Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 95 (1.12.1898)
- Date
- 1898-12-01
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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XXXIX Jahrgang. Zweite Beilage jtt M 95 -es ^Israelit". Leitender Artikel. Die EMNgMtkM der f itöen in FranKreilh.^ Aus den Quellen bearbeitet von Prof. Emanuel Leser. (Fortsetzung.) II. Die Revolution Als um die Mitte des Jahres 1788 der französischen Nation von ihrer Regierung das Zusammentreten von Generalstaaten in Aussicht gestellt wurde, von frei gewählten Vertretern der Staatsangehörigen aller Klaffen, da schlug das Wort wie ein Funke ein überall in den weiten Gauen des Landes, erleuchtend, zündend, aber auch die Gegensätze scheidend; es erfolgte zuerst offen und bewußt der Bruch des gesammten Volksgeistes mit dem Bestehenden — eine Revolution. Die Wahlbewegung erhält ihre Bedeutung durch diese geistige Revolution, die sich in ihr ausspricht, bei der Masse des Volkes, den Wählern, wie bei den hervorragenden Geistern, den berufenen Vertretern der Nation. Und wenn diese letzteren in schriftlichen Denkmälern die Gesinnungen niedergelegt haben, von denen eine erleuchtete Minderheit bewegt wurde, so boten merkwürdigerweise gerade die mittelalterlichen Zustände, auf deren Untergang es abgesehen war, die Formen, in denen auch der schlichte Bürger, der ungebildete Bauer, der seine Erfahrungen und Gefühle nicht zu einem geschloffenen System zu gestalten verstand, dennoch die Regungen, die ihn erfüllten, niederlegen konnte als Unterstützung einer gewaltigen Umwälzung, als Zeugniß einer großen Zeit. Die ständige Verfassung gebot, daß den Abgeordneten von ihren Wählern schriftlich abgefaßte Aufträge mitgegeben wurden, Hefte mit den „Klagenund Beschwerden 0" der einzelnen Stände und Gebiete, welche der Gewählte zu vertreten hatte. Die Abfassung dieser Hefte, der Cahiers, zu denen jeder Wahlberechtigte seinen Beitrag liefern konnte, ist als der eine Theil der Wahlhandlung zu betrachten, der uns einen Blick gestattet in die Gesinnungen des Volkes. In einer äußerst großen Anzahl von Cahiers, sei es, daß sie von Corporationen der Geistlichkeit, des Adels oder des dritten Standes ausgehen, geschieht der Lage der französischen Akatholiken Erwäh- ) Siehe Nummer 87 de-? „Israelit". 4 Plaintes et doleances ist ein offirietfer Ausdruck für die Cahiers. nung. Dieser Ausdruck war von der Regierung in öffentlichen Urkunden zur Bezeichnung der im Lande wohnenden Reformirten wiederholt gebraucht worden^), und er wird daher, wenn wir die Ansichten kennen zu lernen suchen, welche über die Stellung der Juden bestehen, nicht unbedingt als auch auf diese bezüglich gefaßt werden dürfen. Immerhin aber können die Ideen, welche das Volk über eine Klaffe seiner Mitbürger äußert, die wegen eines von der Staatsreligion abweichenden Glaubens bisher Zurücksetzungen zu erleiden hatte, zugleich als ein Maßstab dienen für die Vorstellungen, die man sich wohl über die Zukunft der Juden machte, da wo besondere Auslassungen über sie nicht vorliegen. Wenn schon in allen Fragen der Politik, so sind namentlich über die Gegenstände, die wir betrachten, die Meinungen getheilt nach den Ständen, von denen sie ausgesprochen sind. Wie begreiflich, ist die Geistlichkeit am wenigsten zu Zugeständnissen an die Akatholiken bereit. Sie kann sich nicht verhehlen, daß Anhänger des lutherischen und calvinischen Bekenntnisses sich im Lande finden; aber was sie diesen gewährt wissen will, ist auch gerade 'nur die Duldung und die Anerkennung ihrer Existenz. Sie protestirt auf das Entschiedenste gegen die Gestattung eines fremden Cultus, der in gleicher Oeffentlichkeit mit dem katholischen sich zeigen dürfte; sie verlangt ferner, das kein Akatholik eine öffentliche Stellung im Staate einnehme; keiner soll ein Amt bekleiden, ein politisches Recht ausüben. Es ist leicht, aus solchen Gesinnungen gegen Protestanten und Reformirte abzunehmen, was der Clerus über die Stellung der Juden gedacht haben mag. Daß er auf die Verbesserung derselben keinen Bedacht nahm, leuchtet aus.dem Schweigen der Mehrzahl seiner Cahiers hervor, und wo er spricht geschieht es, um neue Bedrückung heraufzubeschwören. Die Geistlichkeit von Colmar und Schlettstadt im Oberelsaß tritt in maßlos heftiger Weise gegen die Juden auf. Sie stellt die Juden als den moralischen und materiellen Verderb des Landes dar und verlangt gegen ihre weitere Verbreitung den Schutz der Regierung; als das barbarische Mittel dazu wird empfohlen, daß künftighin nur dem ältesten Sohn jeder jüdischen Familie die Verheirathung gestattet werde °). Wie sonst häufig wird 5) Hauptsächlich wohl, weil man ihnen den Namen Reformirte nicht zugestehen wollte- 6) Les Juifs, heißt die betreffende Stelle, par leurs vexations, leurs rapines, la duplicite eupite dout ils offrent de si pernieieux exemples, sont la priucipale cause de la unsere du peuple. Ils ont eteint toufc sentiment d’energie et ont amene la depravation morale dans cettte classe iuferieiire renommee auttrefois en ce pays pour sa foi germaine- Leur etonnante pullnlation d’aprds des ealeuls va crois.