wirklich unschuldige Menschen fälschlich im Verdacht gehabt? Wie kann ich das wieder gut machen?" „Jede Sünde macht man wieder gut, indem man sie zunächst bereut, und den festen Vorsatz faßt sie nicht wieder zu thun," entgegnete Rabbi Jesaja. „Ich werde gewiß, soweit ich kann, alles wieder