Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 95 (1.12.1898)
- Date
- 1898-12-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1771 und Geschäftsleben der Juden überall zu allen Zeiten zum Ausdrucke gelangt. Freilich gab es und gibt es auch jüdische Sünder und Verbrecher ebensowohl wie es deren außerhalb der jüdischen Religionsgemeinschaft gegeben hat und gibt. Das Vertrauen aber, welches der bürgerlich und sozial verachtete jüdische Handelsmann im Großen und Ganzen mährend der trübsten Zeilen bei seiner andersgläubigen Kundschaft genoß, legt ein glänzendes Zeugnitz für seine Redlichkeit, Rechtschaffenheit und Loyalität ab. Auch die vor wenigen Jahren angestellte Enquete über den von Juden auf dem flachen Lande betriebenen Zwischenhandel ergab durchweg trotz der theilweise antisemitischen Färbung der Berichterstatter ein sehr günstiges Resultat für die Redlichkeit und Zuverlässigkeit des jüdischen Kaufmanns auf dem Lande. Vor Allem aber fei es die große Institution des Sabbats, welche wie keine andere als der Erzieher des jüdischen Kaufmanns die Pflege aller Tugenden an ihm vollzieht. Der Sabbat adelt die werkthätige Arbeit und gestaltet das Erwerbsstreben zu einer Gott dienenden Pflichtübung. Er lehrt den Menschen begreifen, daß für sein Nahrungsstreben allerdings die sechsrägige Wochenarbeit von Gott gefordert werde, aber nicht mehr — den Segen und das Gedeihen habe Gott sich Vorbehalten, ihm zu spenden. So schützt der Sabbat vor Habgier und Geiz, vor Unredlichkeit und Ausbeulung, so stählt er des Menschen sittliche Kraft und schützt ihn, daß er nicht zum Sklaven des NahrungSftrebenS werde. Streicht man den Sabbat aus des jüdischen Kaufmanns Leben, so verfällt er haltlos eben jenen finstern Mächten, die den Kaufmann zum gemeinen Schacherer degeneriren lasten. Freilich vollzieht sich diese Methamorphose nicht im Augenblicke. Das Erbe der sabbalseiernden Ahnen ist ein zu reiches, als daß es so schnell aufgezehrt werden könnte; und wir leben buchstäblich von dem uns hinterlastenen Kapitale. Wenn wir es nicht erhalten und mehren, so werden unsere Kinder und Enkel bettelarm sein. Der wahrhaft jüdische Kaufmann vollsührt an seinem Thette den priesterlichen Beruf, zu welchem Gott den jüdischen Stamm geschaffen, als ein Glied des großen Gottesheeres, da« der Prophet Obadja in der Verbannung weithin über die Erde zerstreut als das Handels vo lk geschaut hat, welches als der Heilbriuger dereinst den Zionsberg wieder ersteigen wird, nachdem es als der Gottesbote das Gottesreich verkündet und mit dessen Einzuge seine weltgeschichtliche Mission vollbracht haben wird. — Ueber die allsettige Anerkennung, die Herr Hirsch für diese seine herrlichen Ausführungen erntete, haben wir bereits berichtet; möge es Herrn Hirsch vergönnt sein, auch fernerhin zum Ansehen des gesetzestreuen Kaufmanns in so hervorragender Weise beizutragen. H. B. Zeitungsnachrichten und Correfpondenzen. Deutschland. Hamburg, 24. Nov. Zwei Vorträge waren es, welche unser Interesse im Laufe der Woche in Anspruch genommen hatten. Im Verein für jüdische Geschichte und Literatur hielt Herr Bezirksrabbiner Dr. Löwenstein aus Mosbach einen Vortrag über jüdische Gemeindeverordnungen im Mittelalter vor einem distinguirten Publikum, welches mit regster Aufmerksamkeit den Höchstinterestanten Erzählungen des Redners folgte. Hatte derselbe doch mit nicht geringem Aufwand von Mühe und Fleiß die Gemeindearchive und Bibliotheken in den verschiedensten Ländern und Gegenden innerhalb wie außerhalb Deutschlands durchforscht, um ein festelndetz Bild, der religiös wie sittlich hochentwickelten Culturverhältniste unserer Vorfahren im Mittelalter bis auf die neue Zeit zur Darstellung zu bringen. Zuerst verbreitete sich der Redner über die Tekanoth Abreviatur für Speyer, Worms und Mainz, die von! dem berühmten Rabbiner Ger schon Möor Hagauloh (qeb. z. Metz 950, gest. als Rabbiner zu Mainz 1028) ausgegangen. Er war es auch, der die damals noch im Abendlanoe unter den Juden vorhandene Vielweiberei durch Erlaß eines Bann (Cherem) endgiltig beseitigte. Die Tekanoth waren für die Gestattung der damaligen Gemeindeverhältniste und Begründung neuer Gemeinden ein dringendes Bedürfniß, weil die Jaden zumeist ganz auf sich selbst angewiesen waren, wie sie auch zumeist des behörlichen Schutzes entbehrten. Sie umfasten daher fast alle Gebiete des sozialen Lebens, Gerichtscompetenz- und Ordnung, Cultus- und Synagogale Anordnungen und solche zum Schutze gegen Angriffe von Außen und für den Verkehr mit AnderSgläublgen, schließlich auch über das sittliche Leben. Für Alles brachte der Redner hochinteressante Citate aus den verschiedensten Jahrgängen und Ländern. Auch mit den uns zunächst angehenden Hamburg-Altonaer Tekanoth aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts, zeigte sich der Redner vertraut und zog daraus Anordnungen hervor, die wobl wenigen siiner Zuhörer bisher bekannt gewesen. Mit der Mahnung die Artakanoth der heiligen Schrttt und des Talmud, als die für das Judenthum allgemein verbindlichen hochzuhalten und sireugstens zu befolgen, schloß der geehrte Redner seinen von lautem Beifall aufgenommenen Vortrag. Ihm folgte gestern Abend im Altonaer Literatur- Verein Herr Provinzialrabbinec Dr. Cahn—Fulda mit einem Vortrag über Ausgrabungen im Orient und über das Buch Esther. Der geehrte Redner leitete seinen in voller Begeisterung für den behandelten Stoff gehaltenen Vortrag damit ein, daß er für