Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 101 (22.12.1898)
- Date
- 1898-12-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448857-2448951--47359-2497710- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1890 ungläubigen Führer so weit gingen, dem Volke seine Synagoge zu zerstören, durch heilbringende Trennungen ein Theil der Gemeinde wenigstens gerettet wurde, daß da aber, wo ebenfalls Männer, die öffentlich die Göttlichkeit der Thora leugneten, die Gesinnungen der Erwachsenen und den Unterricht der Jugend durch ihre Irrlehren vergifteten, wohl in müßigen Worten geklagt wurde, keine Hand aber sich zur rettenden That erhob, so lange die Synagoge nur unberührt blieb. Wie viele Gemeinden giebt cs in Deutschland, die nur dadurch dem Judenthume verloren gingen, weil ihre unjüdischen Führer zu klug waren, als daß sie durch Reformen im Gottesdienst die Augen der Menge auf ihre zersetzende Thätigkeit hinlenkten! Wie zahlreich sind die Gemeinden besonders im Osten unseres Vaterlands, wo fromme Gemeindevorsteher so urtheilslos waren, daß sie die Zukunft der ihnen anvertrauten Kehilo Gesetzesleugnern anvertrauten. Wenn es eine Entschuldigung für derartige Parnossim gibt, so liegt sie darin, daß nach dem Eingehen der großen alten Talmudschulen in Deutschland eine Zeit kam, wo ein sehr fühlbarer Mangel herrschte an Rabbinern, welche diesen Ehrentitel im alten und wahren Sinne verdienten. S. R. Hirsch, Dr. Lehmann b'N vor allen Andern hatten in flammenden und überzeugenden Worten vor den Zöglingen des Breslauer Seminars und früher schon vor einer ganzen Reihe von literarischen Vertretern des Umsturzes im Judenthum gewarnt. Man hörte sie nicht oder wollte sie nicht hören. Die Verlegenheit, in welcher sich die Gemeinden durch den Mangel an gesetzestreuen Rabbinern befanden, ließ in ihren Augen ein Jeden, der ein Diplom vorweisen konnte, das ihn für den Rabbinertitel berechtigt erklärt, prüfungslos für fein hohes und veranlworlungsvolles Amt gut genug erscheinen. Da kam vor bald drei Jahrzehnten Dr. Hildesheimer von Ersenstadt, seinem ungarischen NabbinatSsitze, wieder nach seinem Heimathkanöe zurück. Die kleine Schaar der Gesetzestreuen in Berlin hatte ihn zu ihrem Führer erkoren. Große Hoffnungen setzte man auf sein Kommen für das Erstarken des wahren Judenthums in Preußens Hauptstadt. Weit mehr als man damals ahnen und hoffen konnte, erwies sich jedoch feine Uebersiedtung nach Berlin einige Jahre später schon als segensreich für das ganze deutsche Judenthum, als es ihm mit göttlicher Hilfe gelang, durch muthigen Sinn und ausdauernde Kraft das Rabbinerseminar ins Leben zu rufen und von Jahr zu Jahr einer größeren Blüthe emgegenzuführen. Seit Gründung des Berliner Rabbinerseminars lehren an demselben hervorragende Talmudisten und Gelehrte von Weltruf neben dem nach so vielen Seiten hin hochbedeutenden Manne, der sein Gründer, unermüdlicher Förderer und Leiter wurde. Hunderte von Schülern haben in ben",25 Jahren zu Füßen des vielgeliebten Meisters gesessen. Eine stolze Reihe von Rabbinaten ist durch Schüler des Berliner Seminars würdigI besetzt. Alljährlich zeigt vor Allem das Zuströmen einer stattlichen Zahl für den heiligen Beruf des Thoralehrers begeisterter Jünglinge, welch' eine Nothwendigkeit die Gründung dieser Lehrstätte war, wie willkommen sie weiten Kreisen ist und wie sehr man ihre Wirksamkeit im Volke zu schätzen weiß. Die Jahresberichte des Rabbinerseminars lassen uns in ihrem wissenschaftlichen Theil die geistige Bedeutung seiner Lehrer bewundern, während der geschäftliche Theil uns von sich stetig mehrenden Erfolgen und von einer stets größer werdenden Zahl von Gönnern und Freunden erzählt. Bekannt ist, daß die werklhätigen Förderer des großen Werkes, wie die der meisten großen Unternehmungen nicht von selbst ihre klingende Hlfe dem Seminar anboten. Nur der rastlosen, nie ermüdenden Thätigkeit Dr. Hildesheimers verdankt es das Seminar, daß seiner idealen Thätigkeit durch tausende von größeren und kleineren Jahresbeiträgen die nötige, materielle Grundlage gegeben wurde. Wenn andere Lehrer die Ferienzeit der Erholung widmen Müsien, um ihre Kräfte zu erhallen und zu erneuern, so kannte Dr. Israel Hildesheimer n keine Ermüdung und die Zeit der Pausen in der Lehrtätigkeit, die Monate Niffan und Ellul sowie die Tage des Channkafestes brachten ihn nach allen Theilen Deutschlands und noch vielen Gegenden selbst des fernen Auslands, um unermüdlich durch persönlichen Besuch die einzelnen c'm 'bvz, Groß und Klein zu werklhätigen Förderern der heiligen Sache durch persönlichen Zuspruch zu gewinnen. Sellen wohl wurde freudiger gegeben. Selbst diejenigen, welche die Nothwendigkeit des Bestehens eines Rabbinerseminars nicht zu erkennen vermochten, gaben gerne und freudig, wenn sie die Ehre genoffen, einen Dr. Israel Hildesheimer in ihrem Haute zu sehen. In der Mitte der nächsten Woche Dienstag und Mittwoch werden sich ans allen Theilen Deutschlands ehemalige Schüler und Freunde des Seminars zusammenfinden, um gemeinsam dem AUgütigen zu danken für die wunderbare Hilfe, die Er .Tr dem großen Unternehmen geschenkt hat. In frohem Zusammensein wird man sich dann freuen der Blüthe der geliebten Anstalt. Die Freunde des Seminars, die sich nicht persönlich an der Feier betheiligen können, werden durch Glückwünsche und durch Spenden für die hohen Zwecke des Seminars ihre Anhänglichkeit zu zeigen suchen. Auch wir flehen zum Allgütigen, der so wunderbar bis jetzt geholfen, daß Er in Seiner Gnade weiter dem hoffnungsvollen Unternehmen Seinen Beistand leihe, auf daß das Berliner Rabbinerseminar auch weiterhin richtig ge-