Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 99 (15.12.1898)
- Date
- 1898-12-15
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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1868 seines Wohnorts befunden habe. Ein scharfer Ritt während der Nacht habe ihn dorthin gebracht, und er sei noch zur rechten Zeit gekommen, um noch den Segensspruch bei der Circumcision seines Erstgebornen sprechen zu können. Ohne sich länger als dazu nöthig war, aufzuhalten, habe er die Versäumniß durch einen tollkühnen Ritt weit in das feindliche Land wieder gutgemacht, einen französischen Unteroffizier gefangen und Kenntniß von der Stellung des Feindes erhalten. Als er geendet hatte, sah in der Kronprinz mit väterlichem Blick an und sagte: „Du hast uns einen großen Dienst geleistet. Mein königlicher Dank soll Dir nicht verloren gehen. Du bleibst fürs Erste bei meinem Stabe." Nun wandte er sich zu den Offizieren. Ordonnanzen kamen und gingen — man machte sich zur Schlacht bereit. Kalmes hatte das Glück als persönliche Ordonanz seiner Hoheit den Kronprinzen im Laufe des Feldzuges demselben seinen Muth, seine Treue und Ergebenheit öfters beweisen zu können und er erhielt als Anerkennung ftir den gefangenen Unteroffizier das eiserne Kreuz. Bei Gravelotte traf ihn eine Kugel und machte ihn felddienstuntauglich. Er wurde zurückbefördert und in einem Lazaret geheilt. Er behielt ein kürzeres Bein und hinkte ein wenig. Als er soweit hergestellt war, daß er reisen konnte, holten ihn seine Eltern ab und brachten ihn nach Hause, wo er unter der Pflege seiner Frau sich alsbald vollständig erholte. Sein Knabe gedieh prächtig und ließ ihn den Fehler vergessen, den er sich im Feldzug geholt hatte. Seine Frau und seine Mutter jedoch segneten die Kugel, die ihn getroffen hatte, denn sie hat ihn, so dachten sie, verhindert, noch weiter so tollkühne Streiche zu treiben und sein Leben aufs Spiel zu setzen. Kalmes konnte jedoch solche Reden nicht leiden und heute noch, würde er, wenn er von seinem Kaiser gerufen würde, mit seinem Sohne diesem Rufe Folge leisten. Er ist ein echter Deutscher und sein Wahlspruch heißt: Mit Gott für König und Vaterland. Ende- Unsere Illustration. Dieses Bild, Gedächtnißfeier für Rabbi Isaak Bar Scheschet, ist ein Produkt des ohne Frage zu den berühmtesten Orientmalern unserer Zeit gehörenden W. Gentz. Soviel sei jetzt erwähnt, daß Gentz große Studienreisen nach Spanien, Marokko und Egypten bereits im Jahre 1847 unternommen und eine besondere Vorliebe für das orientalische Sittenbild gefaßt hat, das er mit stets steigeudem Erfolge pflegt. In der Farben- und Sonnengluth des Südens ist sein Kolorit von großer Leuchtkraft, so daß er hierin die gepriefensten Koloristen der französischen Schule nicht nur erreicht, sondern durch häufig übertroffen hat. Ueber das vorliegende Bild schreibt Profesior Dr. Kaufmann aus Budapest: „Auf der akademischen Kunstausstellung in Berlin fesselte den Blick des Besuchers ein Bild, das mehr als ein glänzendes Kolorit durch die stimmungsvolle Behandlung des landschaftlichen Momentes und durch feines Gefühl in der Gruppirung seiner Gestalten aussällt: „Gedächtnißfeier des Rabbi Isaak Bar Scheschet in Algier, gestorben 1408", sagt der Katalog der Ausstellung von unserem Bilde. Sollten auch hier wieder einmal, dachte ich, die Steine geredet haben, wo die Geschichte schweigt? Sollten wir wirklich ein Datum, das uns die Literatur nicht überliefert hat und das darum bei unseren Historikern nicht zu finden ist, aus dem Berlner Bilderverzeichniß erfahren? Allerdings, so belehrte mich der Künstler selbst. Daselbe trägt zwei Inschriften in hebräischer und französischer Sprache, von denen Professor Gentz nur die französische mittheilen konnte. Sie lautet: | Le mommiBiil a eie re.sta.ure par la <0111muiiaute israelite d'Alger en l'liouneur du rabbin Isac bar Schichat ne en Espagne, deced6 a Alger en 1408 dans sa 82 ann6e, Alger, le 11. Aoul 1802. An einem Februartage war es, als Professor Gentz. da er gerade vor dem Grabmonumente vorüberging, von einem wundersamen Anblicke gefesselt wurde. Rings um das ungemein malerisch außerhalb der Befestigungsmauern am Meere liegende Grab Isaak Bar Scheschels entfaltete sich ein ungewöhnlich lebhaftes Treiben von ergreifender Feierlichkeit. Die Mehrzahl der jüdischen Bewohner von Algier erschien da. um entweder Spenden in das Almosengefäß zu werfen oder ein brennendes Licht im Grabhause niederzustellen. Eingeborene und Fremde, Männer und Frauen, die Jugend und das Alter versammeln sich da und drängen sich herzu, um am Grabe Bar Scheschettz den Zoll der Verehrung niederzulegen, die sein unvergängliches Andenken in allen Gemüthern der jüdischen Bevölkerung Algiers weckt. Und so innig und weihevoll wird heute, io viele Jahrhunderte nach seinem Tode, noch diese Feier begangen, daß der Künstler dabei das Bild jener Trauerszenen vor seinem Blicke aufsteigen sah, das ihn an manchem Freitag an der Westmauer des Tempels in Jerusalem mächtig bewegt hatte.-