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Der Israelit · 1898-12-01 · Heft 95 (1.12.1898) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 95 (1.12.1898)
Date
1898-12-01
Page
– (sequence 19)
Language
German
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,-r.-^7W.g=-^rySS-Jg?Tryx- 1787 Zeitungsnachrichten und Correspondenzen Deutschland. Frankfurt a. M, 15. Nov. Gestern hielt im „Verein für jüdische Geschichte und Literatur" Herr Dr. A. Stern von hier einen sehr beifällig aufgenommenen Vortrag über die M e d izin des Talmuds. Der Redner hatte sich die Aufgabe gestellt einen Einblick in das Wesen und System der talmudischen Medizin zu geben und die Methode ihrer wissenschaftlichen Arbeit zu kennzeichnen. Ein medizinisches Schriftwerk aus jener Zeit existirt nicht mehr. Demgegenüber wiffen wir, daß in der Hochschule zu Jabneh, gegründet von R. Jochanan ben Sakkai Medizin dozirt wurde?) Eine volle Einsicht in das medizinische Gebiet zu gewinnen, ist sehr schwierig, weil der Talmud medizinische Dinge nicht um ihrer selbstwillen bespricht, sondern nur insoweit sie selbst unter Gesetz gestellt werden sollen, oder zur Klärung der Diskussion eines Religionsgesetzes sich einfügen. ' Aber die hygienische Nebenansicht des Gesetzes geht aus den verschiedensten Stellen der Bibel und des Talmuds hervor. So verbietet der Talmud das Fleisch eines von einem tollen Hunde gebiffenen Thieres nicht wegen Trefa, sondern wegen der damit verbundenen Lebensgefahr. Koch und Frentzius haben nachgewiesen, daß die Galle wuthkranker Thiere sehr viel Antitoxine (d. h. Gegengifte gegen Wuthkrankheiten) enthalte. In Joma wirft der Talmud die Frage auf, ob man einem wuthkranken Menschen die Leber (welche die Galle enthält) eines tollen Hundes zu essen geben dürfe. Allerdings wird es ausschließlich trotz des Einspruchs des Mathia ben Cheresch verboten, weil das Mittel nicht vollständig probat sei?) — Die Medizin und ihre Jünger, waren bei den Juden stets hochangesehen, während bei den Römern die Heilkunde in den Händen der Sclaven und Freigelassenen lag. Die Aerzte erhielten ihre Bestallung, jede Stadt mußte ihren Stadtarzt, jedes Sanhedrin seinen Arzt und Thierarzt haben?) ohne Erlaubniß durfte Niet> Diese Behauptung ist uns neu und scheint uns ohne Angabe der Belege als höchst unwahrscheinlich. Bon einem Stlidiu n der Medizin kann an der Hochschule von Jabneh wohl nur_ mit der Modifikation die Rede sein, welche der folgende ^atz dieses Berichtes selber ausspricht, Red. 2) Im Talmud (Joma Fol 88) ist in dem vorliegenden Falle nirgends von der Leber — 1JD — sondern von dem Zwerchfell "DDH liTl —- und nicht on jedem beliebigen, sondern nur von demjenigen tollen Hunde die Rede, von welchem der Bis; herrührt. Damil verliert die hier versuchte medizinische Begründung ihren ganzen Halt Red. 8) 2luch für diese Behauptung ist uns ein Beleg aus dem talmudischen Schriftthum nicht bekannt und bezweifeln, ob ein solcher überhaupt existirt. Red. mand praktiziren?) Wie aus einer Stelle aus Baba Bathra hervorgeht, war die Inanspruchnahme ärztlicher Hilfe eine sehr rege. Die Methode, nach welcher die Aerzte arbeiteten, war die rationalistischempirische, zu welcher unsere europäische Wissenschaft erst vor 200 Jahren gelangt ist, und auf welcher sie heute noch steht. Zum Aufbau des Systems benutzte man vor Allem die alten Traditionen, die durch die Berührung mit so verschiedenartigen Völkerschaften sich gebildet hatten, deren vorurtheilsfreie Beobachtungen am Krankenbett, Thierexperimente und Sektionen. Die eigenen Beobachtungen wurden hoch bewerthet, wovon Redner Beispiele bringt (R. Tarphon, R. Simon ben Chalafta u. A.). Bon R. Jirmijahu wird erzählt, daß er Vögel sezirte, um das Gehirn zu erforschen, wodurch ein Fortschritt erzielt wurde, der bei den Aegyptern nicht möglich war, weil ihnen nur das in ihren heiligen Büchern Niedergelegte galt. R. Jochanan warnte vor den Fliegen, die sich in der Nähe von Kranken aufhalten, welche mit Kopfausschlag behaftet sind, weil sie die Krankheit übertrügen — eine Sache, wovon die Griechen keine Ahnung hatten, und die uns erst im Licht der Bazillenlehre verständlich geworden. Nur von der Lungenschwindsucht ahnte Galon, daß sie übertragbar sei. Außer Körperuntersuchungen an Menschen finden wir auch Leichensektionen. Schon in den ältesten Zeiten ist von Einbalsamirung die Rede, wobei die Bauchhöhle geöffnet werden mußte. Zu wissenschaftlichen Zwecken und zu embryologischen Studien wurden, wenn auch äußerst selten, Leichen sezirt. So sezirten die Schüler des Rabbi Jsmael die Leiche einer Selavin, um die Angabe der Knochenzahl (248) auf ihre Richtigkeit zu prüfen. Das Interessanteste und Frappanteste ist die medizinisch-naturwissenschaftliche Anschauung der Talmudiften, die bei uns erst im 16. Jahrhundert zum Durchbruch kam und im 19. Jahrhundert zur Vollendung gedieh. Danach beruht jede Krankheit auf der anatomischen Eonstruktion und entsteht durch Veränderung der Organe. Erst seit Morgagai (1682) faßte der anatomische Gedanke festen Fuß, während bis dahin nur die Symptome betrachtet wurden. Im Talmud finden wir viele anatomische Schilderungen, schon der Begriff threpha — ein Zustand, in welchem das Thier nicht länger zu leben vermag — mußte zu genauen Krankheitsbeobachtungen veranlassen. Dieses anatomische Denken unterscheidet die jüdische Medizin vortheilhaft von der altägyptischen und persischen, besonders der maßgebenden des Hyppokrates (460 v. d. n. Z.) mit seinen vier Säften, von deren Mischung Gesundheit und Krankheit abhängen sollte. Nun wird oft behauptet, die talmudische Medizin sei 4) Aus Ivr dea .nap. 886 und den dort aus dem Talniud eitirten^Stellen ist das Gegentheil ersichtlich. Red.

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