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Der Israelit · 1898-12-22 · Heft 101 (22.12.1898) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 101 (22.12.1898)
Date
1898-12-22
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1895 es mit dem Vorurtheil, mit einem Ueberbleibsel finsterer Barbaren aufzunehmen, soll es nicht wundern, wenn er eines schönen Tages vor dem mächtig anstürmenden „Jdeenstrom" zurückweichen und es beauemer finden sollte, anstatt gegen diesen Strom, schön gemächlich mit ihm zu schwimmen! Oh —" stöhnte er aus tiefer Brust auf. Rudolf wechselte jäh die Farbe. Die Aufregung benahm ihm fast den Athem. „Welch' ein Vergleich das —", stieß er hervor. „Ein unfehlbar richtiger," entgegnete der Profesfor fest. „Wer einen Streit, und in den meisten Fällen einen erbärmlich nichtigen, nicht durch das Recht, sondern durch die rohe Gewalt schlichten will, die eventuell einen Mord zur Folge haben kann, der hat thatsächlich aufgehört, auf dem Boden des Judenthums zu stehen!" „Ach nein," wehrte Rudolf ab, „es hat auch im jüdischen Alterthum Fälle gegeben, wo Gegensätze durch den Zweikampf, durch die Bethätigung des persönlichen Muthes entschieden wurden, und ich will bloß an den Zweikampf Davids mit Goliath erinnern, welcher," setzte er mit feiner Ironie hinzu, „wohl kaum ftattgefunden hätte, wenn David von ähnlichen Grundsätzen erfüllt gewesen wäre." Ter Professor neigte den Kopf vor, zog die Augenbrauen zusammen und schaute seinen Sohn mit einem langen, scharfen Bkick ins Angesicht. Um seinen Mundwinkel schwebte ein böses Lächeln. „S—o—", sprach er gedehnt, „die Parallele ist nicht schlecht: Du und David! — Ja, nenne mir doch das hohe ethische oder religiöse Ideal, für welches Du im Begriffe stehst. Dein Leben aufs Spiel zu s. tzen? O ja — cs hat unter uns Juden zu jeder Zeit Männer gegeben, die ihr Leben für ihre U Erzeugung einsetzten, aber solche die bereit gewesen nären, cs in sogenannten elenden „Ehrenhändeln" zu verzetteln, solche hervorzubringen, blieb unserer Zeit Vorbehalten! —" „Ich befinde mich in einer Zwangslage —" murmelte Rudolf verwirrt." „Trotz meiner eindringlichen Ermahnung als Freund, Vater und Jude . . .?" „Du kannst mir doch nicht zumuthen. —" „Was kann ich Dir nicht zumuthen?" schrie der Professor, dem der Geduldfaden geriffen, von seinem Sitze aufspringend . . . „daß Du meinen guten, makellosen jüdischen Namen nicht mit einem lächerlichen Schimpf beladest? Allerdings muthe ich Dir das zu, ja — ich gebiete es Dir . .!" Er schlug dröhnend mit der Faust auf den Tisch auf. Auch Rudolf Hane sich erhoben; er war sehr bleich geworden, sein Auge hatte allen Glanz verloren. „Vater," sprach er mühsam mit zitternder Stimme, „wenn ich mich in Allem willenlos Deinem Worte beuge — in einem kann ich es nicht. . . . Kein Mensch, und wenn es auch der Letzte wäre, soll mich je scheel ansehen und nur den Schein einer Feigheit vorwersen dürfen! — Nein! . . . . Die Mutier war hinzugekommen und legte die Hand auf den Arm ihres Mannes, indem sie ihn bittend ins Antlitz schaute. „Max, um des Himmels willen, beruhige Dich." Er streifte unsanft ihre Hand ab und indem er dem hochaufgerichtetcu Sohn einen zornfunkelnden B ick zuwarf, trat er voll schäumenden Unmuths ans Fenster. Sie erfaßte mit ihren beiden Händen die Hand Rudolfs und blickte ihm unter Thränen voll Liebe in die Augen. Trotz des großen Kummers, den sie seinetwegen litt, erfüllte sie doch mütterlicher Stolz ob seiner mannhaft kühnen, entschlossenen Worte. „Rtldolf," bat sie mit bekümmerter Zärtlichkeit, „denke an unsere Liebe zu Dir. " „Wozu sagst Du mir das, Mutter," — sprach er leise mit vor Schmerz zitternder Stimme, „Du steigerst meine Qualen damit bis ins Unerträgliche." Sie las deutlich seine Leiden in seinem Angesichte und empfand Mitleid mit ihm. „Wohlan, versprich mir bloß das Eine, daß Dtt nicht heimlich, ohne Abschied von uns gehst. —" Er zögerte. „Mutter — kann ich Dir das versprechen d" „Ja, Du kannst cs," sprach sie mit hervorquellenden Thränen, „denn ich verspreche Dir, daß ich nichts nnternehmen werde, um Deine Absicht zu kreuzen." Sie sprach die Wahrheit. Ihr liebendes Herz war in diesem Augenblick bloß von der Sorge erfüllt, ihn nicht allein zum Kampfe ziehen zu lassen, im entscheidenden schweren Moment in seiner Rahe zu sein, um ihm für alle Fälle helfend beistehen zu können. Er fühlte das und versprach ihr, um was sie ihn bat. Der Vater trat vom Fenster weg und schritt mit düster zu Boden gesenktem Blick dttrchs Zimmer. Beim Tische blieb er stehen. „Merke Dir," rief er mit drohend ausgestrecktem Arm und erhobener Stimme, „daß meine Thürc, nachdem Du sie zu dem unseligen Gang verlassen hast. —" Halte ein, unterbrach ihn seine Frau entsetzt aufschreiend. „Nun wohl", murmelte er mit finsterer Entschlossenheit, „ich schweige, aber Du weißt, was ich habe sagen wollen!" — — — (Fortsetzung folgt.)

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