Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 101 (22.12.1898)
- Date
- 1898-12-22
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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1907 unserer Unterredung war, so schlage tch ihn für diese Mission vor. Was halst Du davon?" „Wenn er Dir genehm ist, so ist er mir's gewiß," erwiederte die Angeredete mit feiner Anspielung ans ein gleichlauterwes talmudisches Citat. „Proßnitzer macht Euch reisefertig, in einer halben Stunde seid Ihr hier bei mir. Dann will ich Euch Eure Verhaltungsmaßregeln mit auf die Reise geben. Ich denke, daß Ihr nur zwei bis drei Stunden zu marschieren braucht, um die drei Gäste zu finden. Sie sind nicht so gut zu Fuß wie Ihr es seid. Sind sie wirklich unehrlich, dann trinken sie und halten sich lange in den Wirthshäusern auf. Also, verliert keine Zeit." Proßnitzer entfernte sich sofort, aber die Rabbinerin hielt noch das Bedenken zurück, ob die Fremden nicht vielleicht ein falsches Reiseziel angegeben hätten, um vor jeder Verfolgung sicher zu sein. „Sei unbesorgt," entgegnete Rabbi Jesaja. „Die Herren ersuchten mich um Empfehlungen an den Rabbiner von Mainz, die ich ihnen auch bewilligte. Das wird Dir genügen. Für mich, der ich sie für unschuldig halte, bedarf es dieses Beweises nicht einmal. Wir wollen jetzt über den ganzen Handel so wenig Worte verlieren, als nur eben möglich, um nicht zu einer Sünde zu gelangen. Hat sich die Sache erst aufgeklärt, so wollen wir unsere Gedanken darüber schon austauschen." „Lieber Mann," entgegnete die Rabbinerin, „ich habe bei der ganzen Sache nur ein Bedenken. Wo wir beide bis jetzt je eine Meinungsverschiedenheit hatten, hat sich füglich immer herausgestellt, daß ich im Unrechte war und Du immer Recht hattest, ich fürchte es wird dieses Mal wieder so gehen." „Du fürchtest?" entgegnete Rabbi Jesaja. „Darüber müßtest Du Dich freuen, wenn es uns gelungen ist die Unschuld fälschlich Verdächtigter an den Tag zu bringen! Wenn Du aber wirklich glaubst, daß ich im Rechte bin, und daß Du die drei Leute in der That unschuldiger Weise verdächtigt hattest, dann können unsere Nachforschungen unterbleiben." „Aber wie bekommen wir unsere schönen, gestohlenen Kleider wieder?" „Du sprichst schon wieder von gestohlenen Kleidern! Ich sehe, wir müssen der Sache ihren Gang lassen, sonst wirst Du mit dem Munde mir zustimmen, im Herzen aber den schwarzen Verdacht weiter hegen. - Proßnitzer soll auf die Reise nach Mainz!" II. Die Rabbinerin hatte kauni wenige Minuten das Studierzimmer — damals sagte Ulan „Lernstube" — ihres Mannes verlassen, als Wolf Proßnitzer reisefertig eintrat. Die Fretlde, wieder einmal reisen zu können, wenn auch nur für wenige Stunden, und die noch größere, seinen Wohlthätern einen kleinen Gegendienst leisten zu können, blitzte aus den dunklen Augen des jungen Mannes. Er trug in der rechten Hand einen derben, kernigen Stock und in der linken ein kleines Paquet. „Was habt Ihr in dem Paquet?" fragte leutselig der Rabbiner. „Es enthält nichts als Tallis und Tephilin und und ein kleines Raschi-Chumesch, um, wenn sich Zeit dazu findet, unterwegs etwas lernen zu können." „Das ist Recht. Aber Ihr habt eine wichtige Sache vergessen. Ihr müßt Euch etwas zu essen mitnehmen, und ich gestatte nicht, daß Ihr das Haus verlasset, ohne Euch in der Küche richtig zu verproviantiren. Ihr wißt, Gedola Legime! Diese Wegzehrung ist etwas Großes. Wir lassen keinen Fremden ohne Nahrungsmittel für die Reise ziehen, wie könnten wir Euch eine Reise ohne Proviant antreten lassen, die Ihr für uns zu machen so freundlich seid. Aber jetzt habe ich Euch im Vertrauen ein Mittheilung zu machen; setzt Euch." Als sich der junge Mann niedergesetzt hatte, trat Rabbi Jesaja an ihn heran und sagte mit gedämpfter Stimme: „Es drückt mich ungemein, daß meine gottesfürchtige Frau gegen fremde Menschen einen schwarzen Verdacht hegt, ohne einen anderen Anhaltspunkt dafür zu haben, als daß sie die Kleider nicht mehr findet, und daß die drei Reisenden kurz vor Entdeckung dieses Verlustes abgereist sind. Das Schlimmste aber ist, daß ich aus dem ganzen Auftreten des jüngsten dieser drei Gäste leider Ursache anzunehmen habe, der Verdacht sei nicht unbegründet. Ich möchte nur nicht, daß meine Frau die Sünde begeht, Jemanden zu verdächtigen und möchte auch nicht, daß der vermuthliche Dieb sich fortgesetzt der Sünde schuldig macht, gestohlene Sachen zu besitzen. Ihr müßt also den Leuten nach; Ihr werdet sie bald eingeholt haben, und könnt ohne große Mühe feststellen, daß sie die Kleider haben. Ihr sagt den Leuten, ich, der Frankfurter Rat, schickt Euch, um den dreien zu erklären, daß die Kleider, die sie aus meinem Hause mitgenommen haben, ihnen von mir geschenkt und somit von nun ab ihr rechtsmäßiges Eigenthum sind. Ich möchte nicht, daß ein Mensch durch mich von Gott bestraft werden sollte. Da ich diese Strafe auf diese Weise von ihnen abwenden kann, so bin ich dazu verpflichtet. Dann reist Ihr, Lechajim Ulescholaum, nach Frankfurt zurück und erklärt vor mir und meiner Frau, der Wahrheit gemäß, daß Ihr alle Effekten der drei Reisenden untersucht hättet, aber Kleider, die mir gehören, seien keine dort. — Habt Ihr mich verstanden?" „Rabbi," entgegnete Proßnitzer •’ „wohl habe ich Euch verstanden, aber Ihr seit kein Mensch, Ihr seid