Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 96 (5.12.1898)
- Date
- 1898-12-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1794 o''v'Jeier in den Weg kam. Der wich man nicht aus. Man konnte dort so recht den Eindruck gewinnen, daß der verknöcherte Talmud der Fabel angehört; heiter, sogar sehr heiter konnte man mit dem Folianten in der Hand sein. Der pan vr, der beim Schluß der rn-sr: gesprochen wurde, hat einen Inhalt, der die Theilnehmer zu neuem Muth anspornt, und die verschiedenen Autoren, die darin genannt sind, »ree "2 'vi XBB *u»:r mbb 2 for: könnten einem modernen Lileraturverein biographischen Stoff für eine ganze Semestralvorlesung geben. Das ist die Prägung der alten Literaiurvereine. Ganz anders ist die der neuen. Sind sie zweckfördernd und erreichen ste das Ziel? — Diese Frage kann man nach den bisherigen Erscheinungen, ohne daß man als Ketzer verschrieen werden darf, ruhig verneinen. Seit zehn Jahren prangt das Banner der Literaturvereine, viele haben sich um dasselbe geschart und den Siegeszug (?) begonnen. Prüft man aber die Erfolge, fo lassen sie keinen Zweifel über den Werth oder Unwerth dieser neuen Einrichtung. Wir geben zu, daß hie und da werthvolle Schätze aus dem tiefen Schacht hervorgeholt wurden. Sie selbst, Herr Redacteur, haben ja über einige bedeutsame Vorträge berichtet, stattlich auch ist die Zahl der Schristen, die der neuen Gründung ihr Erscheinen verdanken, und vor allem finb Dttfe Vereine ein gute» Absatzgebiet für die Autoren. Mit der Zahl der Vereine wächst die Zahl der Bibliotheken, und Ne müssen doch die neuen Schriften ankaufen. Das Bewußtsein, daß die jüdische Literatur ungeheure Wissensschätze birgt, hat in vielen Köpfen Wurzel gefaßt; die Kreise, in denen man bislang naserümpsend an allem, was jüdisch ist, vorüberging, sind zu dieser Anerkenntniß gebracht worden. Auch der „liberale" Jude hört einen Vortrag aus dem jüdischen Wissensgebiet an, er bringt dem Verein seinen Tribut ebensogut, wie er ihn dem Künstler im Concert und der Solotänzerin auf der Bühne nicht vorcnihält. Was aber ist für das Judenthum gewonnen, wenn manche Dame ihren neuen Hut in den: Vereinssaal zur Schau trägt, ihr Gatte sie dorthin begleitend, von den Geschäften des Tages ermüdet, nach den ersten zwanzig Worten des Redners in einen sanften Schlummer verfallen ist, aus dem er oftmals erst durch das Bravoklatschen der Spätgekommenen erwacht? Die Bibliotheken werden fleißig benutzt. Von den reinmisienschaftlichen Werken wird aber erfahrungsgemäß der aüerspärlichste Gebrauch gemacht, die Unterhaltungsschriften werden vom Leserkreis verlangt. Unter diesen ist aber vieles, was nicht in diese Bibliothek gehört, sie tragen nicht« weniger als zur Förderung des Wissens bei. Enthält sogar manche als „Jüdisch" sich bezeichnende Volksbibliothek Dinge, die eher in eine antisemitische Bibliothek passen würden. Das Hauptgewicht soll in der Abhaltung von Vorträgen liegen. Durch diese jedoch wird den Hörern nur eine Mustcrkarte von Anschauungen, Zeitverhältnissen, Kulturskizzen geboten; die einzelnen Vorträge stehen in gar keiner Beziehung zu einander. Völlig unbegreiflich bleibt es gar, welche Förderung jüdisches Wissen durch jene Vorträge erfahren soll, deren Inhalt eigentlich mit demselben gar keine Beziehung hat. Es mehren sich immer die faden und platten Themen, wie Heine und das Judenthum, Göthe, Schiller, verschiedene Herrscher und das Juden- Ihum, u. dgl., so daß sich die jüdischen Blätter vor Berichten über abgehaltene Vorträge mit „kolossalem Erfolg" gar nicht mehr zu helfen wissen. Die Biographien irgend eines berühmten Glaubensgenossen gehören schon zu den besseren Vorträgen. Die Redner müßten sich in dieser Hinsicht mehr Zwang auserlegen, sie müßten ihre Hauptaufgabe darin erblicken, aus dem Schriftthnm herauszutesen, es allseitig zu erschließen, aber nicht Stoffe hineinzuzwängen. Will ein Lileraturverein mit Erfolg arbeiten, dann muß eine methodische Form dafür gewählt werden, und nur ein schulgemäßes Verfahren darf hier zur Anwendung kommen, wenn die Vereinigung über dem Niveau gewöhnlicher Vergnügungs-Vereine stehen soll. Der Fehler, daß in den Schulen zu viel Unwesentliches im hebräischen Unterricht getrieben wird, rächt sich bitter. Wenn der Knabe die Schule verläßt, nrüßte er die prophetischen Bücher durch Proben schon kennen gelernt haben. Eine Auswahl bieten die Haftoras, es kommen fast alle Propheten darin zur Geltung. Es müßten Kurse errichtet werden, in denen das Rabbinische gepflegt würde und zwar so, daß die Mitglieder aktiv daran betheiligl wären, indem sie vom Leichteren zum Schwereren geführt würden. Fn der jetzigen Verfassung hält der Literatur-Verein meist seinen Sommerschlaf und nur im Winter erwacht er zu neuem Leben. Wenn er nicht regelmäßig bei der Arbeit ist, so geht der Gewinn des Winters durch die Ruhe im Sommer verloren. Im Perck mirn p;p sind die Lebensregeln aufgezählt, welche zur Erlangung von Thorakenntniß führen. In den „Sprüchen der Väter" heißt aber ein Satz mwen xbx tmen x\ Diesen wunden Punkt wollen wir gar nicht berühren. Würden wir uns damit beschäftigen, so müßten wir den Stab über die Mehrzahl der Literaturvereine brechen. Es wäre einseitig, wenn die Literatur-Vereine nur — es sei oer Ausdruck gestattet — das Schöngeistige oder das Ethische zum Gegenstand hätten. Wae fangen sie aber mit dem Material an, das wir praktisch im Leben zu üben haben? Es ist doch eine merkwürdige Erscheinung, der man vielfach begegnet, wenn die sogenannten Literaturfreunde ohne ohne ns^-jurechtkommen. Das sind in kurzen Zügen die Mängel der Lite-