Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 98 (12.12.1898)
- Date
- 1898-12-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1837 ertönt, nicht unangebracht, immer wieder daraus hinzuweisen, daß das Ziel der Juden nicht ist, ihre Nation wieder aufzubauen, einen Jndcnstaat zu grünaen, jüdisch-nationale Ziele zu verwirklichen. Noch muß Israel unter den Völkern zerstreut leben, mag cs auch Kämpfe und Anfeindungen bestehen, noch muß es ringen zur eigenen Vervollkommnung, zur Erfüllung seiner Misston, zur Verbreitung der Gottesidce. Israel leidet dabei und hat dabei gelitten, es ist, wie man in jüdischen Vereinen predigt, „degenerirt", in Sport und gymnastischen Künsten sind ihm andere Nationen über. Man begrüßt daher in gewissen Kreisen mit unverhohlener Bewunderung die Radau- und Raufjudcn, wie sie in Wien gedeihen, und deren Gebühren erst jüngst hier im Grätz- Verein von einem Recht s beflissenen verherrlicht wurde Man will jüdische Turnvereine gründen, gewiß — mens sana in corpore sano — man erkennt Ehanuka als Nationalfeft, berauscht sich an den Hcldenerscheinungen eines Juda Makkabi, Simfon :c. — gewiß — Israel hat bei seinem tausendjährigen Ringen um seine Fortcristcnz, da es im Ghetto jeden Augenblick Verfolgungen imb Bedrohungen zu gewärtigen hatte, in seinem Kampfe für seinen Glauben und seine idealen Güter sich körperlich nicht frei entwickeln und harmonisch ausbilden können. Aber — dank der unversieglichen Kraft ihres Glaubens, dank ihrer Begeisterungsfähigkeit, haben unsere Väter trotz schwerer Gefahren nicht den Glauben an die Zukunft, an die Entwickelung, den Fortschritt der Menschheit verloren. Sie haben nicht, wie die modernphilosophisch gebildeten Zionisten unserer Tage an dem Durchdringen der Wahrheit gezweiselt, sie sahen ihre Aufgabe darin, durch Pflege ihrer Religion, durch Uebung ihres Geistes im Denken und Forschen das Judenthum zu erhalten. Mit Hülfe physischer Kraft, durch Centralisirung und Monopolisirung jüdischen Geistes und Geldes, das Judenthum vor Zerfall, vor Verhöhnung und Verspottung zu bewahren, lag ihnen fern. Allerdings —■ auch der Zionismus ist eine ideale, humanitäre Bewegung und verdient in seinen Bestrebungen, den bedrängten Juden im Osten zu helfen, die Sympathie und Unterstützung jedes wahren Juden. Sein Kämpfen gegen den Jndifferentismus, das Beleben des Interesses für jüd. Geschichte und Litteratur, es verdient und findet wohl auch überall Entgegenkommen und Förderung, doch das Gepränge, mit dem die Zionisten auftretcn, das Jubiliren über eine Audienz bei einem mächtigen Herrscher, wodurch nie erfüllbare Hoffnungen erweckt werden, das Schüren des Rassenhasses zu Gunsten des Nationalstolzes, es darf nicht überhand nehmen. Aufgabe des Judenthums bleibt immer noch, unter den Völkern zu wirken, -für seine ideale Bestimmung zu leben. Der Zionismus ist nur insoweit zu begrüßen und zu dulden, als er (nach den Worten des Dr. Herzl) „Rückkehr zum Judenthum vor der Rückkehr in's Judenland" bedeutet. Möge er sich zur wahren, idealen Höhe des Judenthums emporringen, wie einst Jacob 31t Israel, dann werden auch wir Zionisten. Ahaus. Wer die verschiedenen Artikel aus dem Elsaß gelesen hat, die im Laufe des letzten Jahres die Spalten des „Israelit" geschmückt haben, mußte unbedingt zur Ansicht gelangen, daß die elsässischen Juden Engros sind. So schlimm, wie es den Anschein hat, steht es aber nun denn doch nicht. Mau geht dort, z. B. in meinem Heimathsort täglich zweimal, in den ^vv-Tagen sogar dreimal täglich zur Synagoge. Die Geschäfte sind sämmtlich rav streng geschlossen, rrortv und rrpe^et* hältnisse sind ganz gut geordnet und kaum dürften zwei im Orte sein, die nv'iv effen. So wie es aber zu Hause ist, steht es, wie ichs aus eigener Erfahrung bezeugen kann, noch in sehr vielen Gemeinden. Wun mag es auch wohl Gemeinden geben, auf die diese Schilderung nicht paßt; aber an solchen Gemeinden fehlt's leider auch in der Gegend nicht, in der ich augenblicklich weile und ich glaube auch noch in vielen andern Gegenden nicht. Als guter Elsässer kann ich mich übrigens nur freuen, wenn man die dort wirklich vorhandenen Schäden aufdeckt; denn wenn auch gewöhnlich Selbsterkenntniß als der erste Schritt zur Besserung gilt, so bleibt doch auch die Erkenntniß, die einem vonseiten anderer beigcbracht wird, öfters nicht ganz wirkungslos. Aber auch unter der Spreu findet man zuweilen noch ein Weizenkorn, und wo es noch so viel zu tadeln und zu kritisiren giebt, findet man doch bei gutem Willen auch wieder manches zu loben- So finden wir im Elsaß den Religionsunterricht in einer Weise geregelt, wie wir es hierzulande nur auch wünschen könnten. An der preußischen Elementarschule stehen uns für den gesummten Religionsunterricht wöchentlich fünf Stunden zu Gebote. Ich gehöre nun zwar nicht zu denen, die vom Unterricht in der Religion alles Heil für die Kindesseele erwarten, sondern gebe gern zu, daß Religion „Vorleben" mehr Mrth hat, als Religion „vorlehren". Aber gerade weil es am Vorleben heute so sehr fehlt, weil die guten Beispiele und Vorbilder so selten sind, sind wir gezwungen, in den Unterricht unsere ganze Hoffnung zu setzen. Für die christliche Volksschule mag ja die Zeit von fünf Stunden vollständig hinreichen. Kann sie aber auch für uns genügen, die wir außer der bibl. Geschichte und der systematischen Religionslehre, Pentateuch- und Gebetübersetzen, hebräische Grammatik, jüdisch und jüdischdeutsch Lesen und Schreiben betreiben müssen? Es wäre nicht uninteressant, auszurechnen, wie viel-