Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 99 (15.12.1898)
- Date
- 1898-12-15
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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1867 pleine carriere gegen die Lichtung, woselbst die Franzosen lagerten. Als sie den Reiter erblickten, sprangen sie auf und zehn Gewehrläufe starrten ihm entgegen. „Halte!" rief es und Kalmes parierte sein Pferd. „Ca n mrad es!" rief er, „ne m’arretez pas!*) Ich habe Auftrag die Marschroute der Feinde zu verfolgen und habe mich deßhalb in preußische Uniform stecken müssen. Mein Regiment wird in längstens zwei Stunden hier sein und Camarades, wir haben Hunger. Also haltet mich nicht ans." Der Unterofsizier, der die Vorposten befehligte, trat vor und fragte nach dem Feldgeschrei. Daran hatte Kalmes nicht gedacht. Jetzt galt es, sich herauszureden. „Ich weiß nur unsere Parole," sagte er, „und die hieß gestern Sedan. „Bon,“ sagte der Unterofsizier, „so muß ich Sie durchsuchen." „Wenn Sie die Verantwortung für die Verzögerung übernehmen wollen, bin ich bereit" und Kalmes sprang von dem Pferde. „Aber wo soll ich untersucht werden?" Der Unterofsizier sah sich verlegen um. Endlich sagte er: „Kommen Sie mit." Kalmes nahm sein Pferd am Zügel und ging mit denr tlntcrossizier in den Wald. Er wollte sich nicht in der Plätze der Soldaten untersuchen lassen und lockte den Unterofsizier immer weiter ins Gehölz. Dabei unterhielt er sich mit demselben und wußte dessen Argwohn immer mehr zu zerstreuen. Als sie endlich eine recht dichte Stelle erreicht hatten, warf er sich aus den Ahnungslosen, schloß ihm den Mund mit seinem Taschentuch, um ihn am Schreien zu verhindern und band ihm nach kurzen Ringen die Hände auf den Rücken. Dann setzte er ihn vor sich auf sein Pferd und trabte davon. Unterwegs drohte er dem Gefangenen ihm seine Klinge zwischen die Rippen stoßen zu wollen, falls er den geringsten Versuch mache, zu sprechen oder sich zu rühren. Wie eine Bildsäule saß der llnteroffizier vor Kalmes und jetzt, da sie außer Schußweite waren, ließ er sein Pferd ausgreifen, um wieder auf deutschen Boden zu kommen. Das war nicht leicht für ihn, wenn er nicht einen großen Umweg machen wollte. Er mußte in der Nähe der französischen Vorposten vorbei und durfte doch seinem Gefangenen keine Gelegenheit geben, Hilfe herbcizurufen. Es wurde Abend und das Pferd zeigte Spuren von Müdigkeit. Da vernahm man Gewehr- und Artilleriefeuer. In der Nähe mußten die feindlichen ) Haltet mich nicht auf. Heere also an einander gerathen sein. Fester umspannte sein Arm den Gefangenen und seinem Pferde die Sporen gebend, sprengte er der Gegend zu, aus welcher das Feuer vernommen wurde. Aus einer Anhöhe erblickte er jetzt im Finstern einige Offiziere. Er konnte nicht unterscheiden, ob er Feind oder Freund vor sich hatte und ritt aufs Gerathewohl auf dieselben zu. Seinem Gefangenen sagte er in französischer Sprache: „Wenn Du ohne meine Erlaubniß Dich rührst oder auch nur einen Laut von Dir gibst, bist Du ein Kind des Todes." Der Gefangene nickte mit dem Kopse; doch zog ein Schein von Schadenfreude über sein Gesicht. Er hatte in den Offizieren Franzosen erkannt und hoffte, von denselben befreit zu werden. Da ertönten Hornsignale in der Nähe, einzelne Schüsse krachten und die Offiziere stoben, als ob eine Bombe unter sie gefallen wäre, auseinander und sprengten nach der Richtung, aus der Kalmes kam, zu. Jetzt erkannte dieser seinen Jrrthum, wußte aber auch sofort, was zu thun war. Mit weithin tönender Stimme erschallte sein Kommando: „Ganze Compagnie, Sturmschritt, Marsch! Marsch!" Als die Offiziere das Kommando aus der Richtung vernahmen, nach der sie fliehen wollten, stutzten sie, machten Kehrt und sprengten nach der anderen Seite direct in die feindliche Marschrichtung. Kalmes sprengte hinter denselben her, fortwährend Hurrah schreiend, daß er ganz heiser wurde. Jetzt tauchten Wachtfeuer auf und deuische Soldaten erschienen, umringten Verfolgte und Verfolger und nahmen erstere gefangen. Kalmes war froh, daß er endlich deutsche Truppen getroffen hatte, denen er Kunde von der Stellung des Feindes geben konnte. Wie er war wurde er nebst seinem Gefangenen ins Hauptquartier gebracht und stand bald — vor dem Kronprinzen von Preußen. Nachdem dieser von dem Kalmes begleitenden llnteroffizier, das was geschehen war, vernommen hatte, wandte er sich barsch an Kalmes: „Ich erwartete Dich früher zurück. Das Regiment, dem Du die Befehle gebracht hast, hat Dich überholt. Wo warft Du so lange?" „Hoheit" versetzte Kalmes, „wollen Sich gnädigst des zweiten Theiles des mir gegebenen Befehls erinnern, der es mir zur Pflicht machte, etwas über Stellung und Stärke des gegenüberstehenden Feindes zu erfahren. Auch diesen Befehl habe ich ausgeführt und bin ganz genau imformirt." „Ah!" sagte erfreut der Kronprinz, „das wäre ein Entschuldigungsgrund. Laß hören." Nun erzählte Kalmes, daß er, als er das Regiment auf dem Marsche getroffen, sich in der Nähe