Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 97 (8.12.1898)
- Date
- 1898-12-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1814 Holland. Amsterdam, 6. Dez. Ihr gesch. Blatt von gestern bringt eine Correspondenz aus unserer Stadt, welche von Unrichtigkeiten wimmelt und durch Gehässigkeiten die fehlenden Gründe ersetzen will. Durch ein einzelnes, wahrscheinlich unvorsichtig niedergeschriebenes Wort verräth der Schreiber, woher der Wind weht. Er schreibt nämlich, daß das orthodoxe Judenthum der Niederlande den Gebrauch der Orgel beim Gottesdienst als eine „sündhafte Neuerung" betrachtet hatte. Also er selbst scheint es nicht so „sündhaft" zu finden. Nun, da ist es vollständig begreiflich, daß ihm konfessionelle Schulen zuwider sind. Ueber den Standpunkt solcher Leute und die erwähnten Unrichtigkeiten hoffe ich in einigen Tagen näheres berichten zu können. Heute will ich noch ein kurzes Wort hinzufügen über die völlig unwahre Bemerkung, der Oberrabbiner sei nur ein einfacher Beamter. Merkwürdig ist es, daß diese Aeußerung auch in einem hiesigen politischen Blatte vorkam, dann aber von anderer Seite daraus hingewiesen wurde, daß allerdings ein Rabbiner ein Beamter sei, aber nur in dem Sinne, wie Friedrich der Große behauptete „der Fürst ist der erste Diener seines Staates," und daß Minister auch Beamten seien. Alles was die Religion betrifft, also auch der Unterricht untersteht der Controls des Oberrabbiners, dahingegen ist er für seine Amtsverrichtungen keine Verantwortung schuldig. Für dieses Mal gebe ich Ihnen nur noch eine Abschrift des Briefes des Herrn Dr. Dünner, welcher den eigentlichen Streit hervorgerufen hat. Derselbe lautet: „Gerne komme ich Ihrem, in Ihrem w- Schreiben vom vorigen Mittwoch ausgedrücktem Wunsche nach, 11m Ihnen meine Ansicht mitzurheilen über den großen stutzen von consessionellen Schulen im Allgemeinen und im Besonderen über den Nutzen, den die Errichtung derartiger Schulen hier zu Lande haben würde- Wer die Art und den Charakter des Iudenthums kennt, weiß, daß unsere Religion feste und bestimmte Begriffe von Gott, dessen Vorsehung, Schöpfung. Offenbarung, Strafe ilnd Lohn verkündigt und von ihren Anhängern verlangt, daß sie diese als über jeden Zweifel erhabene Wahrheiten anerkennen: daß diese Begriffe mit den Sittengesetzen und ceremoniellen Vorschriften ein unzertrennliches Ganze bilden, so daß man sich schon beim Leugnen eincö einzigen dieser Fundamente außerhalb des Iudenthums stellt. (5s uutcrliegt also feinem Zweifel, daß nur derjenige diesen strengen Forderungen entsprechen kann, dessen Weltanschauung eine Erziehung zu Grunde liegt, die von frühester Jugend an in der genannten Geistesnchstmg entwickelt und gepflegt ist. Unzweifelhaft ist jedoch der Elementar-Unterricht einer der wichtigsten Faktoren der Erziehung. Wie sollte nun eine schule, die mit den genannten Forderungen deS IudeuthumS keine Rechnung hält, noch hasten kann, der jüdirchcn Seite der Erziehung genügen d Schon im Hinblick auf diesen Umstand sind eonsessionelle Schulen für das Heil des Iudenthums unentbehrlich. Immer noch würden die allgemeinen confessionsloseu Schulen keine Gefahr für das Bestehen des Iudenthums bieten, wenn sie nur ihrer ursprünglichen Bestimmung treu geblieben wären, wenn sie nur ihren neutralen Ehararter treu gewahrt hätten. Sie würden dann wohl die Blüthe unserer Religion nicht gerade gefördert, aber ebenso wenig ihre Lebenskraft geschwächt haben. Wenn der Unterricht wirklich neutral wäre, wenn die Lehrer, Anhänger einer Religion, deren Sittcnlchrc der des Iudenthums tm allgemeinen ähnlich, sich beim Unterricht aller rein cottfeffioitcUen Bemerkungen enthielten, und sich allein auf die hiev intb da unvermeidlichen sittlichen Betrachtungen beschränkten, dann würde die neutrale Schule mit dem Iudentbnm nicht feindlich Zusammenstößen. Uub diese Erwägung war cs auch, die die bedeutendsten Männet des vorigen Geschlechtes bestimmte ihre Zustimmung zu geben zur Aufhebung der rh'eligionöschulen fürKinder aus dem weniger bemittelten Staude, in den jüdischen Gemeinden unseres Landes. v\m Verstauen aut den Geist, der damals den Lehrer stand beseelte, durfte mau sich versichert halten, daß der Unterricht ueatral bleiben würde. Seit jener Zeit jedocti ist vieles, sehr vieles tu rändert Die Weltanschauung der heutigen Generation ist im heftigen Streit mit der der vergangenen, nicht allein in Anbetracht der ökonomischen, socialen und rein religiösen Fragen, sondern auch der Sittlichkeitsbegrisse. Der Lehrerstand wußte sich nicht freizuhaltcn von dem religiösen Einfluß der neue» Welt anschauuug. Nicht wenig Lehrer wurden von dem modernen Geist in seiner heutigen Gestalt nicht allein beherrscht, sondern treten auch als dessen eifrige Verkündiger auf. Unter solchen Umständen ist es beinahe undenkbar, daß solche Lehrkräfte nicht indirekt trachten sollten, dasjenige, was sie für wahr und richtig halten, in Herz und Gemüth ihrer Schüler zu verpflanzen. Der fromme jüdische Vater würde dann, wenn er seine minder von solchen Brutstellen der Irreligiosität nicht sorgfältig fernhielte, selbst dazu beitragen, das urewige, starke Gebäude unserer Religion zu unteriuiliiren. Gegen diese Gefahr kann allein die eorrfessionelle Schule schützen, nicht allein in unserem Lande, sondern auch überall da, wo der Geist unserer Zeit einen so überwältigenden Einfluß bekommen har." (Auch wir möchten die Errichtung konfessioneller Schulen auf das wärmste befürworten. Red. d. Jsr., Vermischtes. Rawitsch, 26. 'Jim'. Zu dem Kommentar zu unserem vergaugeueu Wochenabschuitt sagt Ralchi, der Verzug eines Edlen sei für die Zurückbleibendeil ein herber Verlust, min nj2 ,nn HjD ,min rur. Tic Behauptung deS gro ßen Weisen kann auf daS Ableben der Frau Pauline S t e r n ü e r g in einem Alter von 7t) Jahren 'Anwendung sin - den. Denn wahrlich vielen Armen, denen sie in der Roth eine Stütze war, werden ihren Weggang aus dem Irdischen schmerzlich empfinden. sc>ie war eine edle, fromme, liebenswürdige H-rau, eine?Tt im wahrsten Sinne des Wortes. Rächte über saß sie bei Kranken Nicht weniger als vierzehn Waiseninädchen hatte sie verheiiatlier. Hierbei scheute sie nicht, einen Weg van mehreren Merlen zn Fuß zurnckziilegen, wenn es galt, ein derartiges Liebestverk anSzuführen. Ihr heißester Wunsch, diese Zahl aus eine „Mandel" zu bringen, wie sie sich auszudrücken pflegte, sollte ihr leider nicht in Erfüllung geben. Stets gab sic in schonender Weise. Von