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Der Israelit · 1898-12-22 · Heft 101 (22.12.1898) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 101 (22.12.1898)
Date
1898-12-22
Page
– (sequence 9)
Language
German
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LXLIX. Jahrgang. Erste Beilage M M 101 des „Israelit". Feuilleton. Aleier Ettlinger. (C-in Denkmal.) Es giebt Helden, die auf dem Schlachtfeld sich . ihren Ruhm erwerben, Helden, die der Wissenschaft einen großen Sieg erkämpfen; nian kennt sie alle, mehr oder weniger. Die Helden aber, die still und zurückgezogen ihre seelischen Siege ausfechten, von ihnen weiß Niemand etwas zu berichten. Und doch! Wie groß und rein steht ihr Leben vor uns als ein herrliches Beispiel und wie erhebend wirkt es auf unser eigenes Herz. Ein solcher Held, von dem nian nie sprach und der doch im reinsten Sinne des Wortes ein Held war, ist Meier Ettlinger gewesen. Er ist nun schon viele Jahre lobt, in meiner Seele aber ist er lebendig geblieben. Ich liebte ihn, aber ich wagte nie cs ihm zu sagen. Denn als ich ihn lieben lernte, war ich ein Kind. Ich verehrte ihn, aber er wußte es nicht. Er war mein Erzieher und wußte cs nicht . . . Damals, als ich ihn zum erst n Mal begriff, da war er wohl ein Fünfziger und ich ein dreizehnjähriger Knabe. Er trug schon den Keim des Todes in sich und war dennoch der Lebendigsten Einer. Wir saßen aut einer Bank im Schtoßgarten zu K. und aßen unser Frühstück und unterhielten uns. Er nahm aus meinem Gespräch wahr, daß ich mich auf dem besten Wege befand, ein Atheist zu werden. In welches Feuer gerieth nun dieser graubärtige Mann. Er schimpfte nicht und fluchte nicht, er ereiferte sich auch nicht; mit der ganzen Gewalt aber seines ehernen Glaubens senkte er Tropfen um Tropfen einer balsamischen Liebe in mein empfängliches Geniüth, eine unerschütterliche Liebe für das Judenthum und ein tiefes Mitleid für die Juden. Er brachte mich zu Thränen und wußte mir begreiflich zu machen, daß ich etwas Unerreichbares verlieren wollte. Damals im Schloßgarten zu K. war er mein Vater. Er streichelte meine Wangen und wenn er sprach, so sagte er nicht anders zu mir als: „Mein Kind! Mein liebes Kind!" Und wohl that es mir, dem armen, von der jüdischen liautevo!6e verachteten Jungen, von diesem reichen, seelenreichen Manne geliebkost zu werden. Damals wußte ich: wenn ich ihn verliere, verliere ich mich selbst. In der Synagoge hörte nian Keinen lieber beten, als ihn. Am Jom-Kippur verstand er es, die Herzen aus den Fugen reißen und Bösewichter zu bekehren. Jedes Wort, das seinem Munde entquoll, war geläutertes Erz. Es waren viele in der Synagoge, die den Sinn des schweren Hebräisch nicht verstanden, aber Alle fühlten, daß dieser Mann nicht umsonst heiße Thränen vergoß und sie beteten Alle mit und thaten Buße. Eine jüdische Sage erzählt, daß einst ein frommer Manu gelebt, dessen Mundeshauch so heilig war, daß Vögel, die an seinem offenen Fenster - wo er lernend saß — vorüberflogen, von seinem Odem getroffen, todt zur Erde fielen. Wenn sich eine Sage um Meier Ettlinger bilden sollte, so wird sie sicherlich umgekehrt lauten. Alles Todte vermochte er mit dem Odem seines Geistes neu zu beleben . . . Er ist todt ... an einem Freitag trugen wir ihn hinaus. Gott erfüllte ihm seinen letzten Wunsch und ließ ihn an einem Erew Schabbos vor den höchsten Richterftuhl treten. Die Söhne standen am Grab und weinten; der Eine verzagt, der Andere gefaßt, der Dritte hülflos, der Vierte gebrochen. Ich stand ganz seitab und sah, wie man die Erde auf den Sarg schüttete und hörte die Schollen dröhnen. Und mir war, als hätte man mein Bestes mitbegraben; aber keiner sagte mir das „Hamokaum jenachem . . ." * * Am Jahrzeitstage zünden die Hinterbliebenen eine Kerze in der Synagoge an und weihen den Tag dem großen Todten. Sie denken an dem Tage ganz besonders des Verblichenen. Ich habe das ganze Jahr das Jahrzeitlicht brennen, das mich fort und fort an ihn erinnert. Es ist die Flamme seiner Liebe, die in meinem Herzen lodert . . . I. E. Poritzky, Berlin.

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