Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 101 (22.12.1898)
- Date
- 1898-12-22
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
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1909 gut zu machen suchen," erwiebevte bie biedere Frau, „und gewiß keinen Menschen mehr unschuloiger Weise verdächtigen." „Das ist brav gesprochen," erwiederte der Rabbi, „aber es ist ungemein schwer, einen solchen Vorsatz treu zu erfüllen. Es treten gerade nach dieser Seite hin so schwere und so häufige Versuchungen an uns heran, daß auch die festeste Standhaftigkeit sich ihnen nicht gewachsen zeigt. Beten wir deßhalb doch täglich im Morgengebet, daß uns Gott nicht in Versuchung führen möge, und wir wollen diese Bitte von morgen ab inniger als je zum himmlischen Vater emporsenden. Aber jetzt ist es Zeit zur Ruhe; Proßnitzer ist gewiß müde und auch Du bist durch die Aufregung des Tages mehr als sonst der Ruhe bedürftig." „Ich könnte noch nicht schlafen, denn mich quält jetzt mehr als den ganzen Tag der Gedanke, was wir thun könnten, um wieder zu unserem Eigenthum zu kommen. Im Hause sind die Kleider nicht; ich habe jeden Winkel deßhalb ohne Erfolg durchsucht. In hohem Grade verdächtig kam mir das Maschen vor, welches uns jeden Sabbat die Zimmer heizt, es hat einen Geliebten."- „Um Himmelswillen!" fuhr der Räbbi mit so lautem Aufschrei in die Höhe, daß die Rabbinerin betroffen zu ihm emporschaute. „Um Himmelswillen! sprich nicht weiter. Eben hast Du Dir gelobt, keinen Menschen mehr zu verdächtigen und Du verfällst fast in demselben Athemzng wieder in den alten Fehler." „Du hast Recht; ich bin ein schwaches, fehlendes Weib, verzeihe mir meine Uebereilung. Aber jetzt war es das letzte mal; von nun an soll es sicher nicht wieder Vorkommen. Es wäre mir wohl auch jetzt nicht pafsirt, aber der Verlust der Kleider geht mir ungewöhnlich nahe. Es ist besonders der neue, blaue Jomtofrock, den Du erst auf jüngsten Peßach onfertigen ließest, den kann ich nicht vergeffen, mit seinen zwölf goldenen Knöpfen. Sie waren, wie Du weißt, ein Erbstück meines seligen Großvaters und jeder einzelne war ein Kunstwerk für sich von einer Solidität und Feinheit der Arbeit, die man heute gar nicht mehr kennt." „Sind Knöpfe dieser Art mehr für Geld nicht zu haben?" fragte Rabbi Jesaja. „D" ich kenne Dich," erwiederte die Gefragte, „Du würdest sie für alles Geld aufzutreiben suchen, um mich zu beruhigen. Aber sie sind um keinen Preis zu haben, denn sie existiren nicht mehr zum zweiten Male. Sie sind wahre Kabinetsstücke der alten Goldschmiedkunft und waren vielleicht schon viele Jahrhunderte alt. Wer weiß, wie lange sie schon in unserer Familie sich von Ellern aus Kinder vererbt haben." „Was würdest Du sagen," srug der Rabbi, „wenn ich Dir die Knöpfe herbeifchaffte, ehe fünf Minuten verflossen sind?" Als Rabbi Jesaja diese Frage stellte, schlug die Thurmuhr gerade die Mitternachtsstunde. Von der Straße tönte der Ruf des Nachtwächters, welcher in der Judengasse die zwölfte Stunde verkündete. Eine solche Frage von Rabbi Jesaja gestellt, war für die Nabbinerin so viel, als sei sie bereits in ihrem Sinne beantwortet. Sie wußte, wie die ganze Welt ihren Gatten als einen der größten Kabbalisten der Gegenwart verehrte. Noch niemals hatte ste gesehen oder gehört, daß ihr Mann seine Kenntnisse der Geheimlehre angewandt hätte, um als Wunderthäter zu gelten. Wenn er aber in fünf Minuten die Knöpfe schaffen kann, dann war für sie kein Zweifel mehr, daß ihr gefeierter Gatte wirklich der Mann war, zu dem die ganze Judenheil in solcher Verehrung emporblickte. — Diese und ähnliche Gedanken wirbelten ihr so toll durch den Kopf, daß ste mit stierem Blick und offenem Mund auf ihren Gatten starrte und ganz auf die an sic gerichtete Frage zu antworten vergaß. „Ich will Dir sie geben, die goldenen Knöpfe, aber nur unter der Bedingung, daß Du mich erstens nicht fragst, wie ich zu ihnen gekommen bin, und daß Du Dich zweitens sofort zur Ruhe begiebst, nachdem Du Deinen Schatz sicher geborgen hast." Mit diesen Worten erhob stch Rabbi Jesaja, öffnete einen der zahlreichen Wandschränke seines geräumigen Zimmers, der mit alten goldenen und silbernen Pokalen, Habdolobüchsen, Esrogschaalen, Girandolen u. d. gl. angefüllt war, nahm einen goldenen Becher und schüttete seinen Inhalt auf den Tisch. „Sind das Deine zwölf Knöpfe?" Die Nabbinerin erbleichte und hatte nicht den Muth einen der Knöpfe zur genauen Besichtigung und Prüfung in die Hand zu nehmen. Als der Rabbiner ihr den Nächstliegenden in die Hand drückte, zitterte die Hand erregt hin und her. Aber als sie den ersten Blick darauf geworfen hatte, schrie ste laut auf: „Ribbaunau schel Aulom, Herr der Welt, das sind ja die Knöpfe meines Großvaters. Ich bitte Dich, lieber Mann, woher sind diese Knöpfe plötzlich gekommen?" „Halt!" entgegnete in seiner gewohnten Ruhe der Rabbiner, indem er seinen Schrank wieder verschloß: „mit dieser Frage hast Du schon gegen den ersten Punkt unserer Abmachung verstoßen. Jetzt aber gehe zur Ruhe, damit Du nicht auch noch gegen den zweiten Punkt fehlst. Und Ihr Proßnitzer werdet heute auch ohne gewiegt schlafen. Wenn Ihr morgen Früh den Schiur vor dem Morgengebet verschlafen solltet, so will ich Euch für diesmal entschuldigen. Aber jetzt, gute Nacht!" (Fortsetz..f.)